LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem starken Sell-off rutscht XRP unter 1,10 US-Dollar und setzt damit ein weiteres Signal in einem ohnehin riskanten Marktumfeld. Ein technisches Lagebild beschreibt bereits eine potenzielle Fortsetzung Richtung 0,70 US-Dollar. Gleichzeitig deuten On-Chain-Kennzahlen sowie ein seltenes monatliches RSI-„Oversold Reset“ auf ungewöhnlichen Verkaufsdruck und mögliche Umkehrphasen hin. Entscheidend dürfte nun werden, ob der CLARITY Act rechtzeitig eine Senatsabstimmung vor der August-Pause erreicht.

Der jüngste Abverkauf hat XRP erneut in die negative Zone gedrückt: Der Kurs konsolidiert nicht mehr über 1,10 US-Dollar, nachdem innerhalb von 30 Tagen eine Retracel-Tendenz von rund 22% sichtbar wurde. Damit rückt für viele Marktteilnehmer die Kernfrage wieder in den Vordergrund: Ist die Marke von 1 US-Dollar nur ein Testpunkt im Abwärtsimpuls – oder wird sie dauerhaft unterschritten, sodass sich Käufer zurückziehen und weitere Liquidität abfließt? In solchen Phasen verstärkt sich das Risiko, weil sich technische Trigger (z. B. das Verhalten um gleitende Durchschnitte) häufig schneller durchsetzen als fundamental motivierte Käufe. Gleichzeitig bleibt der Markt durch eine enge Verflechtung mit Bitcoin und makroökonomischen Erwartungen stark störanfällig.
Technisch betrachtet argumentieren einige Chartanalysten, dass die kurzfristige und mittelfristige Struktur derzeit klar bärisch ausgerichtet ist. XRP handelt dabei unter den 20-, 50-, 100- und 200-Tage-Linien (Moving Averages), was in der Praxis oft als Hinweis gelesen wird, dass Verkäufer in mehreren Zeithorizonten dominiert haben. Besonders relevant ist dabei die Zone um 1,09 US-Dollar, die als unmittelbarer Bereich für potenziellen Widerstand gilt: Wird er nicht zurückerobert, wird das erneute „Durchziehen“ des Downtrends wahrscheinlicher. Spätere Ankerpunkte werden bei etwa 1,05 US-Dollar und erneut bei der runden Schwelle von 1 US-Dollar vermutet, weil dort häufig Liquidität und psychologische Nachfrage zusammenfallen.
Brisant wird es, wenn das bärische Szenario nicht nur eine Seitwärtsphase, sondern eine weitere Beschleunigung nach unten betrachtet. In dem Bericht werden Kursbewegungen bis zu weiteren rund 40% als möglich beschrieben, sofern der „Risk-off“-Charakter des Marktes anhält. Diese Größenordnung würde XRP ungefähr in den Bereich um 0,70 US-Dollar bringen. Allerdings liefert die On-Chain-Ebene eine Gegenperspektive, die für professionelle Investoren oft mindestens genauso wichtig ist: Während der Preis nachgibt, steigt die Zahl der Wallets, die mindestens 10.000 XRP halten, im Mai auf einen Rekordwert von 332.230 und wächst seitdem weiter. Parallel melden Adressen im „Millionärs“-Segment seit Jahresbeginn Netto-Zuwächse, was auf anhaltende Akkumulationsbereitschaft hindeutet.
Noch stärker wirkt dabei die Verteilung bei großen Haltern. Whales mit Beständen ab 10 Millionen XRP kontrollieren laut den genannten Daten 68,5% des zirkulierenden Angebots, mit 45,83 Milliarden XRP in dieser Gruppe – der höchste Konzentrationsgrad seit Mai 2018. Zusätzlich wird für Binance eine hohe Whale-Outflow-Dominanz von 91,4% genannt, also ein Ungleichgewicht zugunsten von Abflüssen aus Börsenflüssen in Richtung externer Halter. Solche Konstellationen werden in der Marktgeschichte regelmäßig als Vorläufer für Stabilisierung interpretiert, weil weniger „sofort verfügbare“ Liquidität an Börsen verbleibt. Als Vergleich wird eine frühere Phase um Oktober 2024 herangezogen, in der XRP von etwa 0,50 US-Dollar später deutlich auf über 3 US-Dollar anstieg.
Ein weiteres Argument ist der seltene Indikator-Zyklus im größeren Zeitfenster: Der monatliche Relative Strength Index (RSI) befindet sich laut Bericht erst zum vierten Mal innerhalb von 13 Jahren im „Oversold reset“-Bereich. Solche Reset-Phasen sind technisch bedeutsam, weil sie oft bedeuten, dass der Verkaufsdruck über mehrere Monate hinweg ungewöhnlich stark war und der Indikator danach typischerweise eine Umkehrphase vorbereitet. Frühere Vorkommen führten nach Darstellung des Experten jeweils zu markanten Richtungswechseln. Wenn XRP dabei um 1,09 US-Dollar „steht“, entsteht daraus eine Hypothese: Die technische Unterstruktur könnte zwar weiter schmerzen, der statistische Spielraum für eine Trendwende wächst jedoch mit jeder weiteren Abwärtskerze weniger linear.
Parallel zu Chart und On-Chain rückt die Politik als kurzfristiger Katalysator in den Fokus: Der CLARITY Act wird als potenzieller Wendepunkt für das Restjahr beschrieben. Konkret geht es darum, dass der Gesetzentwurf am 14. Mai den Senate Banking Committee-Prozess passiert hat und am 1. Juni auf die Legislative Calendar-Plattform im Senat gelegt wurde. Damit befindet er sich laut Einordnung im fünften von neun Schritten bis zur Gesetzeswirkung; als nächstes gilt eine Voll-Senatsabstimmung als entscheidender Meilenstein. Genau solche Etappen erzeugen in Krypto-Regelwerksfragen häufig Preissprünge, weil institutionelle Risikoallokationen auf klare Rechtsrahmen reagieren – anders als beim „reinen“ Trading von Altcoins.
Für die Marktlogik ist dabei entscheidend, ob die Governance-Kurve rechtzeitig „durchgestoßen“ wird, bevor die August-Pause die Dynamik abwürgt. Standard Chartered wird in dem Bericht mit einer bullischen Spanne zitiert: Kommt es zu einer erfolgreichen Passage und stabilisiert sich das makroökonomische Umfeld, könnte XRP demnach bis etwa 2,80 US-Dollar reichen, mit einem optimistischen Oberband bis 8 US-Dollar. Verzögert sich das Verfahren jedoch und rutscht der Zeitplan in spätere Jahre, wird ein Rückfall in deutlich tiefere Bereiche – etwa Richtung 0,53 US-Dollar – als möglich skizziert. Das zeigt, wie stark Preisfindung bei Regulierungsnews mit Timing und Erwartungen verknüpft ist.
Ob XRP die 1-US-Dollar-Marke unterschreitet, ist nach dem berichteten Expertenbild daher eher eine Frage von Bedingungen als ein festes Urteil. Zwei Faktoren werden besonders gewichtet: Erstens, ob Bitcoin die Marke von 60.000 US-Dollar zurückgewinnt und stabil darüber bleibt. Fällt BTC dagegen eher in den Bereich um 55.000 US-Dollar, würde XRP dem Muster der Marktkorrelation wahrscheinlich folgen – selbst wenn die eigenen Fundamentaldaten (wie Wallet-Wachstum oder Konzentrationssignale) stabil bleiben. Zweitens ist der Zeitpunkt der Senats-Floor-Vote vor dem August recess entscheidend: Wenn das gelingt, kann institutionelles Interesse wieder einsetzen und eine Rally aus einem lokalen Tief anstoßen. Für Unternehmen und Entwickler heißt das: In Szenarien-Planungen rund um Krypto-Anwendungsfälle sollten Liquiditäts- und Compliance-Risiken weiterhin eng gekoppelt bleiben, gerade weil Rechtsklarheit und Marktmechanik sich gegenseitig verstärken.
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