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MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach fast vier Jahren geht der Wirecard-Prozess in die Schlussphase. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch setzt den Verteidigern von Markus Braun sowie zwei Mitangeklagten eine zweiwöchige Frist für die letzten Beweisanträge. Die Kammer will diese Frist voraussichtlich am 11. November verkünden und anschließend das Plädoyer der Staatsanwaltschaft vorbereiten. Termine für Plädoyers und Urteil stehen dabei noch nicht fest.

Wirecard-Prozess in München: Letzte Frist für Beweisanträge der Verteidigung
Wirecard-Prozess in München: Letzte Frist für Beweisanträge der Verteidigung (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Mammutprozess um den Wirecard-Komplex tritt in eine Phase, in der sich die Verfahrenslogik spürbar verdichtet. Nach fast vier Jahren richtet das Münchner Gericht den Fokus auf die finalen Beweisschritte: Den Verteidigern von Markus Braun und zwei Mitangeklagten räumt die Kammer eine zweiwöchige Frist ein, um die letzten Beweisanträge einzureichen. Als Orientierung gilt der 289. Prozesstag, an dem der Vorsitzende Richter Markus Födisch die Frist sowie das weitere Vorgehen skizzierte. Nach jetzigem Stand soll die Kammer die Frist bis zum 11. November verkünden.

Für die Verfahrensbeteiligten bedeutet diese zeitliche Weiche vor allem eines: Wenn in der verbleibenden Zeit keine weiteren Beweisanträge nachgeschoben werden, plant Födisch die Vorbereitung des Plädoyers der Staatsanwaltschaft mit deren Strafanträgen für die drei Angeklagten. Gleichzeitig bleibt der konkrete Ablauf offen, denn bereits festgelegte Termine für Plädoyers und Urteil gibt es laut Darstellung noch nicht. Das unterstreicht eine typische Dynamik großer Wirtschaftsstrafverfahren: Erst wenn der Beweisteil „ausgeatmet“ ist, kann das Gericht die eigentliche Verfahrensmitte in Richtung Schlussvorträge verschieben.

Inhaltlich steht der Prozess weiterhin im Spannungsfeld zwischen behaupteter Geschäftsrealität und bestrittenen Zahlungs- bzw. Ergebnisdarstellungen. Laut Anklage sollen Braun und weitere Beteiligte über Jahre nicht vorhandene Umsätze erdichtet haben, um kreditgebende Banken zu täuschen; die Staatsanwaltschaft beziffert den Betrugsschaden auf drei Milliarden Euro. Demgegenüber bestreitet der Ex-Vorstandschef Braun nach Darstellung seit Prozessbeginn sämtliche Vorwürfe und verweist darauf, die Geschäfte seien echt gewesen, während Gewinne von anderen Akteuren – insbesondere Marsalek und Komplizen – veruntreut worden seien. Der Vorsitzende Richter hat diese Verteidigungslinie jedoch als nicht schlüssige „Spekulationen“ zurückgewiesen.

Dass ein Freispruch nach Einschätzung des Gerichts derzeit ausgeschlossen ist, wird in der Berichterstattung auch daran festgemacht, wie die Kammer mit der Untersuchungshaft umging. Braun sitzt seit über sechs Jahren in Untersuchungshaft; die Logik, dass ein solcher Zustand nicht aufrechterhalten würde, wenn die Kammer ihn „für unschuldig“ hielte, wird in der Darstellung ausdrücklich als Maßstab herangezogen. Diese Argumentationslinie wirkt zugleich als Kontrast zu einem früheren Verfahrensmuster, das das Gericht zuletzt mehrfach in der Ablehnung von Anträgen gezeigt haben soll: Sowohl teils jahrelang zurückliegende Beweisanträge als auch eine Aussetzung des Verfahrens wurden wiederholt abgelehnt.

Im Detail rückt zudem der Umgang mit Kontoständen und Belegketten in den Mittelpunkt – ein Bereich, der in Wirtschaftsstrafverfahren oft über die Glaubwürdigkeit einzelner Aussagen entscheidet. Dritter Angeklagter ist der ehemalige Chefbuchhalter E., der den Angaben der Anklage ebenso widerspricht. Richter Födisch konfrontierte E. zuletzt mit gefälschten Kontosalden über 660 Millionen Euro aus dem März 2018, gerichtet an den Chefbuchhalter. Die Darstellung beschreibt dabei einen offensichtlich unmöglichen zeitlichen Ablauf: Dem Wirecard-Treuhänder in Singapur sei die Bestätigung der Kontostände vom Dezember 2017 angeblich schon im März 2017 übersandt worden.

Besonders brisant ist dabei die Beschreibung der nachgelieferten Korrektur, weil sie die Plausibilität der vermeintlichen Sachverhaltsaufklärung berührt. Einen Tag später habe E. eine korrigierte Fassung mit dem richtigen Datum erhalten, in der aber die angeblichen Kontostände jeweils um Millionenbeträge geändert worden seien. E. habe daraufhin angegeben, mit den Details nicht befasst gewesen zu sein und keine Erklärung für die Abweichungen zu haben. Solche Widersprüche wirken im Verfahren häufig wie ein Prüfstein: Nicht nur die Frage „Gab es die Kontostände?“ ist relevant, sondern auch, wer welche Informationen zu welchem Zeitpunkt geprüft, dokumentiert oder geglaubt haben soll.

Auch die Darstellung der Verteidigungstheorie wird in diesem Prozessabschnitt weiter unter die Lupe genommen. Ein Manager, der ehedem für Wirecard in Dubai tätig war, soll die Darstellung der Staatsanwaltschaft in den wesentlichen Punkten bestätigt haben. Das stellt die Frage nach der inneren Konsistenz der konkurrierenden Narrativen: Während Braun betont, Gewinne seien andernorts veruntreut worden, zieht die Anklage die Existenz der nicht vorhandenen Umsätze und die Täuschungsabsicht als gemeinsames Narrativ durch Jahre. In der Schlussphase werden solche Konfliktlinien besonders wichtig, weil das Gericht seine Würdigung häufig an den belastbarsten Beweisknoten und nicht an Randbehauptungen festmacht.

Für Beobachter aus dem Technologie- und Compliance-Umfeld ist an diesem Prozessverlauf zugleich ein strukturelles Lehrstück ablesbar: Bei komplexen Finanz- und Buchhaltungsdarstellungen entscheidet die Beleg- und Datenkette darüber, ob spätere Erklärungen noch tragfähig sind. Gerade die beschriebenen „unmöglichen“ Zeitstempel und die nachträglichen Änderungen von Kontoständen zeigen, wie sensibel Gerichte gegenüber Inkonsistenzen reagieren. Wenn die Kammer nun in Richtung Plädoyer geht, wird sich zeigen, wie stark die Strafanträge auf die einzelnen Beweiskomponenten aufbauen – und ob die Verteidigung mit den letzten Beweisanträgen noch neue Angriffsflächen eröffnen kann. Bis zu einer Entscheidung bleiben die wesentlichen Punkte damit vor allem eine Frage der gerichtlichen Beweiswürdigung, nicht bereits eine Frage des Ausgangs.

Parallel dazu bleibt der weitere Zeitplan ein praktischer Faktor: Nach jetzigem Stand steht zwar der 11. November als Zeitpunkt der Verkündung der Frist im Raum, jedoch sind die konkreten Termine für Plädoyers und Urteil noch nicht festgelegt. In Großverfahren kann das an der internen Terminlogistik liegen, aber auch daran, ob letzte Anträge noch eine gewisse Nachsteuerung erfordern. Für die Angeklagten, ihre Verteidiger und die Staatsanwaltschaft wird die nächste Phase damit vor allem organisatorisch: In kurzer Zeit muss entschieden werden, welche Beweise tatsächlich noch als erforderlich angesehen werden – und welche Argumentationslinien danach ohne weitere Beweiserweiterung in die Schlussvorträge gehen.

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