LONDON (IT BOLTWISE) – Wer bei einer nationalen Wahl die eigene Partei verliert, entwickelt danach bei stark polarisierten Wählern spürbar weniger Vertrauen in andere Menschen. Neue Auswertungen über Umfragedaten aus Kanada zeigen einen Rückgang der sozialen Vertrauenswerte um bis zu rund zehn Prozentpunkte. Besonders groß ist der Effekt bei Wählern, die den Wahlausgang vorab als wahrscheinlich erwartet hatten und ihn dann dennoch nicht bekommen. Gleichzeitig fällt der Zusammenhang bei weniger emotional distanzierten Gruppen deutlich schwächer aus.

Wahlniederlage senkt bei Polarisierung das soziale Vertrauen deutlich
Wahlniederlage senkt bei Polarisierung das soziale Vertrauen deutlich (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Ergebnisse einer Wahl sind nicht nur politisch relevant, sondern greifen offenbar bis in den Alltag hinein: Soziale Vertrauensvorstellungen darüber, ob unbekannte Menschen grundsätzlich fair und regelkonform handeln, können nach einer Wahlniederlage messbar sinken. In einer neuen Studie, veröffentlicht in Electoral Studies, zeigt sich dieser Zusammenhang besonders stark bei Wählern, die ihren Gegenpol emotional ablehnen. Damit rückt eine alte Debatte in den Fokus: Geht mit der Zuspitzung parteipolitischer Lager auch ein Teil der sozialen Basis verloren, auf der Gemeinschaften funktionieren?

Um die Mechanik dahinter einzuordnen, lohnt sich die Unterscheidung zwischen politischem und sozialem Vertrauen. Politisches Vertrauen richtet sich auf Institutionen, demokratische Prozesse und gewählte Amtsträger und hängt häufig daran, ob die eigene Seite konkrete Politik umsetzen kann. Soziales Vertrauen ist dagegen deutlich breiter: Es beschreibt eine weitgehend generalisierte Erwartung, dass die meisten Menschen ehrlich sind und sich an gemeinsame moralische Regeln halten. Bisher ging die Forschung vielfach davon aus, dass dieses soziale Vertrauen relativ stabil bleibt und kurzfristige politische Ereignisse kaum spürbar durchschlagen. Die neue Arbeit stellt diese Annahme zumindest für bestimmte Wählergruppen infrage.

Technisch betrachtet arbeiten die Autorinnen und Autoren mit einem plausiblen psychologischen Erklärungsmodell, das über ein „Informationssignal“ läuft. Ein Wahlergebnis liefert den Wählern eine grobe Rückmeldung darüber, wie viele Mitbürger ihre politischen Vorstellungen teilen. Wenn Wähler zudem glauben, dass die Parteizugehörigkeit etwas über moralische Charaktereigenschaften verrät, kann ein Verlust wie ein negativer Schock wirken: Die Mehrheit wählt eine andere Seite, also muss der „Rest der Gesellschaft“ in den Augen des Verlierers weniger vertrauenswürdig sein. Die Studie baut darauf zusätzlich die Rolle der affektiven Polarisierung ein, also der persönlichen Abneigung gegenüber Anhängern rivalisierender Parteien. In einem Umfeld, in dem dieser Antagonismus zunimmt, werden politische Gegner eher als unehrlich oder unmoralisch interpretiert – und diese Deutung verschiebt dann offenbar auch das Bild vom allgemeinen sozialen Gegenüber.

Für den empirischen Test nutzen die Forschenden Umfragedaten aus Kanada von 2004 bis 2024. Dabei stützen sie sich auf große Datensammlungen wie die „Canadian Election Study“ sowie den „Consortium on Electoral Democracy“, die öffentliche Meinungen über die Zeit hinweg verfolgen. Analysiert werden insgesamt sechs nationale Bundestagswahlen und elf subnationale Provinzwahlen. Die Stichprobe umfasst mehr als 30.000 Befragte, wobei die eingesetzten Modelle je nach Datensatz auf Gruppen zwischen 17.570 und 27.813 Personen zugeschnitten sind. Wichtig ist das Design des Messzeitpunkts: Die Befragungen fragen vor der Wahl nach der beabsichtigten Stimmabgabe und erheben nach dem Wahlausgang eine standardisierte Frage zum sozialen Vertrauen, etwa ob die meisten Menschen vertrauenswürdig seien oder ob man im Umgang mit anderen besonders vorsichtig sein müsse.

Die Studie operationalisiert affektive Polarisierung über Bewertungen der Parteien von 0 bis 100. Aus dem Verhältnis von „warmen“ Gefühlen für die eigene bevorzugte Partei zu „kalten“ Gefühlen gegenüber den gegnerischen Parteien berechnen die Autorinnen und Autoren den Polarisierungsgrad. Im Ergebnis zeigt sich eine konsistente Lücke beim sozialen Vertrauen zwischen Gewinner- und Verliererwählern: Nach Kontrolle demografischer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und Erwerbsstatus berichten Verlierer im Schnitt etwa 3,8 Prozentpunkte weniger Vertrauen in andere Menschen als Unterstützer der siegreichen Partei. Wird die Auswertung auf Anhänger der Gewinnerpartei und des wichtigsten Verlierers beschränkt, erweitert sich diese Lücke auf ungefähr sechs Prozentpunkte.

Bemerkenswert ist auch, wann der Effekt am stärksten sichtbar wird. Die Studie findet, dass Vorerwartungen eine zentrale Rolle spielen: Wer zwar seine Partei verlor, aber zuvor fest damit rechnete, dass sie gewinnen würde, zeigt den größten Vertrauensrückgang. Bei diesen „optimistischen Verlierern“ liegt die Differenz zum Wahlsieger laut den Daten nahezu bei zehn Prozentpunkten. Zudem wirkt die Größe des Wahlereignisses: Nach Aussagen der Autorinnen und Autoren zeigen sich nach unteren Ebenen wie kleineren Distrikts- oder Provinzwahlen keine bedeutenden Unterschiede im sozialen Vertrauen. Nationale Wahlen, so die Interpretation, liefern den Wählern ein deutlich stärkeres und informativeres Signal, weil die gesellschaftliche Zusammensetzung im Ergebnis breiter abgebildet wird.

Besonders klar wird die moderierende Wirkung der affektiven Polarisierung: Bei Wählern mit geringer emotionaler Feindseligkeit geht der Wahlausgang nicht mit einem nennenswerten Rückgang des sozialen Vertrauens einher. Für sie scheint die Information, dass viele Menschen eine andere Partei gewählt haben, nicht die Grundannahme zu erschüttern, dass andere grundsätzlich vertrauenswürdig sind. Anders bei stark Polarisieren: Dort erreicht die Lücke zwischen Gewinnern und Verlierern laut Studie etwa zehn Prozentpunkte. Der Informationsgehalt der Wahl werde dann offenbar vollständig durch die persönliche Abneigung gegenüber rivalisierenden Parteianhängern „gelesen“.

Die zeitliche Verteilung des Effekts passt zu dieser Deutung: Besonders ausgeprägt sei der Vertrauensunterschied in den nationalen Wahlen von 2019 und 2021 gewesen, als die affektive Polarisierung in Kanada über den betrachteten Zeitraum hinweg besonders hoch gewesen sei. In früheren Wahlen, in denen weniger feindselige Einstellungen gemessen wurden, fanden die Forschenden keine bedeutenden Lücken im sozialen Vertrauen. Methodisch bleibt die Studie allerdings auch begrenzt: Sie basiert auf beobachtenden Umfragedaten, kann also keinen kausalen Beweis liefern, dass der Wahlausgang das Vertrauen direkt verändert. Zudem existiert keine echte Kontrollgruppe, die vollständig unbeeinflusst vom Ergebnis gewesen wäre, weil nationale Wahlen alle Bürger gleichzeitig betreffen. Die Autorinnen und Autoren schlagen deshalb als Weiterführung Experimente vor, etwa über Verhaltensspiele, um zu prüfen, ob ein gemeldetes Misstrauen sich auch in tatsächlichem diskriminierendem Verhalten gegenüber Fremden widerspiegelt.


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