LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse der World Values Survey (2005-2022) zeigt, dass stark akademisch geprägte Gruppen kulturell näher an den USA wirken als geringer Gebildete. Besonders deutlich wird das Muster im Vergleich zu „WEIRD“-typischen Werten, auch wenn Studierende aus nicht-westlichen Ländern stammen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bildungsjahre eher WEIRD-Eigenschaften insgesamt „mitziehen“ als eine spezifische Anglosphären-Kopie. Gleichzeitig hängt die kulturelle Distanz zu anderen Großmächten wie China, Russland oder Indien nicht im gleichen Maß vom Bildungsniveau ab.

Psychologische Forschung steht und fällt mit der Frage, wer eigentlich an den Studien teilnimmt. Seit Jahrzehnten dominieren Probanden aus westlichen, formell gebildeten, wohlhabenden und demokratisch geprägten Gesellschaften; für diese typische Auswahl wurde das Akronym WEIRD geprägt. Ein aktueller Fachartikel in Nature Communications nimmt genau diesen Mechanismus ins Visier und macht dabei eine unbequeme, aber gut nachvollziehbare Beobachtung: Nicht nur der „Westen“ als geografische Region, sondern insbesondere der Zugang zu höherer Bildung kann Stichproben kulturell näher aneinander rücken – und dadurch Ergebnisse verzerren.
Im Zentrum der Studie steht die Frage, ob Studierende – selbst wenn sie aus nicht-WEIRD-Ländern kommen – kulturell repräsentativ sind für die Breite der Gesellschaften, zu denen sie gehören. Hintergrund ist, dass Bildung nicht nur Wissen und Fähigkeiten vermittelt. Formale Schulbildung überträgt nach gängiger Forschung gleichzeitig Werte, kognitive Stile und Verhaltensmuster. Die Studie greift dieses Argument auf und setzt es in Beziehung zu kultureller Ähnlichkeit: Wer stärker gebildet ist, zeigt häufiger Merkmale, die in der WEIRD-Literatur als charakteristisch gelten, etwa ausgeprägter Individualismus, analytisches Denken, Nonkonformität oder generalisiertes Vertrauen.
Die Autorinnen und Autoren unterscheiden dabei auch zwischen möglichen Einflusskanälen. Neben dem sozioökonomischen Status kann etwa Einkommen oder Ressourcenlage dazu beitragen, bestimmte Normen zu übernehmen – auch über die Bereitschaft, persönliche Freiheit zu bejahen und unterschiedliche Lebenswelten zu erleben. Dennoch wirkt Bildung in den Ergebnissen als besonders prägnanter Hebel. Die Analyse stützt sich auf Daten der World Values Survey in den Wellen 5 bis 7 (2005-2022) und umfasst 268.992 Teilnehmende aus 95 Ländern. Entscheidend ist zudem das methodische Vorgehen: In jedem Land wurden Teilnehmende in Cluster „hoch“, „mittel“ und „niedrig“ eingeteilt – anhand von Bildungsabschluss, Einkommen und subjektivem sozialen Status. Für die kulturelle Distanz nutzten die Forschenden anschließend einen „cultural fixation index“, der Unterschiede zwischen Gruppen über viele Merkmale hinweg quantifiziert.
Als Referenz dient dabei konsequent die Kultur der USA als prototypisches WEIRD-Gegenstück. Das Muster ist über den gesamten Datensatz recht klar: Gruppen mit hoher Bildung sowie Gruppen mit nur Sekundarbildung waren kulturell näher an den USA als Gruppen mit niedriger Bildung. Die Studie illustriert das an Beispielen: In Singapur konnten hochgebildete Personen in ihrer kulturellen Nähe zu den USA ähnlich wirken wie hochgebildete Menschen in Australien; niedrig gebildete Personen aus Singapur dagegen zeigten eine deutlich größere Distanz. Ähnlich wird es bei Russland beschrieben: Hochgebildete Russinnen und Russen waren den USA kulturell ähnlich, während das bei geringer Bildung weniger zutraf. Dieses Profil fanden die Autorinnen und Autoren in 70 % der untersuchten Länder, also nicht nur in einzelnen Stichproben, sondern als wiederkehrende Tendenz.
Gleichzeitig zeigt der Artikel, wo der Effekt nicht greift. Die kulturelle Ähnlichkeit zu den USA unterschied sich nicht im gleichen Maß zwischen Gruppen, die sich nur nach Einkommen oder nach dem subjektiven sozialen Status unterscheiden. Damit ist der Zusammenhang nicht einfach „Geld macht WEIRD“, sondern eher „Bildung strukturiert kulturelle Normen“. Interessant ist außerdem, dass die Autorinnen und Autoren zeigen, dass die Bildungswirkung sogar stärker sichtbar wird, wenn sie nicht nur die USA, sondern als Referenz mehrere weitere westlich geprägte Länder nutzen – unter anderem Schweden, die Niederlande, Australien, Kanada, das Vereinigte Königreich, Neuseeland, Andorra, Norwegen, Deutschland und die Schweiz. Das spricht dafür, dass der Befund weniger eine direkte Übernahme US-spezifischer Kulturmechanismen meint, sondern allgemein WEIRD-typische Eigenschaften. Noch wichtiger für den internationalen Blick: Bildung war laut den Resultaten nicht mit kultureller Ähnlichkeit zu anderen großen, kulturell und politisch einflussreichen Ländern wie China, Russland oder Indien verbunden.
Damit verschiebt sich die Debatte weg von einer reinen Geografie-Frage hin zu einer Sampling-Frage mit messbaren Folgen. Wenn internationale Studien überproportional Studierende oder akademisch Gebildete einsetzen, können sie Werte und Denkmuster erfassen, die für WEIRD-Kontexte besonders typisch sind. In genau diese Richtung zielt auch die Schlussfolgerung der Forschenden: Cross-kulturelle Stichproben von Studierenden oder universitär Gebildeten können WEIRD-Werte überrepräsentieren. Für die wissenschaftliche Praxis bedeutet das vor allem zwei Dinge: Erstens sollten psychologische Studien stärker darauf achten, wie Bildung als Variable die kulturelle Nähe beeinflusst. Zweitens wächst der Bedarf an Stichproben, die nicht über Bildungsschicht und Hochschulzugang systematisch „vorgefiltert“ sind.
Gleichzeitig bleibt eine methodische Einschränkung wichtig. Der Artikel basiert auf selbstberichteten Überzeugungen und Verhaltensangaben. Diese können von dem abweichen, was Menschen im Alltag tatsächlich praktizieren oder wie sie in konkreten Situationen handeln. Dennoch liefert die Arbeit eine robuste, datengetriebene Perspektive darauf, warum die klassische WEIRD-Debatte auch im Zeitalter globaler Datensätze nicht automatisch erledigt ist. Wer sich in der KI-gestützten Analyse von Survey-Daten oder in der Gestaltung internationaler Forschungsdesigns mit kultureller Generalisierbarkeit beschäftigt, sollte die Bildungsdimension als systematischen Verzerrer ernst nehmen – denn sie kann dazu führen, dass „Kulturelles“ in Wahrheit zu einem großen Teil „Bildungsnähe“ im Sinne WEIRD-typischer Muster ist.
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