PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Florian Wellbrock geht als vierfacher Weltmeister in die Europameisterschaften im Freiwasser, doch nach Infekten wirkt er nicht wie der erwartete Topfavorit. Er spricht von Wochenpause durch Erkrankungen und will im ersten Rennen über zehn Kilometer zumindest in die Top Ten schwimmen. Parallel trifft auch Nationalteam-Kollegin Lea Boy die Vorbereitung hart, weil ein Magen-Darm-Infekt ihre Substanz ausbremste. Verstärkt wird die Unsicherheit durch ein Messsystem zur Wasserqualitätsprüfung, das Wellbrock als zu spät wirksam beschreibt.

Florian Wellbrock kennt den Reiz von Paris – und auch den Schmerz, der darauf folgt. Vor zwei Jahren verpasste der Olympiasieger von 2021 beim Freiwasserwettkampf in der Seine die erhoffte Wende, weil er deutlich geschlagen aus dem Wasser stieg. Dieses Mal springt er erneut in den Fluss, der quer durch die französische Hauptstadt am Eiffelturm vorbeifließt. Dass er in der Rolle des vierfachen Weltmeisters trotzdem keine klare Favoritenstellung einnimmt, liegt weniger an fehlender Erfahrung als an den Folgen von Infekten in der Vorbereitung.
Wellbrock ordnet die Lage sehr konkret ein: Der 28-Jährige berichtet, er sei wegen Infekten dreimal jeweils eine Woche aus dem Wasser gewesen und habe pausieren müssen. In einer Ausdauer-disziplinierten Sportart wie dem Schwimmen bedeutet so eine Lücke typischerweise, dass die fein abgestimmte Trainingssteuerung aus dem Takt gerät und der Körper Tempo- und Belastungsspitzen nicht automatisch wieder in den alten Rhythmus findet. In seiner Magdeburger Trainingsgruppe schwammen laut seiner Darstellung zeitweise nicht alle auf demselben Level mit; er selbst sei dabei „teilweise nur hinterher geschwommen“. Das Ziel für den Start ist deshalb bescheidener gesetzt: Beim ersten Rennen über zehn Kilometer peilt Wellbrock einen Platz in den Top Ten an.
Seine Ausgangslage wirkt auf dem Papier paradox: Im vergangenen Jahr holte Wellbrock bei der Weltmeisterschaft im Meer von Singapur viermal Gold und wäre damit auch in diesem Jahr eigentlich derjenige, auf den man zuerst schaut. Allerdings verschiebt der Trainingsrückstand die Erwartungshaltung messbar nach hinten, weil frühere Spitzenwerte nicht einfach konserviert werden, wenn die Vorbereitung unterbrochen wird. Dazu kommt sein EM- und WM-Kontext: Bei Olympia 2024 schied er sowohl über 800 als auch 1500 Meter bereits im Vorlauf aus, im Freiwasser verpasste er als Gold-Gewinner von Tokio 2021 Edelmetall klar. Das vergangene Comeback zeigt zwar, dass er Rückschläge wegstecken kann, aber es macht die aktuelle Vorbereitung nicht automatisch wieder „glatt“ – eher stellt es die Frage, wie schnell er nach den Infekt-Wochen wieder in den Leistungsbereich trifft, der für zehn Kilometer wirklich konstant durchzuziehen ist.
Während Wellbrock also mit einem reduzierten Trainingsfundament in den ersten Start geht, erwischt es Lea Boy noch härter. Die 26-Jährige hatte sich vor gut einem Monat beim Weltcup in Setúbal einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und sagte ihre geplante Paris-Reise ab. Nach ihren Angaben fehlte ihr dadurch „die Substanz für ein Topergebnis“, zudem habe sie sich bei der Entscheidung gegen einen Platz außerhalb der Top Ten bewusst entschieden. Dass solche Krankheitswellen nicht nur Einzelschicksale sind, untermauert der Hinweis auf mehrere gesundheitliche Probleme nach Rennen im Atlantik: Einige Athletinnen mussten sogar in die Notaufnahme. Damit rückt ein Thema in den Vordergrund, das im Freiwasser immer wieder im Mittelpunkt steht – die Wasserqualität.
Wellbrock kritisiert vor allem das Timing beim Messverfahren zur Überprüfung der Wasserqualität. Er beschreibt, dass 48 Stunden vor Rennstart Wasserwerte erhoben werden, ins Labor gehen und danach eine Freigabe erfolgt oder eben nicht. Seine Argumentation zielt auf den Realitätsbezug: Wenn es im Umfeld der Wettkampfzone Ereignisse gibt, die erst kurz vor der Probenphase relevant werden, kann eine Vorabmessung die tatsächliche Lage im Rennen verfehlen. Als Beispiel nennt er die Situation beim Weltcup in Portugal, bei der Tanker vor der Fahrt aufs Meer ihre Toilette entleert hätten; nach seinen Worten bringt dann selbst eine bereits gemessene Wasserqualität später nichts mehr. Für Paris stimmt ihn zumindest eine Beobachtung: Tanker gebe es in der Seine nicht. Außerdem berichtet er von einer Bekannten im betroffenen Abschnitt, die zuletzt im Wasser gewesen sei und auch Tage danach keine Probleme gehabt habe.
Mit dem Wasser- und Gesundheitsrisiko verknüpft sich auch die Trainings- und Wettbewerbsstrategie. Anders als Teamkollegen wie Oliver Klemet, Johannes Liebmann und Isabel Gose startet Wellbrock in der zweiten vollen WM-Woche nicht im Becken, sondern wechselt nach den Freiwasserwettkämpfen direkt nach Los Angeles. Dort will er an einem Wettbewerb teilnehmen, der als Test für die Olympischen Spiele 2028 in Kalifornien gedacht ist. Für ihn ist das zugleich ein Pragmatismus-Schritt: Wenn die EM-Form durch Infekte nicht planbar auf Top-Niveau abrufbar ist, dann lässt sich ein Teil des Lernens in Richtung zukünftiger Wettkampfbedingungen verlagern. Genau diese Kombination aus kurzfristiger Zielkorrigierung und langfristiger Testlogik macht den Start in Paris am Ende doch zu mehr als nur einem „Comeback unter Einschränkung“.
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