SAN MATEO / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine frühere General Counsel setzt nicht auf allgemeine Chatbots, sondern auf KI für Unternehmensrechtsabteilungen. Der Kern: präzise Quellenangaben, nachweisbare Belegstellen im Dokument und eine Tonalität, die juristische Arbeit erfordert. Seit dem Start wächst das Startup eigenen Angaben zufolge stark und erreicht rund 2.100 Unternehmen. Entscheidend ist für die Gründerin außerdem Vertrauen, inklusive schneller Sicherheitsmaßnahmen wie SOC-2-Ausrichtung und Datenisolation.

Wie eine General Counsel eine KI-Plattform für Legal-Teams aufgebaut hat
Wie eine General Counsel eine KI-Plattform für Legal-Teams aufgebaut hat (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn man in der Legal-Tech-Szene über Künstliche Intelligenz spricht, fällt schnell das Schlagwort „Chatbot“. Bei GC AI entsteht daraus jedoch ein anderes Produktverständnis: nicht der Eindruck, „Antworten zu generieren“, sondern die Fähigkeit, juristische Arbeit im Alltag verlässlich zu unterstützen. Cecilia Ziniti, Mitgründerin und CEO des Startups, war dabei nie die klassische technische Gründerfigur. Sie kam aus dem Rechtsbereich und arbeitete über mehrere Stationen hinweg in sehr praxisnahen, unternehmensinternen Rollen – bevor sie durch einen frühen Blick auf generative KI den konkreten Bedarf für ein spezialisiertes Werkzeug erkannte.

Den Ausgangspunkt lieferte Replit: Dort hatte Ziniti als General Counsel die Möglichkeit, sehr früh mit GPT-gestützten Coding-Umgebungen in Kontakt zu kommen. In der Eingangsphase der öffentlichen ChatGPT-Welle (Ende 2021 bis Anfang 2022) sah sie, was generative Modelle können – und noch wichtiger, wo es für Rechtsteams nicht passt. Als sie später Schulungen dazu gab, wie man ChatGPT für juristische Aufgaben nutzt, zeigte sich die Lücke zwischen einer „klingenden“ Antwort und einem Ergebnis, das in der Realität prüfbar sein muss. Ein Beispiel aus dem Unterricht: Selbst wenn der Inhalt inhaltlich richtig wirkt, können Formulierungen frei phantasierte Details enthalten (etwa sprachliche Anspielungen auf Rio), die für ein professionelles Legal-Use-Case-Setup unbrauchbar sind.

Technisch betrachtet beginnt die Differenz hier weniger beim Modelltyp als bei den Produktanforderungen. Ziniti formulierte mit ihrem späteren Co-Gründer Bardia Pourvakil, was Software leisten muss: korrekte Zitationen, sichtbare Rückverweise auf die Belegstellen im Dokument sowie eine konsistente Sprache für rechtliche Kommunikation. In solchen Anforderungen steckt die eigentliche Arbeitslogik von Unternehmensjuristen: Entscheidungen basieren nicht nur auf Text, sondern auf überprüfbarer Grundlage. Dass Ziniti selbst nicht programmiert, ist dabei kein Widerspruch zur Produktentwicklung, sondern ein Gestaltungshebel – sie beschreibt, dass sie als „ideal customer profile“ zugleich die Rolle der Kundenseite einnahm und deshalb schneller präzisieren konnte, welche Systemeigenschaften ein KI-Assistant braucht, um Vertrauen im Fachbereich zu verdienen.

Mit Blick auf die Marktstrategie setzt GC AI konsequent auf Inhouse-Teams statt auf klassische Kanzlei-Prozesse. Ziniti nennt als Grund dafür, dass sie ihre juristische Laufbahn „in Unternehmen statt in Kanzleien“ verbracht hat und damit den Arbeitsmodus kannte, in dem solche Systeme eingesetzt werden: Rechtsabteilungen mit klar abgegrenzten Dokumenten, internen Workflows und einer hohen Erwartung an Datenschutz sowie Nachvollziehbarkeit. Laut eigener Darstellung konzentriert sich das Produkt zunächst auf Corporate Legal Departments, später wurden zusätzliche Bausteine ergänzt – darunter Contract-Analyse und Funktionen rund um Anfragen, die an Legal-Teams gerichtet werden. Dabei geht es auch um Umsatzmodelle: GC AI verdient über Sitzplatz-Abonnements und erweitert das Portfolio um Werkzeuge, deren Preis nach Dokumentvolumen gestaffelt ist, sowie um eine Plattform für das strukturierte Bearbeiten von Legal-Requests.

Die Zahlen zeigen, dass die Kombination aus Fachdomänenwissen und KI-Implementierung offenbar bei Zielkunden ankommt. Ziniti spricht von einem Wachstum von 400% im Jahresvergleich und davon, dass das Startup heute rund 2.100 Unternehmen betreut, nach etwa 900 im Jahr zuvor. Die Kundenbreite reicht von großen Konzernen bis zu Startups mit nur einem Inhouse-Juristen; genannt werden unter anderem Lockheed Martin, Time, Eventbrite, Vercel und Gusto. Wettbewerb gibt es zwar auch: GC AI konkurriert in der Kategorie Legal-KI mit Startups wie Harvey und Legora, positioniert sich aber anders. Während sich einige Anbieter primär an Kanzleien richten, adressiert GC AI von Anfang an Unternehmen und deren Vertrags- und Anfrageprozesse; selbst das Beispiel Contract Intelligence lässt sich daran festmachen, dass die Analyse auf „eigene Dokumente“ fokussiert, statt über Materialien von tausenden Mandanten hinweg zu arbeiten.

Ein weiterer Faktor ist Vertrauen als Produktdimension. Ziniti beschreibt es als „Nummer eins“ unter den Kriterien für den Verkauf von KI an Corporate Legal. Aus Unternehmenssicht klingt das nach einer weichen Anforderung, ist aber im Tagesgeschäft sehr konkret: Sicherheits- und Datenpraktiken bestimmen, ob Teams KI-Workflows überhaupt akzeptieren. Laut Ziniti setzt das Unternehmen früh auf SOC-2-Konformität, implementiert Datenisolation und trainiert die Modelle nicht anhand vertraulicher Kundendaten. Dass dabei auch sprachliche Abgrenzung wichtig ist, zeigt das Kundenvideo-ähnliche Bild, das Ziniti zitiert: „Trust, trust, trust. Oh, and trust.“ Zusätzlich arbeitet GC AI mit einem gemischten Skill-Set im eigenen Personalbestand – rund ein Drittel der etwa 125 Mitarbeitenden seien Juristinnen und Juristen, was die Umsetzung der oben genannten Zitations- und Tonalitätsanforderungen strategisch absichert.

Finanziell ordnet sich das Projekt in eine Entwicklung ein, die man in der generativen KI gerade häufiger sieht: ein anderer Typ von Gründerin oder Gründer. Ziniti beschreibt sich selbst nicht als KI-Pionierin im Sinne einer Entwicklerbiografie, sondern als erfahrene Branchenpraktikerin, die den Use-Case erkennt und die technische Umsetzung über einen passenden Partner vorantreibt. Ihre VC-Vorbereitung kommt zudem aus dem Netzwerk: Sie war Angel-Investorin und General Counsel bei mehreren venture-backed Startups, was den Einstieg in Finanzierungsrunden erleichtert haben soll. Der Seed-Commit kam laut Bericht von Amber Illig von The Council; insgesamt nennt GC AI nahezu 72 Millionen US-Dollar über drei Runden. Die jüngste Finanzierung sei eine 60 Millionen US-Dollar Series B gewesen, co-led von Scale Venture Partners und Northzone, mit einem Bewertungspreis von 555 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig investierten laut Ziniti rund 45 General Counsels über ein Special-Purpose-Vehicle mit.

Unterm Strich zeigt GC AI, wie stark sich der Markt für generative KI in Richtung „Workflow-orientierter“ Systeme verschiebt. Der Unterschied liegt nicht darin, dass ein Modell Texte besser schreibt, sondern darin, dass Rechtsteams belastbare Belege, kontrollierbare Ergebnisse und klare Sicherheitsannahmen erwarten. Wenn sich Künstliche Intelligenz in Legal-Umgebungen durchsetzt, dann typischerweise dort, wo juristische Präzision als Produktanforderung gleich zu Beginn fest im Lastenheft steht. Für Unternehmen ist das besonders relevant, weil KI damit vom Experimentierstatus in einen operationalen Bestandsteil übergehen kann – sofern die Systeme genau die Lücke schließen, die Ziniti aus Schulungen und Pilotfragen heraus identifiziert hat.


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