BERLIN / BREMEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Wulf Herzogenrath, früherer Direktor der Sektion Bildende Kunst, ist nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Der Kunsthistoriker prägte als Museumsleiter und späterer Akademie-Direktor maßgeblich den Blick auf Film und Video als gleichwertige Kunstformen. Sein Vermächtnis reicht von der Arbeit am Hamburger Bahnhof bis zu den von ihm initiierten Skizzen-Büchern, die nun zu einem umfangreichen Kompendium zusammenlaufen. Für Kultureinrichtungen ist das ein Signal, wie wichtig digitale Vermittlung, Archivierung und Rechteklärung entlang des Medienlebenszyklus sind.

Wulf Herzogenrath, langjähriger Direktor der Sektion Bildende Kunst der Berliner Akademie der Künste, ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Der Kunsthistoriker starb bereits am Donnerstag in Berlin nach einer kurzen, schweren Krankheit. Mit seiner Arbeit verband sich über Jahrzehnte hinweg die Idee, dass Film und Video nicht als „Randmedien“, sondern als tragende künstlerische Ausdrucksformen zu verstehen sind. Damit rückte er zugleich die Frage in den Mittelpunkt, wie Institutionen Medien bewahren, kontextualisieren und zugänglich machen, statt sie nur kuratorisch zu präsentieren.
Besonders deutlich wird dieser Fokus in seinem institutionellen Weg: In Bremen leitete Herzogenrath von 1994 bis 2011 die Kunsthalle. Bereits 2006 wurde er zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und übernahm 2012 die Leitung der Sektion Bildende Kunst, die er bis 2021 innehatte. Die Akademie würdigte sein Schaffen mit dem Hinweis, dass er Film- und Videopioniervisionen mit einer ausgesprochenen Offenheit für unterschiedlichste Formate verband. Seine Arbeitsweise war dabei weniger das starre Festlegen von Kanons, sondern das systematische Sammeln von Spuren, Ideen und Varianten.
Diese Sammlungstaktik beschreibt Karin Sander, Direktorin der Sektion Bildende Kunst, als zentrales Element seines Vermächtnisses: Herzogenrath habe leere Skizzen-Bücher über Jahre mit sich geführt und Künstlerinnen und Künstler gebeten, jeweils eine Seite zu bearbeiten. So entstand über die Zeit ein vielbändiges Kompendium, das jetzt zu einem großen Gesamtwerk zusammenwächst. Aus digitaler Perspektive zeigt sich hier ein wichtiges Prinzip: Die „Dokumentationsschicht“ eines künstlerischen Prozesses wird zu einem eigenen Artefakt. Gerade bei Medienkunst, deren Materialien altern, Dateiformate migrieren müssen und Kontextwissen schnell verloren geht, ist diese Form der Nachhaltigkeit entscheidend.
Technisch betrachtet steht hinter solchen Architekturen der Medienkunst stets mehr als nur die Ausstellungsfläche: Es geht um die Kopplung von Sammlung, Beschreibung und Zugriff. Bei Video- und Filmarbeiten entscheidet die Institution, wie Metadaten strukturiert werden, welche Informationen zur Entstehung, zu technischen Parametern und zur Aufführung erhalten bleiben und wie digitale Reproduktionen langfristig funktionieren. Historisch ist das kein neues Problem: Schon früher mussten Archive mit dem physischen Zerfall von Trägermaterial umgehen. Neu hinzu kommt jedoch der Aufwand, die Lesbarkeit über wechselnde Speichersysteme und Standards hinweg zu sichern, inklusive Rechteketten für Bild- und Tonmaterial.
Herzogenrath brachte dafür nicht nur kuratorische, sondern auch kuratorisch-technische Erfahrung aus unterschiedlichen Häusern mit. Geboren wurde er 1944 in Rathenow (Brandenburg). Er studierte Kunstgeschichte und promovierte 1970 in Bonn über Oskar Schlemmers Wandbilder. Von 1973 bis 1989 war er Direktor des Kölnischen Kunstvereins; von 1989 bis 1994 betreute er als Hauptkustos der Nationalgalerie Berlin die Konzeption des neuen Museums für Gegenwart im Hamburger Bahnhof. Diese Stationen markieren eine Lernkurve vom klassischen Kunstbetrieb hin zu einem stärker medien- und programmorientierten Selbstverständnis.
Wenn man das in den heutigen Wettbewerb der Kulturinstitutionen einordnet, wird Herzogenraths Rolle besonders interessant. Häuser wie das ZKM Karlsruhe oder das Museum für Gegenwartskunst in anderen europäischen Zentren betreiben seit Jahren hybride Strategien, in denen Medienkunst, Forschung und technische Infrastruktur eng zusammenlaufen. Branchenberichten zufolge verstärkt sich der Druck auf Einrichtungen, Formate nicht nur zu zeigen, sondern auch „betriebsfähig“ zu machen: mit stabilen Workflows für Migration, Rechteverwaltung und Langzeitarchivierung. In diesem Umfeld wirkt eine Sammlungskultur wie die von Herzogenrath wie ein frühes Systemdesign für spätere Dokumentations- und Archivanforderungen.
Sein Übergang von Bremen zurück nach Berlin im Jahr 2012 passt in diese Entwicklung: Gerade die Akademie als Plattform zwischen Forschung, Öffentlichkeit und Künstlernetzwerken braucht Konzepte, die sowohl wissenschaftliche Tiefe als auch Vermittlungsfähigkeit verbinden. Für Unternehmen, die heute in die digitale Kulturarbeit investieren—etwa mit Archivplattformen, Katalogsystemen oder Museums-Analytics—liegt darin ein methodischer Fingerabdruck: Der Mehrwert entsteht, wenn Medienkunstdaten nicht nur gespeichert, sondern in verständliche Kontexte übersetzt werden. Dazu gehören auch nachvollziehbare Provenienzangaben, die bei Medienformaten und Kooperationsprojekten besonders komplex sind.
Mit Blick auf regulatorische und datenschutzbezogene Aspekte ist das Vermächtnis ebenfalls anschlussfähig. Bei modernen digitalen Sammlungen treffen Urheber- und Nutzungsrechte auf die Frage, wie Personenbezüge in Metadaten gehandhabt werden—etwa bei Autorenschaft, Mitwirkenden oder interviewartigen Dokumenten. Institutionen müssen daher technische Systeme so auslegen, dass Rechteinformationen versionierbar sind und Zugriffsregeln je nach Nutzergruppe greifen. Die Würdigung Herzogenraths erinnert daran, dass nachhaltige Kunstarbeit nicht ohne institutionelle Compliance auskommt. Für die kommenden Jahre ist zu erwarten, dass die Digitalisierung von Medienkunst noch stärker in standardisierte Datenmodelle und Langzeitstrategien überführt wird.
Auch der Markt- und Expertendiskurs wird damit weiter beeinflusst: Branchenbeobachter erwarten, dass sich Kulturhäuser stärker als „digitale Betriebssysteme“ verstehen müssen—mit klaren Verantwortlichkeiten für Migration, Präsentationsqualität und Wissenstransfer. Gleichzeitig dürfte die Bedeutung von gemeinschaftlichen Sammlungspraktiken wie Herzogenraths Skizzen-Büchern zunehmen, weil sie eine Brücke zwischen individueller künstlerischer Handschrift und systematischer Dokumentation schlagen. So entsteht ein Gesamtwerk, das nicht nur museal wirkt, sondern auch als Referenz für künftige Archiv- und Vermittlungsprojekte dienen kann. Herzogenraths Tod ist damit mehr als ein Abschied: Er ist ein Anstoß, wie Institutionen Film- und Videokunst organisatorisch, technisch und rechtlich zukunftsfähig machen.
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