HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Interview kritisiert die Philosophin Gisela Schmalz, dass ein verengter Intelligenzbegriff Menschen und Bevölkerungsgruppen abwerten kann. Sie setzt dabei auch beim Bildungssystem an, in dem IQ-Tests früh in Förderentscheidungen einfließen. Besonders im KI-Kontext warnt sie vor einer Vermenschlichung von Systemen, die im Kern Voraussage-Maschinen sind. Die Debatte berührt damit Fragen nach Machtstrukturen, Dateninterpretation und Verantwortung in der KI-Entwicklung.

Der Ausgangspunkt wirkt zunächst wie ein Streit um Begriffe. Doch wenn der Intelligenzbegriff so reduziert wird, dass er sich in wenigen kognitiven Untertests abbilden lässt, entsteht daraus schnell mehr als eine Messgröße: Dann wird aus einem Modell der menschlichen Fähigkeiten ein Maßstab, mit dem Menschen sortiert und bewertet werden. Gisela Schmalz kritisiert genau diese Verselbständigung: Klassische Intelligenztests, etwa über einen IQ, zerlegen „Intelligenz“ in Teilaspekte wie sprachliches Vermögen, mathematisch-logische Fähigkeiten, räumliches Denken, Arbeitsgedächtnis und die Geschwindigkeit im Denken. In der Praxis führt diese Operationalisierung laut Schmalz dazu, dass der Begriff nicht nur beschreiben, sondern zunehmend „Macht“ über Entscheidungen ausübt – vor allem dort, wo die Messung früh im Lebenslauf eingesetzt wird.
Besonders sichtbar wird diese Dynamik im Bildungskontext. Schmalz nimmt Bezug auf die Situation, in der IQ-Tests genutzt werden, wenn Kinder Lernprobleme zeigen, und der IQ dann als Kriterium bei der Zuweisung von Förderprogrammen herangezogen wird. Der technische Knackpunkt liegt dabei weniger in der Existenz von Tests, sondern in der interpretativen Brücke zwischen Messung und Bewertung: Wenn Kinder die Rückmeldung erhalten, sie seien „weniger intelligent“, kann das in Selbststigmatisierung umschlagen – und damit die Wirkung der Interventionen selbst verzerren. In Analogie zu vielen heutigen KI-Projekten ist das Problem dann nicht nur das Modell, sondern die Produktlogik drum herum: Das System liefert eine Kennzahl, die Organisationen anschließend als Handlungsanweisung behandeln, obwohl die Kennzahl nur einen Ausschnitt kognitiver Leistung unter bestimmten Bedingungen abbildet.
Aus der Perspektive der KI-Entwicklung bringt Schmalz eine zweite, ebenfalls strukturelle Kritik ein: KI-Systeme seien keine Intelligenzwesen, sondern Voraussage-Maschinen. Daten aus der Vergangenheit würden mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung in die Zukunft extrapoliert – nicht mehr, nicht weniger. Damit setzt sie einen wichtigen technischen Rahmen: Moderne KI-Modelle lernen Muster aus Daten, um Vorhersagen über neue Eingaben zu treffen. Diese Vorhersagefähigkeit kann beeindruckend wirken, gerade weil Modelle sprachlich oder visuell „konsistent“ erscheinen. Genau dort entsteht jedoch die Gefahr der Vermenschlichung. Unternehmen hätten laut Schmalz ein Interesse daran, KI so zu präsentieren, dass sie wie ein Gegenüber wirkt – denn eine solche Narrative erhöht häufig die Vermarktungschancen. Für Entscheider ist das relevant, weil sich dadurch Erwartungen verschieben: Wenn Nutzer ein System als „intelligent“ fehlinterpretieren, steigt das Risiko, dass sie Ergebnisse als Urteile oder Absichten lesen statt als statistische Ableitungen.
Historisch betrachtet ist Schmalz’ Warnung gegen die Überhöhung von Intelligenz kein reines Feuilletonthema. IQ-Modelle und Intelligenztests wurden über Jahrzehnte entwickelt, verfeinert und in institutionelle Prozesse eingebaut – und genau diese Einbettung erzeugt einen Selektions- und Legitimationsmechanismus. Wenn ein Test als objektives Maß gilt, können politische oder organisatorische Entscheidungen sich auf die „Scheinpräzision“ einer Kennzahl stützen. Schmalz beschreibt in diesem Zusammenhang auch den Missbrauch durch Akteure aus dem rechten Spektrum, die Intelligenzwerte biologisch verankern und daraus angebliche Unterschiede zwischen Gruppen ableiten. Auch wenn solche Behauptungen wissenschaftlich stark umstritten sind, funktioniert die Mechanik in der Praxis ähnlich: Eine Kennzahl wird als Beweisstil missbraucht. Für KI-Systeme bedeutet das, dass selbst ohne explizite Ideologie „falsche Schlussketten“ entstehen können – etwa wenn Korrelationen aus historischen Daten zu ungerechtfertigten Kausalannahmen hochstilisiert werden.
Der Bezug zur KI-Industrie wird damit konkret: In vielen Projekten werden Vorhersagemodelle eingesetzt, um Kosten, Qualität oder Risiken zu steuern – vom automatisierten Scoring bis zur Unterstützung bei Personal- oder Bildungsentscheidungen. Wenn dabei Trainingsdaten die sozialen Verhältnisse der Vergangenheit widerspiegeln, kann das Modell bestimmte Muster reproduzieren, ohne sie zu „verstehen“. Schmalz’ Forderung nach kritischer Distanz zielt genau auf diese Lücke zwischen Modellleistung und gesellschaftlicher Wirkung. Entscheidend ist, dass Unternehmen nicht nur die technische Genauigkeit prüfen, sondern auch die Machtkette dahinter: Wer entscheidet, wie der Output interpretiert wird? Welche Prozesse werden dadurch beschleunigt oder automatisiert? Wo entsteht eine Intransparenz zwischen einer statistischen Vorhersage und einer menschlichen Entscheidung? Gerade in Abteilungen, die KI als Produktivitätshebel nutzen, ist das oft der Unterschied zwischen „funktioniert im Labor“ und „hat unerwünschte Folgen im Betrieb“.
Für die Umsetzung in Organisationen folgt daraus eine pragmatische Lesart. Erstens sollten Intelligenz- und Leistungskennzahlen – ob IQ-artig oder KI-Scores – nicht als Persönlichkeitseigenschaft gelesen werden, sondern als Mess- bzw. Vorhersageinstrument unter Annahmen. Zweitens brauchen Teams einen bewussten Umgang mit Metaphern: Wenn KI-Modelle als „Freunde“, „Wesen“ oder „intelligente Akteure“ kommuniziert werden, sinkt tendenziell die Bereitschaft, Fehlerquellen kritisch zu hinterfragen. Drittens lohnt es sich, die Technologie- und Machtstrukturen getrennt zu betrachten: Das Modell ist ein technisches Artefakt, aber die Strukturen bestimmen, wie daraus Konsequenzen werden. Schmalz legt die Messlatte damit nicht auf einen einzelnen Algorithmus, sondern auf den gesamten Handlungszusammenhang – vom Trainingsdatensatz über die Produktdarstellung bis zur Entscheidungspraxis. Damit wird die Debatte zugleich anschlussfähig für Führungskräfte: KI ist nicht nur eine Frage von Modellen, sondern auch von Verantwortungsdesign.
Am Ende bleibt weniger ein akademischer Streit als eine Arbeitsanweisung. Schmalz plädiert dafür, genügend kritische Distanz zu KI-Systemen zu bewahren und sich gleichzeitig mit den Machtstrukturen zu beschäftigen, in denen KI eingesetzt wird. Für Unternehmen heißt das: Sie sollten ihre KI-Use-Cases so gestalten, dass Kennzahlen nicht zu „Schicksalsurteilen“ werden, und sie sollten die Vermenschlichungsversprechen in Marketing und UI konsequent mit technischem Realismus gegenprüfen. Denn wenn KI als Freund oder Intelligenzsubjekt verkauft wird, wird aus Wahrscheinlichkeitsrechnung schnell eine scheinbar moralische oder intellektuelle Bewertung. Genau diese Verschiebung – vom Berechnen zum Bewerten – ist der Punkt, an dem aus einem technischen Werkzeug im schlimmsten Fall eine systematische Abwertung werden kann.
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