LONDON (IT BOLTWISE) – Malte Ubl, CTO beim Infrastruktur-Startup Vercel, ordnet das Scheitern vieler Startups vor allem einer falschen Einstellung zu. Statt an Geld oder Technologie mangelt es laut ihm häufig an der Fähigkeit, eine schlechte Idee konsequent zu verwerfen. Er betont kurze Feedback-Zyklen, schnelle testbare Prototypen und eine messbare Suche nach Product-Market-Fit. Wer dabei zu lange an Konzepten festhält oder Hypes hinterherläuft, verliert wertvolle Zeit.

Viele Startup-Erzählungen drehen sich um Funding-Runden, technische Differenzierung oder den “richtigen” Zeitpunkt. Aus der Perspektive von Malte Ubl wirkt dieses Bild aber zu technisch und zu bequem: Er stellt bei der Ursachenforschung für Scheitern weniger die Frage, ob ein Produkt funktioniert, sondern ob Gründer sich früh genug eingestehen, wenn es nicht funktioniert. Ubl, CTO bei Vercel und zuvor fast zehn Jahre bei Google (u. a. an der Desktop-Version der Google-Suche), beschreibt den Wechsel als einen Wechsel der Spielregeln: Bei Google konnten winzige Optimierungen den Unterschied machen, während bei einem Startup die Geschwindigkeit über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Das zentrale Argument lautet damit nicht “mehr Technik”, sondern “bessere Entscheidungen unter Unsicherheit”.
Technisch übersetzt Ubls Haltung vor allem in ein Prinzip der iterativen Entwicklung: Annahmen müssen schnell in überprüfbare Ergebnisse überführt werden. Bei Vercel geht es nach seiner Schilderung weniger um das perfekte Feintuning einzelner Stellschrauben, sondern darum, ein Tempo aufzubauen, das Woche für Woche messbare Fortschritte zeigt. Seine Analogie ist dabei bewusst drastisch: Wenn ein Produkt nicht zuverlässig wächst, lohnt sich eine zusätzliche Investition in Richtung, die sich nicht bestätigt. Für Teams heißt das praktisch, dass sie ihre Entwicklungsarbeit stärker an Experimenten ausrichten sollten – also an klaren Hypothesen, an messbaren Signalen aus der Nutzung und an der Frage, ob sich das Nutzerverhalten tatsächlich so verändert, wie es das Geschäftsmodell unterstellt.
Genau an dieser Stelle setzt Ubl den stärksten Kontrapunkt zu verbreiteten Startup-Mythen: Das größte Problem sei nicht mangelnde Technologie oder fehlendes Kapital, sondern die Unfähigkeit vieler Gründer, sich von einer schlechten Idee zu lösen. Radikale Ehrlichkeit klingt einfach, ist in der Umsetzung aber organisatorisch anspruchsvoll, weil sie Feedback nicht als Kritik am Menschen, sondern als Steuerungsinformation behandelt. Ubl verweist darauf, dass es bei Vercel eine Kultur für radikal ehrliches Feedback gibt. Für Unternehmen und Tech-Organisationen ist das relevant, weil sich die Qualität von Entscheidungen in der Frühphase nicht primär durch bessere Slides erhöht, sondern durch die Geschwindigkeit, mit der ein Team schlechte Pfade erkennt und abzweigt – bevor sich aus Irrtümern teure Gewohnheiten entwickeln.
Ein weiterer Punkt ist die “sofortige” Erkennung von Product-Market-Fit. Ubl formuliert das zugespitzt: Wenn Product-Market-Fit existiert, sei es keine Frage mehr. Entscheidend ist dabei seine Warnung vor Schönreden: Es reicht nicht, sich selbst und Stakeholdern ein angenehmes Gefühl zu geben wie “sieht ganz gut aus”. Stattdessen beschreibt er Product-Market-Fit als etwas, das sich in der Realität regelmäßig durchsetzt – und genau diese Durchsetzung lässt sich in der Regel über Nutzung, Wiederholung, Conversion oder Retention beobachten. Dass auch erfolgreiche Unternehmen manchmal lange suchen, zeigt er am eigenen Beispiel: Bei Vercel dauerte es offenbar sechs Jahre, bis das Unternehmen zu den wichtigsten Infrastruktur-Startups gezählt wurde. Die Botschaft dahinter ist für viele Gründer gleichzeitig beruhigend und unbequem: Nicht jede Kurve ist sofort sichtbar, aber trotzdem muss das Team aktiv in der Zeitdimension arbeiten.
Damit verbunden ist sein Rat “Nicht planen – bauen”. Ubl rät dazu, schneller in ein Machen zu kommen und den Weg über reine Konzeptarbeit zu verkürzen. In seiner Argumentation ist ein testbarer Prototyp nicht nur ein technischer Zwischenstand, sondern ein Werkzeug, um echte Kundenreaktionen zu erhalten. Er betont die Notwendigkeit, direkt mit potenziellen Kunden zu arbeiten, weil nur so ein Team permanent Feedback bekommt – und zwar nicht nur auf das “Wie gefällt euch das?”, sondern auf die harte Frage, ob das Grundproblem tatsächlich existiert und ob die vorgeschlagene Lösung daran vorbeigeht oder es trifft. Diese Denkweise passt auch zu modernen Engineering-Setups: Selbst wenn ein Startup noch kein perfektes Produkt hat, kann es frühe Messungen (z. B. über Onboarding-Friction, Aktivierungsraten oder Signale aus der Nutzung) nutzen, um die nächsten Iterationen sauber zu priorisieren.
Zum Abschluss lenkt Ubl den Blick auf die Ideenfindung selbst. Er warnt davor, dem nächsten KI- oder Startup-Hype hinterherzulaufen, nur weil die Themen gerade Aufmerksamkeit bekommen. “Alles ist interessant” klingt für viele ambitionierte Gründer zunächst wie Neugier, kann aber in der Praxis bedeuten, dass Teams Probleme angehen, die sie nicht wirklich durch Erfahrung verstanden haben. Seine Gegenstrategie lautet: Dort starten, wo das Team ein Problem nicht nur aus einem Artikel kennt, sondern selbst erlebt hat. Damit bleibt seine Kernaussage erneut dieselbe – Ehrlichkeit zu sich selbst. Für Entscheider in Tech-Organisationen übersetzt sich das in eine klare Anforderung an Recruiting und Strategie: Teams sollten ihre eigenen Grenzen und blinden Flecken regelmäßig prüfen und nicht erst dann, wenn der Markt längst entschieden hat.
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