LONDON (IT BOLTWISE) – Eine US-Studie mit 1.283 jungen Erwachsenen (Ø 23 Jahre) zeigt, dass 80 Prozent CKM-Risikokriterien erfüllen. Die Einteilung reicht von Stufe 1 bis 3, und die Gefäßwände verändern sich messbar bereits in den höheren Stufen. Ergänzend findet eine spanische CNIC-Untersuchung Plaques sogar bei unter 30-Jährigen. Gleichzeitig verdeutlichen Daten zur Ganzkörper-MRT, dass unspezifische Screenings häufig Fehlalarme erzeugen.

Die Vorstellung, Herzkrankheiten seien vor allem ein Thema des späteren Lebens, gerät angesichts neuer Daten spürbar unter Druck. In den letzten Jahren wurden zwar immer wieder Risikofaktoren wie Bluthochdruck, ungünstige Blutfette oder Diabetes in deutlich jüngeren Lebensphasen beobachtet – die aktuelle Studienlage geht aber einen Schritt weiter: Sie versucht, das Risiko nicht nur über einzelne Laborwerte zu greifen, sondern als zusammenhängendes Muster für Herz, Nieren und Stoffwechsel zu erfassen. Genau dafür steht die Abkürzung CKM (kardiovaskulär-renal-metabolisch), die Risiken entlang mehrerer Organsysteme bündelt und damit besser abbilden soll, wie früh sich „Störungen“ im Körper aufschaukeln.
Das prominenteste Signal liefert eine US-Studie mit 1.283 jungen Erwachsenen und einem Durchschnittsalter von 23 Jahren. Hier erfüllen 80 Prozent der Teilnehmenden Kriterien für ein CKM-Risiko. Die Forscher ordnen die Ergebnisse in Stufen ein: 40,2 Prozent liegen in Stufe 1, 36,2 Prozent in Stufe 2 und 2,8 Prozent bereits in der fortgeschritteneren Stufe 3. Entscheidend ist dabei nicht nur die Einstufung, sondern dass die Kategorisierung mit messbaren Veränderungen an den Gefäßwänden zusammengeht. Als Marker dient die Intima-Media-Dicke (IMT), die als Hinweis auf Gefäßveränderungen genutzt wird. Während Personen in Stufe 0 einen Wert von 0,622 Millimetern aufweisen, liegt dieser bei Stufe 3 bereits bei 0,72 Millimetern – also deutlich höher, lange bevor klassische Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall als sichtbare Ereignisse in Erscheinung treten.
Über den Status „heute“ hinaus liefert die Studie auch Projektionen bis 2050. Erwartet wird, dass die Adipositas-Rate bei 20- bis 44-Jährigen von 41,7 Prozent auf 60 Prozent ansteigt. Beim Thema Diabetes fällt die erwartete Steigerung noch deutlicher aus: von 6,1 Prozent auf 15,5 Prozent. Wenn diese Trends tatsächlich so eintreffen, würde sich der Anteil junger Erwachsener erhöhen, die schon im mittleren Lebensalter mit den Folgeerscheinungen metabolischer Erkrankungen konfrontiert werden. Für die Praxis ist das vor allem deshalb relevant, weil CKM-Risiken nicht auf eine einzelne Ursache reduziert werden können. Stattdessen entsteht ein Gesamtbild aus Stoffwechselbelastung, Nieren- und Gefäßbeteiligung sowie deren Wechselwirkungen.
Auch eine zweite Untersuchung aus Spanien, angesiedelt am CNIC (Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares) und geleitet von Dr. Borja Ibáñez, untermauert den frühen Charakter der Entwicklung. Die Forschenden nutzten dafür 3D-Ultraschall und Computertomografie und fanden bei 57 Prozent der untersuchten Erwachsenen Gefäßplaques. Besonders auffällig ist der Befund bei den ganz Jungen: In der Gruppe der unter 30-Jährigen zeigten sich Plaques bereits bei 9 Prozent der Männer und bei 7 Prozent der Frauen. Solche Zahlen sprechen dafür, dass sich strukturelle Veränderungen in den Gefäßen früher manifestieren können, als es viele langfristige Risikokonzepte bisher vermittelten. Damit rückt auch die Frage nach dem „wann“ in den Vordergrund: Nicht nur, wie man Risiken behandelt, sondern wann man sie überhaupt erkennt.
Der Gedanke, zur Prävention flächendeckend die Bildgebung zu bemühen, liegt damit nahe – etwa über Ganzkörper-Magnetresonanztomografie (MRT). Allerdings zeigen Daten, die genau diese Screening-Logik kritisch beleuchten, dass die diagnostische Realität komplizierter ist. Bei 45 von 100 gesunden Personen werden bei einer Ganzkörper-MRT Auffälligkeiten gefunden. Von diesen 43 Fällen handelt es sich jedoch um falschen Alarm, und nur ein bis zwei Befunde bestätigen sich tatsächlich als relevant. Hinzu kommt, dass eine solche Untersuchung mit Kosten zwischen 1.000 und 2.000 Euro verbunden ist und nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Für Gesundheitssysteme und Unternehmen bedeutet das: Ein pauschaler „Mehr ist besser“-Ansatz bei teurer Diagnostik kann zwar die Trefferquote kurzfristig erhöhen, gleichzeitig aber auch Alarmketten auslösen, die Aufwand erzeugen, ohne den Nutzen zuverlässig zu steigern.
Damit verschiebt sich der Fokus in Richtung gezielter Risikoabklärung statt unspezifischer Vollchecks. Wenn die Gefäßwandmessung (IMT) und Plaque-Nachweise bereits in frühen Lebensphasen differenzierbar sind, wird verständlich, warum Blutwerte, Metabolik-Parameter und geeignete Gefäßuntersuchungen als Bausteine in eine frühe Risikostratifizierung eingebunden werden sollten. Im Kern zeigt das Datenbild ein zweigeteiltes Ergebnis: Einerseits deuten die hohen CKM-Anteile in jungen US-Erwachsenen und die Plaque-Rate unter 30 im CNIC-Kontext darauf hin, dass es „frühe Fenster“ gibt, in denen Prävention ansetzen kann. Andererseits legen die Erfahrungen mit Ganzkörper-MRT nahe, dass eine Strategie mit hoher Trefferqualität eher über richtige Fragestellungen, geeignete Patientenselektion und interpretierbare Marker funktioniert – statt über breite Bildgebung ohne klare medizinische Indikation.
Für die Umsetzung im Alltag heißt das: Entscheidend ist, wie gut Laborbefunde in ihren Kontext eingeordnet werden und wie konsequent Folgeuntersuchungen an tatsächlich relevanten Signalen ansetzen. Das wird besonders relevant, weil viele Krankheitsverläufe schleichend beginnen und klassische Symptome erst spät auftreten. Genau hier liegt auch der praktische Hebel: Wer Risiken früh erkennt, kann die nächsten Schritte wesentlich zielgerichteter planen. In Unternehmen, die Präventionsangebote oder Gesundheitsprogramme gestalten, bedeutet das zugleich, dass sie nicht nur „Checks“ bewerben sollten, sondern Transparenz schaffen müssen, welche Messgrößen wirklich für die Risikoeinordnung genutzt werden und wie Fehlalarme vermieden werden. Die Studienlage liefert dafür die technische und epidemiologische Begründung – die eigentliche Herausforderung bleibt jedoch die saubere Übersetzung in umsetzbare, evidenzbasierte Screening-Entscheidungen.
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