WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Voyager Technologies sieht für seine kommerzielle Raumstation Starlab gute Chancen, fordert aber Anpassungen an den Anforderungen im Entwurf zur NASA-„Commercial Low Earth Orbit Destinations“-Phase-2-RFP. In einem Earnings-Call verwiesen Manager auf bereits mehr als 500 Millionen US-Dollar an Vereinbarungen für die Nutzung der Station. Die Gesellschaft betonte zugleich, dass die Spezifikationen zwar robust genug für bemannte Hardware sein müssen, aber nicht so streng werden dürfen, dass Bau und Budgetrahmen aus dem Takt geraten. Offen bleibt vor allem, wie schnell die finale RFP kommt und welche Details von der Entwurfsfassung übernommen werden.

Voyager Technologies bleibt beim kommerziellen Raumstationsprojekt Starlab auf Kurs – zumindest in der Außendarstellung. Auf einem Earnings-Call am 4. August zeigte sich der Vorstand überzeugt, dass die Nachfrage am Markt greift: Voyager sprach von mehr als 500 Millionen US-Dollar an bereits bestehenden Vereinbarungen, die Starlab für die Nutzung einbinden sollen. Gleichzeitig richtet sich der Blick jetzt auf den nächsten kritischen Meilenstein: den Entwurf einer NASA-Anfrage (RFP) für die „Commercial Low Earth Orbit Destinations“-Phase 2, der am 6. Juli herausgegeben wurde, wobei die Rückmeldungen bis zum 27. Juli eingeplant waren.
Technisch und organisatorisch geht es bei der Forderung nach „Tweak oder Relax“ vor allem um den Zielkonflikt zwischen Sicherheits- und Umsetzungsfähigkeit. Der CFO Phil de Sousa ordnete Starlab als weiterentwickelt ein: Das Projekt sei „über das Konzeptstadium hinaus“ und ziehe bereits spürbare öffentliche und private Zusagen an. Finanzseitig untermauert das Unternehmen die Fortschritte mit NASA-Mitteln aus einem geförderten Space-Act-Agreement: Für den initialen Stationsentwurf steht ein Volumen von 218 Millionen US-Dollar im Raum. In der zweiten Geschäftsquartalsphase meldete Voyager abgeschlossene Meilensteine im Wert von 4 Millionen US-Dollar, damit liegt die insgesamt erhaltene Summe laut Call bei rund 211 Millionen US-Dollar – während sich das Unternehmen dem Ende der Vereinbarung nähert.
Der konkrete Knackpunkt liegt allerdings in der Formulierung der Anforderungen im RFP-Entwurf. CEO Dylan Taylor machte klar, warum die Spezifikationen aus seiner Sicht balanciert werden müssen: Zwar brauche man robuste Vorgaben für „human-rated“ Hardware, doch zu strenge Kriterien könnten dazu führen, dass „niemand“ die Station termingerecht und im Budgetrahmen bauen könne. Diese Einschätzung spiegelt auch weitere, privat geäußerte Bedenken aus der Branche wider, die sich vor allem darauf beziehen, wie viele Anforderungen in welcher Detailtiefe in der Entwurfsfassung enthalten sind. Taylor lobte zugleich den Kurswechsel der NASA im Juni: Die Agentur sei von einem zuvor angekündigten Ansatz abgerückt, bei dem ein staatliches „Core Module“ für die ISS hätte entwickelt werden sollen, an das kommerzielle Module andocken. Der Rückzug dieser Logik wurde in der Industrie als Fehlweg bewertet – und genau deshalb sieht Voyager seine Position auch trotz eines möglicherweise unveränderten Enddokuments als gut an.
Für Unternehmen und Projektplaner ist der Zeitplan dabei mindestens ebenso entscheidend wie die technische Ausgestaltung. Voyager hat die eigene Wettbewerbsstrategie an das Timing der finalen Ausschreibung gekoppelt: In der Diskussion verwies Taylor auf die zeitliche Priorität, um kommerzielle Nachfolger zur ISS zu etablieren, bevor deren geplantes Ende am Ende des Jahrzehnts die Systemlandschaft verändert. NASA-Programmmanagerin Dana Weigel erklärte bei einer Briefing-Session am 3. August, dass die Rückmeldungen zum Entwurf der Phase-2-RFP geprüft werden und die finale Version „as soon as we can“ veröffentlicht werden soll. Taylor formulierte daraus eine klare Erwartung: Eine Entscheidung früher wäre besser, weil der Zeitraum knapp ist, in dem Kapazitäten, Integration und Betriebsfreigaben vorbereitet werden müssen.
Während die Ausschreibung nach außen hin „nur“ Anforderungen und Termine verhandelt, hängt im Hintergrund bereits viel an der Kapitalbasis. Voyager berichtete für das zweite Quartal 52,7 Millionen US-Dollar Umsatz bei einem Nettoverlust von 46,5 Millionen US-Dollar. Der Umsatz stieg zwar um 15% im Vergleich zum Vorjahresquartal, dennoch blieb der Verlust höher als im zweiten Quartal 2025. Auch das angepasste Umsatzziel wirkt wie eine direkte Reaktion auf den nächsten Wachstumsschritt: Nachdem Voyager für 2026 ursprünglich 230 bis 255 Millionen US-Dollar als Guidance genannt hatte, hob das Unternehmen die Spanne auf 275 bis 305 Millionen US-Dollar an.
Die Treiberrolle spielt dabei eine Übernahme, die gleichzeitig Strategie und Portfolio erweitert: Voyager erwarb am 13. Juli Astrobotic Technology, nachdem der Deal am 2. Juni angekündigt und bis zum 13. Juli abgeschlossen wurde. Laut Call zahlte Voyager 171 Millionen US-Dollar für Astrobotic und zusätzlich 129 Millionen US-Dollar in Earnout-Zahlungen, abhängig von der Erreichung von Leistungsmeilensteinen. Post-Acquisition erwartet das Management für 2026/„dieses Jahr“ einen Beitrag von 40 bis 50 Millionen US-Dollar zum Umsatz. In seiner Einordnung brachte Taylor damit nicht nur finanzielle Erwartungen ins Spiel, sondern auch Marktlogik: Astrobotic stärke die Führungsposition in einem der am schnellsten wachsenden Segmente der zukünftigen Raumfahrtwirtschaft, erweitere damit den adressierbaren Markt und erhöhe die Beteiligung an zentraler Mondinfrastruktur. Für Voyager bedeutet das zugleich eine beschleunigte Route Richtung Profitabilität und eine stärkere Wettbewerbsposition in einem expandierenden Marktumfeld. Ergänzend kündigte das Unternehmen an, am 3. Dezember in Pittsburgh ein Investor Day abzuhalten – Pittsburgh gilt als Heimat von Astrobotic.
In Summe entsteht ein Bild aus zwei parallel laufenden Engineering-Realitäten: NASA verhandelt die Phase-2-Bedingungen für kommerzielle LEO-Stationen, während Voyager die eigene Fähigkeit zur Umsetzung über finanzielle und organisatorische Skalierung absichert. Ob die finalen Anforderungen im RFP tatsächlich „geändert oder gelockert“ werden, bleibt offen; ebenso, wann genau die Entscheidung fällt und welche Details in die nächste Wettbewerbsrunde eingehen. Für Starlab hängt daran nicht nur die reine Submission, sondern die Risikokalkulation in Konstruktion, Zertifizierung und Lieferkette – und damit die Frage, wie schnell sich ein kommerzieller Betriebsplan aufbauen lässt, der mit dem Zeitfenster der ISS-Ruhestandsplanung kompatibel bleibt. KI spielt in diesem Kontext als operativer Enabler eher indirekt mit, etwa bei Planung, Datenanalyse und Inbetriebnahmelogik; entscheidend sind aber zuerst die öffentlich definierten Anforderungen, weil sie die Entwicklungsarbeit direkt strukturieren.
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