BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Wirtschaft drängt auf eine gezielte Reform der Datenschutz-Grundverordnung. Laut einer Bitkom-Umfrage von 605 Unternehmen fordern 90 Prozent Anpassungen an der DSGVO und 93 Prozent eine grundlegende Umgestaltung des Aufsichtssystems. Viele Firmen sehen hohen Dokumentationsaufwand, Rechtsunsicherheit und wenig praktische Unterstützung durch Behörden. Als nächster Schritt kündigt der Verband die „Privacy Conference“ mit Blick auf konkrete Entlastungen an.

Nach acht Jahren DSGVO verschiebt sich der Ton in der deutschen Tech- und Digitalwirtschaft deutlich: In einer Umfrage unter 605 Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden kommt der Digitalverband Bitkom zu einem klaren Ergebnis. 90 Prozent der Befragten sprechen sich für eine gezielte Reform der Datenschutz-Grundverordnung aus, während 93 Prozent eine grundlegende Umgestaltung des deutschen Aufsichtssystems verlangen. Der Kern der Kritik ist weniger eine generelle Ablehnung von Datenschutz, sondern der Eindruck, dass die Umsetzung im Alltag von Aufwand und Rechtsunsicherheit geprägt ist.
Besonders stark fällt dabei die Belastungswirkung für Projekte ins Gewicht, die ohnehin stark von Datenverarbeitung abhängen. 71 Prozent der Unternehmen sagen, dass Datenschutz die Digitalisierung im Land hemmt. 92 Prozent bewerten den administrativen Aufwand als hoch; als größte Quelle der Zusatzarbeit werden die Dokumentationspflichten bei der Verarbeitung personenbezogener Daten genannt. Das betrifft nicht nur „Papierarbeit“, sondern wirkt in typischen Wertschöpfungsketten nach: Wer Prozesse, neue Use Cases oder Datenflüsse einführt, muss die Nachweisfähigkeit früher aufbauen und Änderungen laufend neu bewerten.
Die Umfrage zeigt zudem einen direkten Hebel in Richtung KI-Entwicklung: In jedem zweiten Unternehmen (50 Prozent) behindert Datenschutz den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das ist aus technischer Sicht plausibel, weil KI-Workflows häufig mehrere Datenrunden umfassen – von der Erhebung über Vorverarbeitung bis hin zum Training, Fine-Tuning und Monitoring nach dem Deployment. Wenn schon die Dokumentations- und Freigabewege für einzelne Verarbeitungsschritte als zeitintensiv gelten, verlängern sich Projektzeiten und die Skalierung wird zäher. Hinzu kommt, dass 42 Prozent der Unternehmen bereits auf Produkte oder Lösungen aus Ländern außerhalb der EU verzichtet haben, um datenschutzrechtliche Risiken zu vermeiden.
Damit rückt auch die Rolle der Datenschutzbehörden in den Fokus. Die Unternehmen kritisieren eine mangelnde Beratung sowie eine uneinheitliche Auslegung der Vorgaben. Ein besonders konkreter Punkt: 37 Prozent der Firmen, die in den vergangenen zwei Jahren Hilfestellung bei einer Aufsichtsbehörde angefragt haben, erhielten laut Umfrage gar keine Rückmeldung. Für die Praxis bedeutet das, dass Unsicherheit nicht nur im Regeltext entsteht, sondern auch im Verhalten der zuständigen Stellen – etwa bei Interpretationsfragen zu Zuständigkeiten, Einwilligungsmechanismen, Zweckbindung oder bei der Bewertung, wann welche Datensparsamkeits- und Dokumentationsnachweise ausreichen.
Die Forderungen gehen daher über bloße Detailkorrekturen hinaus. Unter den Unternehmen, die Reformbedarf sehen, plädieren 85 Prozent für eine Zentralisierung der Datenschutzaufsicht in Deutschland; 80 Prozent wünschen sich eine Bündelung zusätzlich auf EU-Ebene. Dahinter steckt ein einfaches Ziel: gleiche Ausgangslage für Unternehmen in verschiedenen Bundesländern, weniger „Behördenlotterie“ bei der Auslegung und klarere, wiederholbare Kriterien für die Umsetzung. Eine zentrale Aufsicht kann zwar nicht automatisch jedes Risiko eliminieren, sie würde aber zumindest den Interpretationsspielraum reduzieren und damit Planbarkeit erhöhen.
Bitkom stellt ausdrücklich klar, dass es nicht um Deregulierung geht, sondern um Verhältnismäßigkeit. Eine Reform solle den Datenschutz nicht schwächen, sondern seine Wirkung und Akzeptanz stärken. Als Entlastungsmaßnahmen nennen die Unternehmen unter anderem das Streichen von Dokumentationspflichten bei risikarmen Verarbeitungen sowie eine einheitliche Auslegung durch die Behörden. In der technischen Umsetzung würde das vor allem bedeuten, dass sich Ressourcen stärker auf die wirklich relevanten Verarbeitungsvorgänge konzentrieren lassen – etwa auf risikointensive Profiling- oder großskalige Datenverwendungen – statt auf standardisierte Nachweise für Fälle, in denen das Schadenspotenzial gering ist.
Um den Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Aufsichtsbehörden zu intensivieren, veranstaltet der Bitkom am 29. und 30. September die „Privacy Conference“ in Berlin. Im Mittelpunkt steht dabei auch der „Digital Omnibus“, ein aktueller EU-Vorschlag zur Reform der DSGVO, der als Ansatzpunkt für spürbare Entlastungen diskutiert werden soll. Entscheidend wird sein, ob aus den bisherigen Befunden mehr als ein politisches Schlagwort entsteht: Unternehmen brauchen vor allem klare Leitplanken, konsistente Interpretationen und praktikable Dokumentationsanforderungen, damit KI- und Digitalisierungsprojekte nicht in der Vorab-Compliance stecken bleiben.
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