RJASAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Treffern auf Wildberries-Logistikzentren in der Region Rjasan und weiter in Pensa brennt offenbar großflächig Lagerkapazität. Die Ukraine setzt damit ihren Fokus nach den Angriffen auf Raffinerien erneut auf die digitale Handelsinfrastruktur. Betroffene Händler berichten von Chaos im laufenden Betrieb, während die politischen Motive zwischen militärischer Zielsuche und wirtschaftlichem Druck schwanken. Gleichzeitig bleibt offen, ob der Schritt vor allem auf die Rüstungsbehauptung oder auf breiteren politischen Kalkül zielt.

In der Region Rjasan hat der Krieg diesmal weniger ein klassisches Infrastrukturziel getroffen, sondern einen Knotenpunkt des Alltags: das Lager des Online-Händlers Wildberries. Augenzeugen filmen, wie auf dem Weg zum Ziel Kampfdrohnen manövrieren, während aus dem Logistikgelände schwarze Rauchwolken aufsteigen. Vor Ort berichten Anwohner und Händler zudem von unmittelbaren Betriebsproblemen, die sich nicht mit „einmaliger“ Sachbeschädigung erklären lassen, weil in der Lieferkette Lagerung, Kommissionierung und Versand wie in einem einzigen Takt arbeiten. Für Unternehmen und Selbstständige bedeutet das: Schon wenige Stunden Unterbrechung schlagen oft direkt auf Kontrakte, Retouren und kurzfristige Lieferversprechen durch.
Der Umfang der Zerstörung fällt dabei nicht nur wegen der Bilder ins Gewicht, sondern auch wegen der Systemrolle, die Wildberries im russischen E-Commerce spielt. Das Lager in Rjasan gilt nach Medienangaben als bereits elftes Logistikzentrum des Unternehmens, das die ukrainischen Truppen binnen weniger als zwei Wochen angegriffen haben; mindestens acht davon sollen zumindest teilweise ausgebrannt sein. Mit über einer Million Quadratmetern verbrannter Lagerfläche werden rund 20 Prozent der Gesamtlagerfläche von Wildberries betroffen, wie es eine Rechnung auf Basis von unabhängigen Wirtschaftsdaten nahelegt. Zusätzlich werden Werte beziffert: Noch vor dem Angriff in Rjasan seien demnach Lagerräume im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro vernichtet worden, dazu kommen Waren im Gesamtwert von knapp 1,7 Milliarden Euro. Das sind Größenordnungen, die sich zwar nicht über Nacht in eine „Zusammenbruch“-These übersetzen lassen, aber die Finanzierung, Logistikplanung und Risikokalkulation bei sehr vielen angeschlossenen Händlern messbar verändern.
Technisch und operativ betrachtet ist das auch deshalb besonders wirkungsvoll, weil Wildberries nicht wie ein einzelnes Herstellerwerk funktioniert, sondern wie ein Netz: Viele Produkte werden zentral gelagert, dann rollen sie über standardisierte Prozesse in den Versand. Wenn große Flächen ausfallen, sinkt nicht nur die kurzfristige Lieferfähigkeit, sondern es entstehen auch Folgekosten durch Sicherheitsbestände, Ersatzlager, neue Distributionsrouten und die Abwicklung beschädigter oder zerstörter Ware. Wildberries versucht solchen Brüchen typischerweise durch Wachstum und Kapazitätsaufbau zu begegnen; im letzten Schritt wird beschrieben, dass das Unternehmen mit Krediten stark expandierte, Lagerflächen im Eiltempo ausbaute und zusätzlich mit weiteren Geschäftsfeldern wie Online-Bank und Reisebüro die Nutzerbasis breiter anlegen wollte. Ob dieses Expansionsmodell im konkreten Kriegskontext als Resilienz-Strategie taugt, steht damit auf dem Prüfstand: Je schneller ein System skaliert, desto stärker können Kapazitätsausfälle auf die Bilanz und Cashflows durchschlagen.
Unterschiedliche Deutungen prallen dabei aufeinander. Aus ukrainischer Sicht wird die Angriffslogik damit verbunden, dass auf der Plattform militärische Güter gehandelt würden – darunter wird unter anderem die Rede von FPV-Drohnen, Glasfaserkabeln für Steuerungen, Panzerplatten und Schutzwesten. Gleichzeitig stellen nicht wenige Beobachter diese Begründung infrage und ordnen Wildberries eher als unzureichend „militärisches“ Ziel ein. Der Journalist Wladislaw Gorin verweist in seiner Argumentation auf eine ähnliche Logik wie bei früheren Bombardements in der Ukraine, die mit vermeintlicher Nutzenproduktion gerechtfertigt worden seien, ohne dass sich daraus automatisch ein legitimer oder verhältnismäßiger Angriff ableiten lasse. In der praktischen Abwägung spielt außerdem eine Rolle, dass der Anteil militärischer Artikel an der Gesamtplattform offenbar klein ist – entscheidend erscheint damit weniger die „Trefferqualität“ einzelner Warengruppen als die wirtschaftliche Hebelwirkung über den Plattformbetrieb.
Die Marktdynamik liefert hierfür die Verbindung: Wildberries ist in Russland der größte Online-Händler und erzielte für 2025 einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro, während der Gewinn laut den genannten Zahlen auf etwas unter zwei Milliarden Euro kam. Im selben Kontext wird auch Ozon gegenübergestellt, das auf rund 50 Milliarden Euro Umsatz und etwa 100 Millionen Euro Gewinn kommt; daraus ergibt sich eine klare Positionierung von Wildberries als dominanter Infrastrukturbetreiber. Wenn sich damit – wie beschrieben – etwa die Hälfte des russischen E-Commerce über Wildberries abwickelt, kann schon „wenig Einsatz“ im Sinne von punktuellen Angriffen große Effekte erzeugen, weil viele Händler gleichzeitig von einem einheitlichen Logistiklayer abhängen. Bis zu 400.000 Händler sollen auf der Plattform aktiv sein und damit überproportional unter den Verlusten leiden, ohne dass der Plattformbetreiber diese Schäden im vollen Umfang ausgleichen kann. Für den sozialen Druck bedeutet das: Händler, die ihre Ware nicht rechtzeitig bereitstellen oder beschädigt wiederfinden, brauchen Geldumlauf und verlässliche Abwicklung – wenn beides stockt, steigt die Unzufriedenheit.
Gerade vor politischen Terminen in Russland kann diese Unzufriedenheit als Druckmittel wirken. Der Mechanismus ist allerdings nicht nur „Schaden erzeugen“, sondern auch „Frust kanalisieren“: Die Kontrolle über Medien, Zensur und Sicherheitsapparate schafft dem Kreml gleichzeitig Möglichkeiten, Proteste zu unterdrücken oder umzulenken. Entsprechend lässt sich die zweite Ebene der Strategie als Versuch lesen, eine Eskalationsdynamik indirekt zu beeinflussen – auch wenn die Probleme der betroffenen Händler für Kremlentscheidungen politisch nur am Rand stehen könnten. Dazu passt eine weitere Spekulation, die im Quellmaterial angerissen wird: Es wird eine Theorie beschrieben, nach der Wildberries zumindest teilweise wegen interner Macht- und Verflechtungsfragen zum Ziel wird. Konkrete belegte Aussagen dazu gibt es laut Text jedoch nicht, ebenso bleibt offen, ob der Staat bereit ist, unmittelbare Entschädigungsmechanismen zu übernehmen oder stattdessen gesellschaftliche und wirtschaftliche Effekte selektiv zu begrenzen.
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