GENF / BRASÍLIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine internationale Open-Letter-Initiative fordert die Führungen von G7, G20 und BRICS auf, den finalen PABS-Anhang des WHO-Pandemievertrags zügig abzuschließen. Der Grund: Ohne den Annex kann das Abkommen nicht in Kraft treten, und damit bleiben Regeln für den schnellen Zugang zu potenziell pandemischen Erregern sowie die gerechte Verteilung von Nutzen vorerst unklar. Verhandler sollen in der Sitzung vom 6. bis 17. Juli mit klarer politischer Rückendeckung zur Einigung kommen. Zugleich wird betont, dass es um mehr als Technik geht – um Souveränität, Governance, Equity und eine messbar frühere Reaktionsfähigkeit künftiger Ausbrüche.

Ein offener Appell an die Staats- und Regierungschefs von G7, G20 und BRICS setzt der Pandemiepolitik eine harte Kante: Der WHO-Pandemievertrag soll endlich vollständig werden, doch das Scharnierstück liegt noch immer beim sogenannten Pathogen Access and Benefit-Sharing (PABS)-Anhang. Der Brief kommt aus Genf und Brasilia und erinnert daran, wie stark die Welt nach den schlimmsten Monaten von COVID-19 „Ungeschütztsein“ erlebt hat – klinisch, gesellschaftlich und ökonomisch. Damit verknüpft die Initiative eine konkrete Handlungsaufforderung für die nächste Verhandlungsrunde, die bereits am 6. Juli startet und bis zum 17. Juli laufen soll.
Im Kern geht es um ein technik- und datengetriebenes Problem, das in der öffentlichen Debatte oft zu abstrakt bleibt: Wie schnell lassen sich potenziell pandemische Erreger identifizieren, ihre genetischen Informationen teilen und die daraus entstehenden medizinischen Gegenmaßnahmen – Tests, Therapien und Impfstoffe – so entwickeln, dass sie nicht nur anderswo wirken, sondern auch dort ankommen, wo das Risiko entsteht. Der PABS-Anhang soll genau diese Pipeline auf faire Füße stellen: Er bildet das Regelwerk, das den Zugang zu pathogenen Materialien und das „Benefit“-Modell daran koppelt, dass ein Ausgangspunkt von Ausbrüchen nicht zur Sackgasse für Gesundheitssysteme wird. Ohne diesen Annex bleibt die Umsetzung auf Halbwegen stehen.
Der technologische Kontext erklärt, warum die Zeitlinie so bedeutsam ist. Moderne Ausbruchsszenarien sind heute datenintensiv: Sequenzierung, Laborvalidierung, Schnelltests und Plattformen zur Impfstoffentwicklung laufen häufig parallel, müssen aber auf verlässliche Eingangsdaten angewiesen sein. Der PABS-Mechanismus zielt darauf ab, genetische Sequenzen nicht erst „im Krisenmodus“ fallweise zu teilen, sondern planbar und mit klaren Erwartungen zu ermöglichen. Im Vergleich zu früheren, stärker ad-hoc geprägten Ansätzen ist das ein Wechsel von improvisierter Kooperation hin zu standardisierten Governance- und Rechtswegen – damit Laboratorien und Partner global schneller reagieren können, ohne jedes Mal neu auszuhandeln, was erlaubt ist.
In einem Punkt ist der Appell bemerkenswert deutlich: Er verbindet Equity nicht nur mit Moral, sondern mit Systemlogik. Der Brief beschreibt PABS als „fairen Handel“: Wer Erreger schnell teilt, muss darauf vertrauen können, dass Impfstoffe und Therapien aus dieser Teilung auch in der eigenen Bevölkerung ankommen. Das ist nicht nur eine Frage von Wohltätigkeit, sondern laut dem Schreiben auch eine strategische Investition in frühe Eindämmung, weil die Kontrolle dort, wo ein Ausbruch beginnt, im Regelfall deutlich kostengünstiger und wirksamer ist als die spätere Eindämmung, wenn sich ein Virus über Kontinente verteilt. Genau an dieser Stelle wird auch der Marktvergleich sichtbar: Während andere globale Gesundheitsinitiativen vor allem in der späten Phase wirken, soll PABS die frühe Phase „beschleunigen“ – und zwar so, dass der Beschleunigungsgewinn nicht nur bei wohlhabenden Akteuren ankommt.
Historisch lohnt sich der Blick zurück auf die Lücken, die COVID-19 offengelegt hat. Die Welt hat damals zwar in vielen Ländern leistungsfähige Impfstoff- und Testkapazitäten aufgebaut, aber die Zugriffsketten für Erregerdaten, Material und später Produktions- und Lieferzugänge waren je nach Land unterschiedlich abgesichert. Schon vor dem Pandemievertrag existierten Rahmen wie der PIP-Mechanismus („Pandemic Influenza Preparedness“) für Influenza, die gezeigt haben, dass internationale Regeln bei knappen Ressourcen nur funktionieren, wenn sie im Alltag operativ belastbar sind. Der Appell argumentiert, dass sich ausgerechnet die letzte große Lücke – PABS als Annex – nicht „wegverhandeln“ lässt, ohne dass das gesamte Abkommen blockiert bleibt.
Auch wettbewerbs- und geopolitisch ist die Lage komplex. Die Verhandlungsdynamik betrifft nicht nur WHO-Mitgliedstaaten, sondern auch Industrien entlang der Wertschöpfungsketten für Diagnostik und Biopharma sowie Plattformanbieter, die Daten-Workflows unterstützen. In ähnlicher Weise stehen im Kontext der offenen Daten für Genomsequenzen verschiedene Modelle nebeneinander: einmal stärker regulatorisch gebundene Zugangswege, einmal Community-getriebene Austauschformate. Branchenexperten berichten laut dem Umfeld solcher Verhandlungen regelmäßig, dass die größte Friktion dort entsteht, wo „Daten teilen“ auf „Produkte bereitstellen“ trifft, weil sich beide Seiten in unterschiedlichen Zeitmaßstäben und mit unterschiedlichen Interessen bewegen.
Zur Einordnung liefert der Brief zudem eine regulatorische Schutzbehauptung: PABS kompromittiere keine staatliche Souveränität. Der Appell verweist ausdrücklich auf Artikel 22 Absatz 2 und betont, dass die WHO keine Hoheit über nationale Rechts- und Politikentscheidungen erhält und auch keine Maßnahmen wie Lockdowns, Reisebeschränkungen oder Impfmandate anordnen dürfe. Für Unternehmen und Behörden ist das relevant, weil Governance-Mechanismen nicht nur den Datenaustausch, sondern auch die Schnittstellen zu nationalem Recht definieren müssen. Aus Security- und Compliance-Sicht heißt das: Das Regelwerk muss so umgesetzt werden, dass es rechtssicher bleibt, aber zugleich die operativen Freiheitsgrade im Krisenfall nicht übermäßig verengt.
Die Dringlichkeit wird im Schreiben mit Szenarien begründet, die auch techniknahe Teams betreffen. Wissenschaftliche Schätzungen werden so dargestellt, dass innerhalb eines Jahrzehnts eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine nächste Pandemie besteht, während Klimawandel, veränderte Landnutzung und sich wandelnde Landwirtschaft die geographischen Startpunkte von Erregern verschieben. Zugleich erhöht die Mischung aus schneller Biotechnologie und ungleich verteiltem Biosicherheitsniveau das Risiko unbeabsichtigter oder gezielt verursachter Freisetzungen. Genau hier wird die Parallele zu modernen IT- und Sicherheitsmodellen sichtbar: Wenn sich die Angriffsfläche verschiebt, müssen Eintritts- und Reaktionsprotokolle aktualisiert werden, statt auf „Vergangenes“ zu vertrauen.
Wie ist das für die Praxis greifbar? Der Appell verlangt, dass die Führungen der Staaten die politische Willensbildung hochrangig absichern: Die verbleibenden Streitpunkte seien nicht primär durch technische Detailarbeit zu lösen, sondern durch ein klares politisches Signal, das Verhandlern erlaubt, Lücken im aktuellen Zyklus zu schließen. Das ist aus Sicht der Unternehmensseite ein wichtiges Muster: Ähnlich wie bei der Einführung verbindlicher Standards in der Cloud oder bei der Durchsetzung von Sicherheitsanforderungen entstehen Fortschritte häufig dann, wenn „Ownership“ und Entscheidungswege eindeutig sind. Ohne Top-Down-Legitimation bleiben technische Arbeitsgruppen sonst in endlosen Schleifen zwischen Interessen stecken.
Der Ausblick endet nicht bei der Verhandlung, sondern bei Kosten und Nutzen. Der Brief erinnert an die Größenordnungen des letzten Krisenjahrs – mit bis zu 20 Millionen Todesopfern und gesamtwirtschaftlichen Schäden in Billionenhöhe – und stellt dem die vergleichsweise kleinen Investitionen gegenüber, die eine frühe Erkennung und ein funktionierendes, faires Gegenmaßnahmen-Ökosystem ermöglichen würden. Als konkretes Beispiel wird ein laufender Ebola-Ausbruch genannt, bei dem es weder zugelassene Impfstoffe noch Heilmittel gibt, während Einsatzkräfte unter hohem Risiko für andere arbeiten. Die implizite Botschaft an den Markt lautet: Wenn PABS unvollständig bleibt, steigen die Zeiten bis zur Skalierung von Gegenmaßnahmen – und damit das Risiko, dass nächste Ausbrüche stärker eskalieren.
Für die kommende Runde bis zum 17. Juli ist die entscheidende Frage, ob der PABS-Anhang in operativer Tiefe so geschlossen wird, dass Equity nicht nur in Präambeln steht, sondern im Alltag wirkt: Welche Definitionen werden für „Benefits“ verwendet? Wie wird Governance ausgestaltet, und wie wird garantiert, dass vergleichbare Akteure unter vergleichbaren Bedingungen Zugang erhalten? Der Appell fordert, dass Verhandler mit der Erlaubnis in den Prozess gehen, diese Fragen im aktuellen Takt wirklich zu Ende zu führen. Experteneinschätzungen aus dem Umfeld solcher Verhandlungen fassen das meist so zusammen: Je klarer Rechts- und Prozessregeln, desto schneller kann die Wissenschaft handeln – aber nur, wenn die politischen Prioritäten gleichzeitig mitgezogen werden.
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