KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Atradius meldet für Deutschland deutlich steigende Zahlungsverzögerungen im B2B-Geschäft: 87 Prozent der Unternehmen berichten von verspäteten Zahlungen. Die Folge ist ein spürbarer Druck auf Liquidität und Ertragsmargen, während Forderungsausfälle zunehmen. Für 2026/2027 rechnen viele Unternehmen mit anhaltend hohen Zahlungsrisiken, getrieben durch Unsicherheit in Handel und Geopolitik.

Wenn sich die Rechnungslaufzeiten verlängern, verschiebt sich im B2B-Geschäft häufig nicht nur ein Zahlungsdatum, sondern die gesamte Finanzierungslogik. Im aktuellen Atradius-Zahlungsbarometer für Deutschland zeichnen sich für 2026 bereits deutliche Warnsignale ab: Zahlungsverzug wird für viele Unternehmen zu einem handfesten Risiko für Liquidität, Lieferketten und Ertragsfähigkeit. Berichten zufolge berichten 87 Prozent der Befragten inzwischen von Zahlungsverzögerungen im eigenen Geschäft. Besonders kritisch ist das Zusammenspiel aus schwacher Konjunktur und steigenden Insolvenzerwartungen, weil damit sowohl das Volumen als auch die Unsicherheit künftiger Cashflows steigen.
Technisch betrachtet ist das weniger ein einzelnes „Kreditproblem“, sondern ein Ketteneffekt in der Unternehmens-Cashflow-Steuerung. Zahlt ein Kunde später als vereinbart, verlängert sich die Forderungslaufzeit; daraus folgt ein höher gebundenes Working Capital, während parallel laufende Kosten weiter fällig werden. In der Studie zeigt sich zudem, dass Forderungsausfälle bereits spürbar in die Bilanz hineinwirken: Zehn Prozent der Unternehmen nennen Ausfälle von über fünf Prozent ihres gesamten B2B-Rechnungsvolumens. Ertragsmargen geraten dadurch unter Druck, vor allem bei KMU und hoch verschuldeten Unternehmen, die weniger Puffer haben, um temporäre Liquiditätslöcher zu überbrücken.
Der Hintergrund ist auch makroökonomisch: Wie Atradius betont, verschärfen sich zugleich die Kreditbedingungen in Westeuropa. Für deutsche Unternehmen wirkt das besonders stark, weil viele weiterhin stark von Bankfinanzierungen abhängig sind. Gleichzeitig rücken Lieferantenkredite weiter in den Fokus der Finanzierung, denn sie werden häufig als schneller verfügbar wahrgenommen als neue Banklinien. Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland jedoch zurückhaltend: Nur 35 Prozent der B2B-Verkäufe werden auf Kredit abgewickelt, während der westeuropäische Durchschnitt bei 52 Prozent liegt. Aus Marktsicht ist das relevant, weil jedes zusätzliche „Einsetzen von Kapital“ im Käufergeschäft den Druck auf Betriebskapital und Liquiditätslage erhöht.
Auf der Zahlungsseite zeigen die Ergebnisse eine klare operative Verteilung: Viele Unternehmen begrenzen Zahlungsfristen auf maximal 30 Tage, um das Risiko zu steuern. Trotzdem verschieben sich Realitäten entlang der Lieferkette. Wenn Kunden selbst Liquiditätsthemen haben, werden nicht nur Rechnungen verspätet bezahlt, sondern oft folgen interne Genehmigungsverzögerungen, komplexere Zahlungsprozesse und Verzögerungen bei Banken. Auffällig ist laut Umfrage außerdem, dass 21 Prozent der Befragten Zahlungen an eigene Lieferanten verzögern, weil sie selbst aufgrund des Zahlungsrisikos ihrer Kunden unter Druck stehen. Genau hier entsteht das bekannte „Rückkopplungsproblem“: Verzögerungen werden weitergereicht, bis das Cash-Management überfordert ist.
Im Marktumfeld verstärken andere Anbieter den Fokus auf Kreditrisiko-Absicherung, weil die Nachfrage nach belastbaren Rahmenbedingungen wächst. Wettbewerber wie Euler Hermes bzw. Allianz Trade und Coface verfolgen in ähnlicher Weise Ansätze aus Kreditversicherung, Debitorenmanagement-Services und Risikoanalysen, um Ausfallwahrscheinlichkeiten früh zu erkennen und Kreditlimits dynamisch anzupassen. Branchenbeobachter sehen dabei eine Verschiebung vom reinen Versicherungsprodukt hin zu datengetriebenen Workflows: Kreditlimits werden stärker an Echtzeit- oder Near-Realtime-Signalen gekoppelt, Mahnprozesse und Inkasso-Strategien werden standardisiert und in das Forderungsmanagement integriert. Für Entscheider ist das ein Signal, dass Zahlungsrisiken nicht mehr nur „Betriebskosten“ sind, sondern strategisch gemanagt werden müssen.
Auch die befragten Experten ordnen die Entwicklung als anhaltend ein. Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius, verweist darauf, dass viele Unternehmen in Deutschland nicht mit einer raschen Normalisierung des Zahlungsverhaltens im B2B rechnen. Stattdessen erwarten sie, dass Liquiditätsengpässe in den kommenden Monaten eher weiter zunehmen. In der Begründung tauchen mehrere Faktoren auf, die typischerweise auch in der Unternehmenspraxis den Cashflow beeinflussen: anhaltende Konflikte, geopolitische Spannungen, plötzliche handelspolitische Kurswechsel sowie Unsicherheit besonders für exportorientierte Unternehmen. Gleichzeitig zeigt sich ein Vergleichseffekt: In Westeuropa wird offenbar ein etwas höherer Optimismus genannt, dass Margen zumindest stabiler gesichert werden können.
Mit Blick auf 2026/2027 wird das Risiko strukturell: 34 Prozent der befragten Unternehmen rechnen mit einem weiteren Anstieg der Insolvenzen, während 52 Prozent davon ausgehen, dass das Risiko auf erhöhtem Niveau verbleibt. Damit steigt der Druck entlang der Lieferketten zusätzlich, weil wirtschaftlich schwächere Unternehmen Zahlungsverzögerungen seltener kompensieren können. Für Unternehmen bedeutet das, dass Forderungsmanagement nicht erst bei Problemen reagieren darf. Stattdessen werden konsequentes Cash-Management, aktives Steuern von Kreditlimiten und eine frühzeitige Absicherung von Forderungen entscheidend. Die Kernaussage „jede Verzögerung erhöht den Druck für alle“ ist dabei weniger moralisch als betriebswirtschaftlich: Sie beschreibt die Umverteilung von Liquiditätsstress innerhalb von Netzen aus Kunden und Lieferanten.
Aus regulatorischer und datenschutzbezogener Perspektive gewinnen dabei besonders die Grenzen und Anforderungen an Datenverarbeitung an Bedeutung. Wer Kreditrisiken automatisiert bewertet oder Debitoren-Signale in Workflows einbindet, verarbeitet potenziell unternehmensbezogene Informationen, die in der Praxis aus ERP-, CRM- und Zahlungsverkehrssystemen stammen. Daraus folgt eine Notwendigkeit für saubere Governance: Zweckbindung, nachvollziehbare Risikologik, Zugriffskontrollen und eine dokumentierte Grundlage für Entscheidungen, die im Zweifel Auswirkungen auf Liefer- und Zahlungsbedingungen haben. Gerade im B2B-Kontext kann die Übergabe an Kreditversicherer oder Dienstleister zusätzliche Vertrags- und Sicherheitsanforderungen auslösen, die Unternehmen vor einer schnellen Automatisierung klären müssen.
Für die Zukunft ist daher weniger die Frage, ob Zahlungsrisiken steigen, sondern wie Unternehmen diese Risiken operationalisieren. Wer heute Cashflow-Planung und Kreditentscheidungen stärker verzahnt, kann Volatilität besser abfedern: Ein Vergleich zwischen cloud-nativen Risiko-Workflows und On-Premise-Installationen zeigt dabei oft denselben Zielkonflikt zwischen Geschwindigkeit und Kontrollanforderungen. Cloud-native Ansätze erleichtern Aktualität und Skalierung in der Kreditlimit-Logik, während On-Premise-Setups häufiger mit bestehenden Compliance-Rahmenwerken argumentieren. Unabhängig vom Betriebsmodell wird die Branche weiter in Richtung „früher Erkennung“ gehen, also vorausschauende Szenarien, Schwellenwerte und standardisierte Eskalationspfade. Damit haben Entwickler und Integratoren besonders gute Chancen, Enterprise-Software für Liquiditäts- und Kreditrisikoprozesse enger mit ERP, Buchhaltung und Zahlungsinstrumenten zu verbinden.
Insgesamt unterstreichen die Daten: Die wirtschaftliche Lage bleibt instabil, der Spielraum für Margenerholung ist begrenzt und die Unsicherheit wird nicht kurzfristig verschwinden. Mehr als drei Viertel der Unternehmen stufen den nächsten wirtschaftlichen Abschwung als größtes Risiko für den B2B-Zahlungsverkehr ein, gefolgt von Kostendruck und geopolitischer Instabilität. Für Entscheider liegt die praktische Konsequenz darin, Liquidität aktiv zu sichern, Kreditlimite konsequent zu steuern und Forderungen systematisch abzusichern. Wenn sich das Zahlungsverhalten nicht stabilisiert, wird sich der Wettbewerb um belastbare Risiko-Management-Tools beschleunigen—und genau dort entscheidet sich, welche Unternehmen die nächste Konjunkturphase mit tragfähigerem Cashflow überstehen.
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