WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Bei Volkswagen verschärft sich die Krise: Die Umsatzrendite soll 2026 bei nur etwa 1 Prozent liegen, nach zuvor deutlich höheren Zielwerten. Gleichzeitig kündigt der Konzern Sparmaßnahmen an, während am Standort Wolfsburg Proteste weiterlaufen. Mit Klaus Zellmer wechselt ein Top-Manager von Skoda zu einem Wettbewerber, was den Druck auf die neu ausgerichtete Konzernführung erhöht. Im Zentrum stehen außerdem Belastungen durch Neubewertungen rund um Porsche sowie ein deutlicher Nachfragerückgang in China.

Die Personalbewegungen und die harten Zahlen aus dem Volkswagen-Konzern wirken derzeit wie zwei Seiten derselben Medaille. Während Vorstandsvorsitzender Oliver Blume dem Konzern eine Rendite auf Vorbildniveau in Aussicht stellt, zeigen die jüngsten Planrevisionen, wie groß die Lücke zur Umsetzung ist. Besonders symbolisch ist dabei der Abgang von Klaus Zellmer: Der 59-Jährige, der als Chef der Marke Skoda die Rendite im ersten Halbjahr auf 8,5 Prozent getrieben hat, wechselt laut Angaben des schwedischen Autobauers Volvo an die Spitze. Für Volkswagen kommt dieser Wechsel in einer Phase, in der nicht nur das operative Ergebnis schlechter ausfällt als geplant, sondern auch der Anpassungsdruck in den Werken deutlich sichtbar wird.
Zellmer steht bei Skoda sinnbildlich für die Art von Steuerung, die im Konzern derzeit dringend gesucht wird: schlanke Kostenstrukturen bei einem Geschäftsmodell, das über Jahre hohe Profitabilität geliefert hat. In der Logik der Konzernstrategie ist diese Erfolgsroute übertragbar, weil sie weniger von kurzfristigen Produktzyklen abhängt und stärker auf Wirkungsketten aus Effizienz, Einkauf und Prozessdisziplin zielt. Genau diese Kette gerät bei Volkswagen aber gleichzeitig unter drei Belastungen: erstens negative Sondereffekte in einer Größenordnung von rund 10 Milliarden Euro, zweitens der konjunkturelle Gegenwind durch ein dramatisch eingebrochenes China-Geschäft und drittens die Notwendigkeit, Strukturkosten durch Vorruhestandsregelungen und Stellenabbau abzufedern. Dass ausgerechnet die Renditeplanung von ursprünglich 4 bis 5,5 Prozent auf etwa 1 Prozent korrigiert wird, macht klar, wie stark sich die zuvor angenommene Stabilisierung noch nicht eingestellt hat.
Die Ursachen sind dabei nicht nur „Buchungspositionen“, sondern spiegeln konkrete Unternehmensentscheidungen und Marktrealitäten wider. Ein erheblicher Teil der rund 10 Milliarden Euro erklärt sich durch höhere Ausgaben für Vorruhestandsregelungen, die im Kontext eines Sparprogramms getroffen wurden. Dazu kommt ein weiterer Block aus dem schwächelnden China-Geschäft: Die Neuzulassungen des einstigen Marktführers sind in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 25 Prozent zurückgegangen. Parallel verschärft sich der Druck im Konzern über den Problemfall Porsche: Für die Jahresbetrachtung entfallen allein 6 Milliarden Euro auf eine Neubewertung der 75-prozentigen Beteiligung am Sportwagenbauer. Damit wird deutlich, dass sich die finanzielle Gesamtlage nicht nur aus Absatzvolatilität ergibt, sondern auch aus Bewertungsfragen im Portfolio.
Technisch-strategisch ist die Lage beim Konzernbaustein Porsche besonders interessant, weil sie eine Verschiebung in der Antriebs- und Investitionslogik zeigt. Der seit Jahresbeginn installierte Chef Michael Leiters soll die zuvor verkündete Fokussierung auf reine Elektroautos zurücknehmen: Ursprünglich war vorgesehen, dass 2030 80 Prozent der neu zugelassenen Autos ausschließlich mit Batterieantrieb unterwegs sind. Nun will das Unternehmen weiterhin auch Verbrenner und Hybride bauen, während ein Sparprogramm die Effizienz erhöhen soll. Bis 2035 sollen insgesamt 9000 Stellen wegfallen. Gleichzeitig schwebt eine deutlich größere Dimension im Volkswagen-Gesamtbild: Im Konzern sollen in den kommenden Jahren bis zu 100.0005 Jobs gestrichen werden, wobei die Umsetzung offenbar noch nicht feststeht, weil die soziale Frage als politisch und operativ relevanter Faktor weiter eskaliert.
Dass die Debatte nicht abstrakt bleibt, zeigt der Blick auf die Arbeitskämpfe und Proteste. Der Aufsichtsrat hat das Zukunftsprogramm von Blume nach heftigen Debatten Anfang September zwar gebilligt, doch Betriebsrat und Gewerkschaft setzen ihre Proteste fort. In Wolfsburg richtet sich der Widerstand nicht nur gegen die Zahl der Stellen, sondern gegen die Logik dahinter. Christiane Benner, Vorsitzende der IG Metall, sagte bei einer Versammlung im Wolfsburger VW-Werk: „Den letzten Cent aus den Beschäftigten herauspressen, ihn an die Aktionäre verteilen und Werke dichtmachen: Das ist kein Weg aus der Krise“. Die Gewerkschaft hatte bundesweit zu Aktionen an zahlreichen Standorten der Industrie aufgerufen; nach ihren Angaben beteiligten sich 175.000 Beschäftigte.
Für die nächsten Monate dürfte damit weniger die Frage im Vordergrund stehen, ob Volkswagen Kosten senkt, sondern wie schnell die Anpassung in marktfähige Ergebnisse übersetzt wird. Der Konzern versucht, die Rentabilität über Effizienzpfade und eine stärkere Ähnlichkeit zwischen Marken zu stabilisieren, doch die Diskrepanz zwischen Zielrendite und Ist-Plan zeigt, dass die Wirkung noch nicht durchschlägt. Gleichzeitig erhöht der Wechsel an der Spitze von Skoda den Fokus auf Führungskompetenz in der Umsetzung: Wer im Konzern eine Rendite von rund 8,5 Prozent als Referenz nennt, muss parallel erklären, wie sich die Belastungen aus China, Neubewertungen rund um Porsche und die sozialen Umfeldeffekte in realen Quartalen abarbeiten lassen.
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