LONDON (IT BOLTWISE) – XRP testet nach einem spürbaren Abverkauf ein 52-Wochen-Tief knapp unter der Ein-Dollar-Marke. Während Terminmärkte auf vorsichtige Stimmung hindeuten, häufen große Wallets über mehrere Wochen hinweg weiterhin Bestände an. Gleichzeitig brechen die Zuflüsse in US-XRP-ETFs deutlich ein und ein Sicherheitsvorfall belastet das Sentiment zusätzlich. Für die nächste Preisphase entscheidet damit weniger die kurzfristige Nachfrage als das Zusammenspiel aus Liquidität, Regulierung und On-Chain-Dynamik.

XRP steckt mitten in einer technischen und marktpsychologischen Druckphase: Der Kurs fiel zeitweise auf 0,99 US-Dollar und damit erstmals seit November 2024 unter die psychologisch wichtige Ein-Dollar-Schwelle. Am Dienstag wurde zudem ein 52-Wochen-Tief von 0,9929 US-Dollar markiert, während die Notierung kurz darauf wieder um die 1,01 US-Dollar pendelte. Der Abwärtstrend ist dabei nicht nur ein kurzfristiges Rauschen, sondern wird über mehrere Zeithorizonte sichtbar: Seit Jahresbeginn summiert sich der Verlust auf 45 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar auf 68 Prozent. Auffällig ist die laut den vorliegenden Marktbeobachtungen „seltene Spaltung“ zwischen Großanlegern und privaten Haltern, weil sich Kauf- und Verkaufsdynamiken nicht deckungsgleich entwickeln.
Technisch betrachtet liefert der Vergleich mit gleitenden Durchschnitten Hinweise auf die Tiefe der Abwärtsbewegung. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt laut Quelle bei 1,08 US-Dollar; damit notiert XRP 6,7 Prozent darunter. Noch deutlicher wird das Bild beim 200-Tage-Durchschnitt von 1,31 US-Dollar: Der Abstand beträgt bereits 23 Prozent, ein Signal dafür, dass der mittelfristige Abwärtstrend verfestigt ist und nicht nur kurzfristig „ausgedehnt“ wurde. Zusätzlich nähert sich der Relative-Stärke-Index (RSI) mit 35,1 der überverkauften Zone an. In solchen Phasen kann es zwar zu technischen Gegenbewegungen kommen, aber der Kurs entscheidet dann meist erst, wenn sich Angebot und Nachfrage in der Liquiditätsschicht spürbar umdrehen.
Genau dort setzt die Gegenstory an: Während der Kurs schwächelt, nimmt die Aktivität auf der Wallet-Ebene offenbar zu. Daten des Analysehauses Santiment zeigen, dass die Zahl der Wallets mit mehr als einer Million XRP binnen drei Monaten um 32 auf einen mehrmonatigen Höchststand von 2.038 stieg, trotz eines Rückgangs der Marktkapitalisierung um 29 Prozent im gleichen Zeitraum. In der Woche bis zum 11. August kauften große Halter demnach mehr als 380 Millionen XRP hinzu. Besonders relevant ist dabei, wo die Abflüsse landen: 81 Prozent der Binance-Abflüsse gingen in Self-Custody-Wallets, also in Verwahrung durch die Nutzer selbst. Parallel registrierte Glassnode einen Anstieg aktiver Adressen von rund 35.000 auf 43.500 sowie einen Sprung der täglichen Transaktionen von 360.000 auf 490.000. Diese Kette aus On-Chain-Parametern spricht weniger für „Krisenstarre“ als für eine Phase, in der Kapital gebündelt und Bewegungen umgeschichtet werden.
Am Derivatemarkt und bei institutionellen Produkten zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Zwar springt das Open Interest bei Binance von einem Rückgang um 13 Prozent Anfang August auf ein Plus von 7,4 Prozent; das kann auf steigendes Engagement hindeuten. Gleichzeitig bleibt das Long-Short-Verhältnis mit 45,7 Prozent Long-Positionen auf eher vorsichtiger Seite, also ohne klare Einseitigkeit für eine starke Aufwärtswette. Zudem wuchs das offene Interesse binnen einer Woche um rund 400 Millionen US-Dollar beziehungsweise 188 Millionen XRP – ein Signal, das der Analyst CryptoInsightUK als möglichen Auslöser für eine „scharfe Kursbewegung“ einordnet. Dem gegenüber stehen deutliche Abflüsse im institutionellen Umfeld: Die wöchentlichen Netto-Zuflüsse in US-XRP-ETFs brachen um 93 Prozent auf nur noch rund 1,01 Millionen US-Dollar ein, nachdem sie zuvor teils über 100 Millionen US-Dollar pro Woche erreicht hatten. Der Grayscale XRP Trust verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 Abflüsse von mehr als 100 Millionen Token; der laut Cryptoquant ermittelte realisierte Durchschnittspreis liegt bei 0,75 US-Dollar. Das bedeutet zwar, dass Teile der Halter kurzfristig noch in einer Gewinnzone sind, aber das Muster bleibt belastend, weil neue Nachfrage im ETF-Umfeld aktuell nicht nachzieht.
Die Risiko-Komponente kommt zusätzlich aus zwei Richtungen: Regulierung und Sicherheit. Beim CLARITY Act, der US-Kryptoregeln festschreiben soll, wurde die Behandlung im Senat ohne Abstimmung vertagt; der Fokus liegt nun auf der für den 15. September angesetzten Entscheidung, wobei 60 Stimmen benötigt werden. Da die Sitzverteilung mit 53 republikanischen Sitzen nicht automatisch die nötige Mehrheit abdeckt, werden nach den Angaben der Quelle mindestens sieben demokratische Stimmen erforderlich. Das Analysehaus Galaxy Research senkte seine Erfolgswahrscheinlichkeit für die Verabschiedung von 50 auf 30 Prozent – das macht deutlich, dass die Marktteilnehmer nicht nur über Preisniveaus diskutieren, sondern auch über das wahrscheinliche politische Timing. Parallel belastete ein Sicherheitsvorfall das Sentiment: Über eine fehlerhafte Bridge wurden nach Berichtlage knapp 200.000 XRP entwendet, während ein FBI-Verfahren läuft. Entscheidend für die technische Einordnung ist, dass die Schwachstelle in der Verifikationslogik einer externen Bridge-Software lag und nicht im XRP-Ledger-Protokoll selbst. Für Anleger ist das relevant, weil damit das „Kernsystem“-Risiko von einem „Integrations“-Risiko getrennt werden kann.
Für die nächste Phase liefert der Mix aus Kaufinteresse großer Wallets, ETF-Abflüssen und offener Regulierung die wahrscheinlichste Erklärung für die erhöhte Volatilität. Wenn Wale tatsächlich gegen den Trend aufstocken, entsteht auf der Liquiditätsebene ein potenzieller Puffer – allerdings nur dann, wenn die Größenordnungen der Zuflüsse in Self-Custody langfristig mit der Derivatedynamik zusammenpassen. Gerade das Open-Interest-Wachstum bei gleichzeitig eher ausgeglichener Long-Seite deutet darauf hin, dass sich die Marktpositionierung auflädt, statt bereits in eine klare Richtung abzuheben. Daneben zeigen die institutionellen Abflüsse, dass viele größere Adressgruppen derzeit eher auf bestätigende Signale warten. Technisch-ökosystemseitig gibt es wiederum interne Impulse: Ripple stimmte dem sogenannten fixCleanup-Vorschlag zu, einem Schritt zum Upgrade des Ledgers auf Version 3.3.0. Ziel sind Verbesserungen unter anderem für Single Asset Vaults und das Lending-Protokoll. In Summe entsteht so ein Bild, in dem der Kurs kurzfristig von Makro- und Risikofaktoren gedrückt wird, während die Grundlagenentwicklung und die On-Chain-Aktivität die Chance auf eine stabilere Basis in späteren Stabilitätsphasen verbessern können.
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