LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Beitrag in der Sozialpsychologie verbindet das Gefühl, in der sozialen Hierarchie zurückzufallen, mit einer stärker „transaktionalen“ Sicht auf Beziehungen. Forschende zeigen mit drei Untersuchungen, dass persönliches relatives Deprivations-Erleben eher dazu führt, andere als Werkzeuge zu betrachten statt als Menschen. Der Mechanismus läuft über eine Wechselorientierung, bei der Kosten und Nutzen gedanklich mitgemessen werden. Besonders klar wird der Zusammenhang, wenn das Deprivationsgefühl experimentell provoziert wird.

Wie soziale Benachteiligung zu „instrumentellen“ Beziehungen führt
Wie soziale Benachteiligung zu „instrumentellen“ Beziehungen führt (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer sich in der sozialen Rangordnung benachteiligt fühlt, verliert nicht nur an Selbstvertrauen. Die Studie „Personal Relative Deprivation Leads to the Objectification of Social Targets: Exchange Orientation as a Mechanism“ verlagert den Blick auf etwas deutlich Strukturierbares: Gefühle des relativen Zurückgesetztseins verändern, wie Menschen zwischenmenschliche Situationen interpretieren. Aus dem Text wird dabei eine klare Richtung ersichtlich – nicht das bloße Unwohlsein steht im Zentrum, sondern die Art, wie die eigene Umwelt daraus abgeleitet wird. Wenn die Vergleichsfolie zu den „Peers“ schmerzlich auseinandergeht, wird aus Beziehung zunehmend ein Mittel zum Zweck. Das lässt sich als psychologischer Umbau verstehen: Die soziale Welt wird weniger als Netzwerk mit gegenseitiger Bedeutung gelesen, sondern stärker als Arena mit wechselseitigen Versprechen, die man „managen“ muss.

Als theoretischer Einstieg beschreibt die Arbeit, wie häufig soziale Vergleiche im Alltag ohnehin stattfinden. Menschen suchen Stabilität, indem sie ihren Status mit anderen abgleichen – Aufwärtsvergleiche etwa, wenn jemand mehr Geld, einen besseren Job oder einen höheren sozialen Stand wahrnimmt. Das kann zwar Antrieb für Selbstverbesserung erzeugen, im ungünstigen Fall jedoch kippt es in ein intensives Gefühl der Benachteiligung. Psychologinnen und Psychologen nennen dieses Erleben persönliche relative Deprivation: die subjektive Empfindung, im Vergleich zu anderen unfair behandelt zu werden. Vorangegangene Forschung ordnet dieses Gefühl in den größeren Rahmen von Frustration, Ärger und Ressentiment ein und verknüpft es mit Verhaltensänderungen wie erhöhter Aggressivität und weniger Bereitschaft zu hilfreichem Handeln.

Genau hier setzen die Autorinnen und Autoren Xuegang Zheng, Jie Leng und Ping Hu an. Ihre zentrale Hypothese lautet, dass Deprivation Menschen anfälliger dafür macht, ihre Mitmenschen nicht mehr als eigenständige Personen wahrzunehmen, sondern als nutzbare Objekte. Das Konzept der Objektifizierung wird dabei präzise eingegrenzt: Autonomie, Handlungsfähigkeit und subjektive Erfahrungen eines Gegenübers verschwinden aus dem mentalen Blickfeld. Stattdessen gerät die andere Person als Instrument ins Denken – als „Werkzeug“, das zur Erreichung eines konkreten Ziels beiträgt. Gleichzeitig vermuten die Forschenden, dass sich dieser Wandel über eine Wechselorientierung vermittelt: Beziehungen werden dann stärker wie Transaktionen behandelt, bei denen Kosten und Nutzen streng verfolgt werden. Dem gegenüber stehen „kommunale“ Beziehungen, in denen gegenseitige Fürsorge und Unterstützung dominieren und man weniger rechnet, wer wem etwas schuldet.

Um den Mechanismus nicht nur korrelativ, sondern schrittweise nachzuvollziehen, stützen sich die Autorinnen und Autoren auf drei unterschiedliche Untersuchungsdesigns. Die erste Untersuchung arbeitet mit einem großen Datensatz von 3.482 Erstsemestern an einer Universität in China. Die Teilnehmenden füllen standardisierte Fragebögen aus, die mehrere Facetten des subjektiven Benachteiligtseins erfassen. Zusätzlich beantworten sie Fragen dazu, wie oft sie ihre sozialen Kontakte als reine Werkzeuge für den eigenen persönlichen Gebrauch behandeln. Das Ergebnis ist eindeutig genug, um als robustes Muster zu gelten: Höhere Werte relativer Deprivation gehen mit einer stärkeren Tendenz zur Objektifizierung einher. Wichtig ist auch, dass der Zusammenhang nicht einfach durch Unterschiede in Alter oder Geschlecht erklärt werden kann; die Forschenden passen die Auswertung entsprechend an und finden die Beziehung dennoch.

Da eine Korrelationsstudie nicht zeigen kann, ob Deprivation das objektifizierende Verhalten tatsächlich kausal auslöst, testen Zheng, Leng und Hu in der zweiten Untersuchung eine Art „Brücke“ im Kopf. Dafür rekrutierten sie 250 Erwachsene für eine detailliertere Online-Befragung, in der wiederum relative Deprivation und Objektifizierung gemessen werden. Ergänzend wird erfasst, inwieweit die Teilnehmenden Kosten und Nutzen in Freundschaften gedanklich tracken. Damit der Effekt nicht einfach eine Folge von Persönlichkeitsfaktoren ist, werden dunkle Merkmale einbezogen – unter anderem Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie – sowie das allgemeine Streben nach sozialer Macht. In dieser zweiten Phase zeigt sich: Eine transaktionale Mindset-Interpretation vermittelt tatsächlich den Weg. Deprivation hängt stark mit der Wechselorientierung zusammen; diese sagt wiederum die Objektifizierung anderer voraus. Der Pfad bleibt stabil, selbst wenn der Einfluss dunkler Persönlichkeitsmerkmale und die Tendenz zur Dominanz statistisch herausgerechnet werden.

Für die Kausalkette kommt dann das dritte Design: ein Experiment mit 194 Erwachsenen. Hier manipulieren die Forschenden das Deprivationsgefühl aktiv über eine Szenerie aus dem Science-Fiction-Bereich. Die Teilnehmenden versetzen sich gedanklich in eine Welt, auf der Ressourcen hoch oben gelagert sind und Fliegen die entscheidende Kompetenz für ein gutes Leben darstellt. Zwei Gruppen werden unterschiedlich gestellt: Die eine Gruppe vergleicht sich mit den erfolgreichsten Bewohnern des Planeten – mit dem meisten Wohlstand, der besten Ausbildung und den besten Jobs. Diese Bedingung soll hohe relative Deprivation provozieren. Die andere Gruppe vergleicht sich mit den am wenigsten erfolgreichen Bewohnern und induziert damit eher niedrige Deprivation. Anschließend reflektieren die Teilnehmenden ihre zugewiesene Lage und bewerten, wie sie in dieser Welt neue Freundschaften gestalten würden. Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse bei der Trait-Gewichtung: Die stark benachteiligte Gruppe legt deutlich mehr Wert auf instrumentelle Fähigkeiten – konkret auf die fliegerische Kompetenz – während zwischenmenschliche Eigenschaften wie Freundlichkeit, gemeinsame Werte oder eine interessante Persönlichkeit statistisch nicht signifikant unterschiedlich ausfallen.

Damit liefert die Studie nicht nur einen psychologischen Zusammenhang, sondern eine Mechanik, die sich im Denken der Zielgruppe testen lässt: Deprivation führt dazu, Beziehungen stärker durch eine Kosten-Nutzen-Brille zu lesen. Dieses transaktionale Mindset macht den praktischen Nutzen anderer zur Leitgröße und trainiert gewissermaßen die Aufmerksamkeitsrichtung. Wer sich „zurückgelassen“ erlebt, sucht dann weniger nach gegenseitiger Passung, sondern nach strategischen Vorteilen. Dass die Autorinnen und Autoren auch Grenzen benennen, ist methodisch wichtig: Die Messung basiert teilweise auf hypothetischen Szenarien und Selbstberichten—Beides bildet reale Face-to-Face-Interaktionen nicht perfekt ab. Außerdem stammen die Stichproben vollständig aus China; kulturelle Unterschiede bei Vorstellungen von Fairness, Vermögensverteilung und Gemeinschaftsunterstützung könnten Reaktionen auf Benachteiligung verändern. Dazu kommt: Selbst wenn die Wechselorientierung als bewährter Mechanismus identifiziert wird, könnten weitere psychologische Reaktionen zum Zerfall sozialer Beziehungen beitragen.

Für die Praxis lässt sich daraus eine arbeitsfähige Schlussfolgerung ableiten: Interventionen, die Gemeinschaftsbindung betonen, könnten der Objektifizierung entgegenwirken – zumindest ist genau das als Hypothese für zukünftige Forschung naheliegend. Ebenso interessant wäre zu klären, wie lange solche transaktionalen Mindsets nach einer Verbesserung des sozialen Status anhalten. Auch wenn das Papier auf klassischer Sozialpsychologie basiert, lassen sich die Implikationen für Organisationen gut übertragen: In Teams können wahrgenommene Ungerechtigkeiten oder Statusunterschiede ähnliche Denkpfade auslösen, bei denen man Kolleginnen und Kollegen eher als Ressourcen denn als Personen behandelt. Der Effekt beginnt dann oft dort, wo Vergleichsmechanismen unfair wirken – und setzt sich fort, wenn die Umgebung nicht wieder „kommunale“ Spielregeln sichtbar macht. Für KI-gestützte HR- und Coaching-Ansätze ist das zwar kein direkter Trainingsdatensatz, aber eine wertvolle Perspektive: Modelle, die menschliches Verhalten abbilden, profitieren besonders dann, wenn sie soziale Vergleichsdynamiken und Deprivationsgefühle als Kontextvariable ernst nehmen, statt nur auf individuelle Traits zu schauen.


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