STOCKHOLM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine umfassende schwedische Studie hat einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva und einem beschleunigten kognitiven Abbau bei Demenzpatienten entdeckt. Die Ergebnisse werfen Fragen zur Behandlungspraxis auf und fordern eine differenzierte Betrachtung der Therapieoptionen.

Eine kürzlich durchgeführte Studie aus Schweden hat einen potenziell besorgniserregenden Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva und einem beschleunigten kognitiven Abbau bei Demenzpatienten aufgezeigt. Die Forscher des renommierten Karolinska-Instituts analysierten die Daten von fast 18.750 Demenzpatienten über einen Zeitraum von durchschnittlich vier Jahren. Dabei stellten sie fest, dass Patienten, die Antidepressiva einnahmen, im Vergleich zur Kontrollgruppe jährlich etwa 0,30 Punkte mehr im standardisierten Kognitionstest (MMST) verloren.
Besonders häufig wurden Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verschrieben, wobei der Wirkstoff Escitalopram mit dem stärksten kognitiven Abbau in Verbindung gebracht wurde. Diese Erkenntnisse werfen die Frage auf, ob die Medikamente selbst den Abbau verursachen oder ob Patienten mit schwereren Verläufen und Depressionen häufiger Antidepressiva erhalten.
Die Studie zeigt auch, dass nicht alle Demenzformen gleichermaßen betroffen sind. Während Patienten mit Alzheimer-Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz und gemischter Demenz besonders anfällig für den kognitiven Abbau durch Antidepressiva waren, zeigte sich bei der frontotemporalen Demenz sogar eine Verlangsamung des Abbaus. Diese Unterschiede unterstreichen die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Demenztypen.
Experten warnen vor voreiligen Schlüssen und betonen, dass eine Depression an sich den Demenzverlauf negativ beeinflussen kann. Daher wäre ein pauschales Absetzen notwendiger Therapien falsch. Vielmehr sollten die Ergebnisse der Studie Ärzte dazu anregen, die Behandlung von Demenzpatienten mit Antidepressiva noch sorgfältiger abzuwägen und individualisierte Therapieansätze zu verfolgen.
In der Fachwelt herrscht Uneinigkeit über die Auswirkungen von Antidepressiva auf Demenz. Während ältere Studien teilweise einen schützenden Effekt von SSRI nahelegten, ist die Datenlage insgesamt dünn. Die aktuelle deutsche Leitlinie empfiehlt bei Depressionen im Rahmen einer Demenz Mirtazapin oder Sertralin, verweist jedoch auf die Notwendigkeit weiterer Forschung.
Die schwedischen Ergebnisse könnten dazu beitragen, Wirkstoffe mit potenziell geringeren Nebenwirkungen auf die Kognition zu bevorzugen. Fachgesellschaften raten, den oft langjährigen Einsatz von Antidepressiva bei Demenz regelmäßig zu überprüfen, um die Lebensqualität der Patienten zu erhalten, ohne die kognitiven Fähigkeiten unnötig zu gefährden.
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