FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Zukunftsreport Deutsche Finanzwirtschaft 2027 zeigt, wie stark deutsche Banken ihre Zukunftsfähigkeit in sechs Dimensionen einordnen. Besonders fällt der Abstand zwischen strategischer Planung und Umsetzung auf, während die Personalisierung der Customer Experience als Schwachpunkt genannt wird. Zugleich berichten viele Institute über Fortschritte beim KI-Einsatz – vor allem bei den Kompetenzen der Mitarbeitenden. Der Report ordnet erstmals auch strategische Geschäftsmodell- und Ertragsfähigkeit in die Bewertung ein.

Deutsche Banken stehen 2027 nicht nur unter dem Druck von Niedrigzinsphasen, regulatorischen Anforderungen und steigenden IT-Kosten, sondern auch unter einer konkreten Frage: Wie belastbar ist die eigene Zukunftsfähigkeit, wenn sich Kundenerwartungen und Technologien schneller drehen als bisherige Transformationszyklen? Genau hier setzt der Zukunftsreport Deutsche Finanzwirtschaft 2027 an, den die Wow!Banking Initiative vorgelegt hat. Im Zentrum steht eine Umfrage unter 397 Finanzinstituten, die als strategische Bestandsaufnahme angelegt ist und die Frage in messbare Dimensionen übersetzt. Die Auswertung wurde von Professor René Schleus von der Fachhochschule für die Wirtschaft (FHDW) Hannover geleitet, und die hohe Resonanz gilt als Indikator dafür, dass Zukunftsfähigkeit inzwischen als praktische Managementaufgabe verstanden wird und nicht nur als abstrakte Vision.
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 5: 1 steht für sehr hohe Zukunftsfähigkeit, 5 für sehr geringe. Damit erlaubt der Report nicht nur einen Gesamtvergleich, sondern auch die Aufteilung in sechs Teilbereiche, die den technischen und den wirtschaftlichen Kern gleichermaßen adressieren. Neben Technologie und Künstliche Intelligenz (KI) spielen Customer Experience, Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit sowie Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung eine Rolle. Neu in der aktuellen Erhebung ist die Dimension „strategische Geschäftsmodell- und Ertragsfähigkeit“, die erstmals in die Bewertung integriert wurde. Für den direkten Vorjahresvergleich bedeutet das: Wo sich Werte verändern, kann das sowohl auf echte Fortschritte als auch auf die geänderte Bewertungslogik zurückzuführen sein.
Die Rückmeldungen verteilen sich auf 208 Genossenschaftsbanken (52 %), 113 Sparkassen (29 %) und 76 Privatbanken (19 %). Diese Struktur bildet nach Bericht der Projektarbeit die Zusammensetzung der drei Bankengruppen in Deutschland ab und erhöht damit die Aussagekraft für die jeweilige Segmentperspektive. Interessant ist außerdem, dass der Report trotz des breiten Zuschnitts konkrete Lücken sichtbar macht, insbesondere dort, wo aus Strategie operativ ein Geschäft werden muss. Für Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die in beiden Berichtszeiträumen berücksichtigt wurden, zeigt sich ein leicht besserer Wert der Zukunftsfähigkeit von 3,0 auf 2,9. Das klingt nach Bewegung, deckt aber zugleich eine Diskrepanz auf: Zwischen strategischer Planung und Umsetzung klafft offenbar weiterhin eine Lücke. Aleksandar Jeremic von fino digital, Gründungsmitglied der Wow!Banking Initiative, ordnet das so ein, dass es weniger an guten Ideen fehle als an der konsequenten Realisierung.
Beim zweiten zentralen Thema, der Customer Experience, sieht die Erhebung sogar deutlichen Nachholbedarf. Zwar werden leichte Verbesserungen genannt, doch die Personalisierung von Kundenerlebnissen gehört laut Report zu den schwächsten Punkten. Genau hier wird deutlich, warum „Digitalisierung“ in der Bankenwelt häufig nicht an der Technik allein scheitert, sondern an der End-to-End-Verknüpfung von Daten, Prozessen und Umsetzungskompetenz. Christian Dechert von BSI Software, ebenfalls Gründungsmitglied der Wow!Banking Initiative, beschreibt den Kern der Herausforderung: Banken kennen den strategischen Wert der Kundenbeziehung, aber die Übertragung dieser Stärke in die digitale Welt verlangt personalisierte, Ende-zu-Ende-Lösungen. Wenn diese durchgängig umgesetzt werden sollen, reichen Pilotierungen oder isolierte Touchpoints selten aus; dann müssen Architektur, Zuständigkeiten und Integrationsaufwand zusammenpassen.
Deutlich positiver fällt die Bilanz im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) aus. Der Report trennt dabei zwischen den Dimensionen „Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit“ und „Technologie und KI“. Während in der erstgenannten Kategorie noch Potenzial besteht, KI aus Pilotprojekten in produktive Bank- und Kundenprozesse zu überführen, zeigt die Dimension Technologie und KI bereits messbarere Fortschritte. Auffällig ist insbesondere die Entwicklung bei den Kompetenzen der Mitarbeitenden: Der Report ordnet die KI-Fortschritte nicht primär als „Tool-Einführung“, sondern als Fähigkeitsaufbau im Personalbereich. Das passt auch zur Praxis vieler Häuser, in denen die eigentliche Produktivsetzung von KI häufig an verantwortbaren Datenflüssen, an Skills für Modellbetrieb und an klaren Prozesszielen hängt. Die Ergebnisse wurden am 1. September in Frankfurt im Rahmen des Wow!Banking Zukunftsdialogs vorgestellt und anschließend mit Fachleuten diskutiert; bis Anfang Oktober soll der vollständige Report verfügbar sein.
Für die Branche ist besonders relevant, wie der Report technische und wirtschaftliche Aspekte zusammenbindet. Wer KI und Technologie ausbaut, aber gleichzeitig strategische Geschäftsmodell- und Ertragsfähigkeit erst später adressiert, riskiert Investitionen, die zwar modern wirken, aber zu wenig Wirkung auf die Wertschöpfung entfalten. Ebenso gilt: Customer Experience ohne Personalisierung bleibt oft bei „digitalen Angeboten“ stehen, statt durchgängigere Journeys über alle Kanäle zu liefern. Für Unternehmen bedeutet das, dass Prioritäten nicht nur nach Innovationsversprechen gesetzt werden sollten, sondern nach Umsetzbarkeit entlang der gesamten Wertkette: von der Datenintegration über die Modell- und Prozessanbindung bis zur Messbarkeit im Betrieb. Der Report liefert damit einen Rahmen, an dem sich Banken im eigenen Programmvergleich orientieren können – und der zugleich zeigt, wo Transformationsarbeit in den nächsten Monaten besonders stark nachgearbeitet werden muss.
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