MIDTOWN MANHATTAN / LONDON (IT BOLTWISE) – 3rd Space verlegt Konzerte gezielt in ungewöhnliche Locations wie Dim-Sum-Lokale, einen Heliport oder sogar eine Eisbahn. Der Gründer Spencer Papandrea beschreibt, wie die Umgebung das Line-up mitprägt und warum das Weglassen klassischer Clubs Zuschauer eher vom Smartphone wegbringt. Statt „Stunt“-Charakter geht es ihm um Immersion: Das Setting soll den Abend spürbar verändern. Anhand konkreter Beispiele zeigt das Team außerdem, wie viel Logistik hinter solchen Pop-up-Formaten steckt.

Konzerte in einem Club zu sehen, ist für viele New Yorker inzwischen Standard – und genau dort setzt 3rd Space an. Das Konzept des Startups nutzt bewusste „Third Spaces“ als Bühne: von einem Dim-Sum-Laden bis zu einem elektronischen Set auf einem Heliport. Die Idee dahinter klingt wie ein Gegenentwurf zu immer ähnlichen Veranstaltungsräumen, bei denen am Ende doch wieder ähnliche Laufwege, gleiche Lichtstimmung und ähnliche Abläufe regieren. Für das Publikum bedeutet das vor allem eines: Der Ort wird Teil der Dramaturgie, statt nur Kulisse zu sein.
Spencer Papandrea, Gründer von 3rd Space, begründet den Ansatz vor allem mit Verhaltensänderungen nach der Covid-Zeit. In vielen Formaten, so seine Beobachtung, fehle eine zusätzliche Variable, die Menschen dazu bringt, tatsächlich „im Moment“ zu sein – weg von der Dauerbeschäftigung mit dem Smartphone und hin zum unmittelbaren Erleben von Musik und Interaktion. Er erzählt, dass er früher beim ersten Besuch neuer Veranstaltungsorte noch diese frühe Magie gespürt habe; später würden große Arenen oder bekannte Clubs für viele ähnlich wirken. Indem 3rd Space die Bühne systematisch aus dem gewohnten Raster holt, will es diese frühe Neugier wieder anstoßen und die Hemmschwelle senken, sich auf den Abend einzulassen.
Technisch betrachtet ist das Konzept keine reine Location-Show, sondern eine Produktionskette mit mehreren Stellschrauben. Papandrea schildert, wie aus einem konkreten Ort ein kuratiertes Programm wird: Im Beispiel einer Underground-Fußballanlage stand zur passenden Zeit die Weltmeisterschaft an, wodurch das Team Live-Spiele parallel zum Konzert eingeplant hat. Danach folgt die logistische Arbeit – Personaleinsatz, Equipment, Aufbau und Ablaufkoordination. Entscheidend ist dabei weniger die Größe des Raums als die Fähigkeit, das Setup so zu gestalten, dass Musik, Publikumsbewegung und Service nicht kollidieren. Genau darin liegt der Kern, der das „Bespoke“-Versprechen trägt: Jedes Event wird als eigenes Projekt behandelt, nicht als austauschbares Template.
Besonders anschaulich wird die Idee, wenn die Musikrichtung aus dem Charakter des Ortes abgeleitet wird. Bei einem eher „gritty“ wirkenden Dim-Sum-Restaurant beschreibt Papandrea ein Punk-Setting; beim Heliport-Termin kam stattdessen eine alternative, stark IDM-orientierte Ausrichtung zum Tragen. Auch beim Dim-Sum-Lounge-Format mit Ginseng Museum ging es um eine bewusste thematische Ausrichtung auf East-Asian-Performer und ein Menü, das auf den Geschmack des Publikums abgestimmt wurde. Diese Kopplung von Raum, kuratorischer Leitidee und konsumierbarer Erfahrung ist ein wirtschaftlicher Hebel: Der Abend ist nicht nur ein Konzertbesuch, sondern ein kompletter Ablauf, der sich wie ein gemeinsames Erlebnis anfühlt.
Damit rückt auch die Frage in den Fokus, wie schwer oder einfach sich bestimmte Locations überhaupt buchen lassen. Papandrea nennt Restaurants als typischerweise leichter, während Orte wie Wäschereien, Boxringen oder ein Helipad häufiger Hürden haben – vor allem, wenn Betreiber nicht gewohnt sind, ihre Fläche für Veranstaltungen zu vermieten. Hinzu kommt das Thema Gastronomie: „Food included“ bedeutet zusätzliche Koordination, weil Serviceabläufe, Timing und Speisefluss in den Programmpunktplan eingreifen. Das Team geht dabei offenbar pragmatisch vor, indem es Menüs verschlankt. Für ein Dim-Sum-Setting wird beschrieben, dass das Restaurant üblicherweise 10 bis 15 Positionen anbietet, die private Party jedoch auf vier reduzierte, basierend auf beliebten Gerichten wie Barbecue-Pork-Bun – ergänzt um eine vegetarische Option wie Veggie-Spring-Rolls. Solche Details wirken unscheinbar, sind aber im Betrieb entscheidend, weil die meisten Gäste das Essen erhalten und danach für die Show stehen.
Für die Talent-Planung wiederum gilt ein ähnliches Prinzip: Nicht der „Mainstream“-Baukasten soll funktionieren, sondern die lokale Szene, neue Microgenres und die Energie, die Papandrea persönlich im Hören findet. Man entscheidet demnach auch über Resonanz: Künstler melden sich, das Team prüft die Passung, und wenn Musik und Erwartung an den Abend zusammenpassen, entsteht daraus eine neue Veranstaltung. Spannend ist dabei die Aussage, dass 3rd Space nicht nur innerhalb einer Subkultur bleiben will. Es gab laut Beschreibung sowohl ein hardcore-punk-lastiges Event mit crust-punk-affinem Publikum als auch Termine aus dem hyperpop-Umfeld, die wiederum andere Szeneakteure anzogen. Als wiederkehrendes Ergebnis nennt Papandrea, dass bei passenden, vielfältigen Line-ups Menschen aus verschiedenen Communities zusammenkommen – Freundschaften, neue Kontakte und auch romantische Beziehungen entstehen dadurch offenbar häufig.
Für die Branche – und damit auch für Unternehmen, die heute mit „Experiential Budget“ werben – steckt in dem Ansatz eine relevante Lehre. Nicht jede unkonventionelle Location ist automatisch besser, und nicht jede Abweichung vom Standard bleibt automatisch im Gedächtnis. Der Unterschied liegt hier in der konsequenten Verzahnung von Raum, Programm, Timing und Zielverhalten des Publikums: Der Ort wird nicht nur „inszeniert“, sondern strukturiert den Abend. Genau deshalb wirkt der Ansatz weniger wie ein reines Gimmick und mehr wie eine Produktionsmethodik, die wiederholbar genug ist, um nicht jedes Mal bei Null zu starten, zugleich aber genug Varianz zulässt, um den Überraschungseffekt zu erhalten. Ob daraus eine breitere Blaupause für Veranstalter wird, hängt letztlich davon ab, wie gut sich solche Logistikketten skalieren lassen – und wie stark man das Erlebnisdesign wirklich an den physischen Raum koppelt.
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