LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, wie stark Parteihass und emotionale Loyalität die Bewertung politisch hoch aufgeladener Ereignisse prägen. Die Forschenden vergleichen Reaktionen auf die Black-Lives-Matter-Proteste 2020 und den Angriff auf das US-Kapitol am 6. Januar. Entscheidend ist dabei nicht nur die Parteizugehörigkeit, sondern insbesondere die Abneigung gegenüber der jeweils anderen Seite. Dadurch können identische Ereignisse je nach innerer Weltsicht als „Verteidigung der Demokratie“ oder als Angriff darauf erscheinen.

Die Debatte um die Black-Lives-Matter-Proteste 2020 und den 6.-Januar-Angriff auf das US-Kapitol wird in den USA oft so geführt, als ließe sich „die Wahrheit“ nur über Fakten klären. Die vorliegende Untersuchung stellt jedoch einen anderen Mechanismus in den Mittelpunkt: Wie stark Menschen den politischen Gegner emotional ablehnen, entscheidet mit darüber, ob sie Proteste als legitim oder als gefährlich einordnen. Damit verschiebt sich der Blick weg von der Frage, welche Informationen jemand hat, hin zur Frage, wie diese Informationen im Kopf verarbeitet werden, wenn die eigene politische Identität im Spiel ist.
Im Kern geht es um eine Studie, die in der Fachzeitschrift Political Research Quarterly erschienen ist. Die Forschenden Rongbo Jin (The Chinese University of Hong Kong, Shenzhen) und Spencer Lindsay (University of Arizona) untersuchten, wie vorbestehende politische Einstellungen die Bewertung zweier Ereignisse strukturieren, die seit Jahren als Brennpunkte der amerikanischen Spaltung gelten. Wichtig ist die methodische und moralische Einordnung, die die Autor: innen explizit treffen: Der Vergleich soll keine Gleichsetzung der Ereignisse bedeuten, sondern erklären, wie die Bevölkerung in Zeiten intensiven Konflikts kognitiv „sortiert“.
Die Studie baut auf einem psychologischen Verständnis auf, das in der Politikwissenschaft als „affective polarization“ bekannt ist. Gemeint ist damit nicht nur ein Streit über Positionen, sondern ein aktives Misstrauen und eine Abneigung gegenüber der anderen Partei. Statt wie „objektive Wissenschaftler“ Informationen abzuwägen, greifen viele Menschen auf schnelle mentale Abkürzungen, sogenannte Heuristiken, zurück. Diese Heuristiken füttern wiederum „motivated reasoning“: Man nimmt eher das auf, was der eigenen Gruppe schmeichelt, und verwirft eher Fakten, die die eigene Seite schwächen. Die Autor: innen zeigen, dass solche Denkprozesse stark von grundlegenden Werten abhängen: Republikaner priorisieren häufiger soziale Ordnung und Konformität, während Demokraten Rechte, Teilhabe und Inklusion stärker gewichten.
Für die empirische Messung kombinierten Jin und Lindsay eine Primärumfrage mit einer Analyse von Paneldaten aus dem American National Election Studies-Umfeld. In einer Erhebung aus dem späten Jahr 2023 beurteilten 1.000 erwachsene Teilnehmende die Black-Lives-Matter-Proteste 2020 sowie den 6.-Januar-Angriff auf dem Kapitol nach mehreren Dimensionen, etwa ob das Geschehen als legal wahrgenommen wird oder als „ermutigend“ beziehungsweise „gefährlich“. Die Forschenden operationalisierten affective polarization über Skalenwerte, die Gefühle gegenüber den beiden großen Parteien von 0 bis 100 abbildeten, wobei 0 die kühlste Bewertung markiert. Zusätzlich erhob die Studie die Verortung in Parteiflügeln, etwa als „MAGA Republican“ oder „progressive Democrat“.
Das Muster in den Ergebnissen ist besonders prägnant: Demokraten bewerteten BLM deutlich positiver und den 6. Januar deutlich negativer, während bei Republikanern der umgekehrte Effekt sichtbar wurde. Die emotionale Abneigung verstärkte die Extreme: Wer der gegnerischen Partei am kältesten gegenüberstand, fiel bei beiden Ereignissen die stärksten, jeweils parteikonformen Bewertungen. Interessant ist zudem, dass die Logik nicht an streng formaler Parteizugehörigkeit endet. Auch bei sogenannten „pure independents“ zeigte sich ein Effekt: Wenn diese Personen der Demokratischen Partei eher wohlgesonnen waren, beurteilten sie BLM tendenziell positiver. Das stützt die zentrale These, dass emotionale Bindungen politische Ansichten auch dann verschieben können, wenn Menschen sich nicht eindeutig in eine Partei einordnen.
Noch klarer wird die Differenzierung innerhalb der Lager. Bei den Demokraten fielen „progressive Democrats“ wesentlich positiver über BLM aus als „establishment Democrats“. Auf der rechten Seite zeigt sich die gleiche Binnenlogik: MAGA-Republikaner beurteilten den 6. Januar deutlich positiver und BLM deutlich negativer als establishment-Republikaner. Eine zusätzliche Dimension liefert den Erklärungsrahmen: Die Befragung fragte, ob die Teilnehmenden die amerikanische Demokratie aktuell als bedroht wahrnehmen. Beide Lager, die eine hohe Bedrohung sahen, gaben stärker polarisierte Bewertungen ab – aber in entgegengesetzte Richtungen. Für Demokraten führte die Überzeugung von einer demokratischen Bedrohung eher zu Zustimmung für BLM und zu Kritik am 6. Januar. Für Republikaner galt das spiegelbildlich: Bedrohungserleben wurde dort mit Kritik an BLM und einer deutlich wohlwollenderen Einschätzung des 6. Januar verknüpft.
Die Autor: innen beschreiben diesen Mechanismus als „saving democracy“-Rahmen: Wenn Bürgerinnen und Bürger den politischen Rahmen als gefährdet interpretieren, nutzen sie diese Bedrohungsannahme, um kontroverse politische Handlungen zu legitimieren oder abzulehnen. Entscheidend ist dabei, dass dieselbe Situation je nach vorbestehenden Loyalitäten als Notwehr gegen den „Angriff auf die Demokratie“ oder als Angriff auf sie verstanden werden kann. Genau hier liegt auch die Verbindung zu den kognitiven Prozessen, die zuvor beschrieben wurden: Heuristiken und motiviertes Denken sorgen dafür, dass neue Informationen in die vorhandene Weltsicht einsortiert werden, statt sie diese Weltsicht grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen.
Um zu prüfen, ob sich solche Bewertungen im Zeitverlauf verschieben, werteten Jin und Lindsay außerdem Paneldaten aus 2016, 2020 und 2024 aus. Da diese Sekundärdaten keine spezifischen Fragen zum 6. Januar enthalten, fokussierten sie sich in dieser Teilanalyse ausschließlich auf BLM. Das Ergebnis: Als Republikaner zwischen 2016 und 2020 gegenüber der Demokratischen Partei „wärmer“ wurden, entwickelten sie zugleich wärmere Gefühle gegenüber BLM. Umgekehrt galt: Wenn Demokraten den politischen Gegner stärker akzeptierten, wurde BLM tendenziell weniger positiv bewertet. Die Autor: innen interpretieren das als Hinweis auf moderatere Positionierungen: Wer die Gegenseite weniger stark emotional abwertet, kann die Bewertung anderer, links verorteter gesellschaftlicher Protestformen ebenfalls abschwächen.
Gleichzeitig betonen die Forschenden die Grenzen ihrer Schlussfolgerungen. Da es sich um Beobachtungsdaten handelt, kann die Studie keine Ursache-Wirkung-Beziehungen im engeren Sinn beweisen. Es ist genauso plausibel, dass die Bewertung solcher Ereignisse die Abneigung gegenüber der Gegenseite erst verstärkt, statt nur umgekehrt. Zudem waren die Teilnehmenden bei der Primärerhebung 2023 gefragt, Ereignisse aus 2020 und 2021 zu bewerten. Erinnerungen sind dadurch anfällig für zeitversetzte Interpretationen, die durch mediale Dauerberichterstattung und politische Botschaften geprägt sein können. Für die Forschung wären deshalb experimentelle Designs naheliegend, die die Reihenfolge beeinflussen: Wie schnell und in welcher Abfolge formt eine neue Nachricht die Verarbeitung, bevor Parteigrenzen vollständig „verhärten“?
Für die Praxis bleibt die Kernaussage politisch und gesellschaftlich brisant: In einer stark polarisierten Umgebung ist die Debatte über Proteste weniger ein Datendilemma als ein Identitätsdilemma. Wer Wahl- und Kommunikationsstrategien entwickelt, kommt deshalb nicht umhin, emotionale Loyalitäten und die damit verknüpften Bedrohungsrahmen mitzudenken. Auch Organisationen, die Bürgerkommunikation betreiben, sollten prüfen, wie ihre Botschaften nicht nur Fakten liefern, sondern ob sie im Empfänger die passende „Welterzählung“ anstoßen oder verstärken. Denn wenn „Bedrohung der Demokratie“ als Deutungsfilter funktioniert, kann selbst eine sachliche Darstellung je nach parteipolitischem Ausgangspunkt in entgegengesetzte Urteile münden.
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