MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Qooda will Navigation auch dann präzise machen, wenn GNSS-Signale ausfallen, gestört oder manipuliert werden. Das Münchner Startup kombiniert Quantensensorik, hochpräzise Magnetfeldkarten und eine durchdachte Systemintegration, um einen zuverlässigen Position-Stack für sicherheitskritische Umgebungen zu schaffen. Im Interview skizziert das Team, warum GNSS heute weiterhin ein Single Point of Failure bleibt – und welche wirtschaftlichen Zwänge die Entwicklung antreiben. Ziel ist der schnelle Weg von der Technologie zur operativen Nutzung bei Pilotkunden.

GNSS galt lange als unsichtbare Infrastruktur, die globale Positionierung bequem macht. In der Praxis zeigt sich jedoch: Das Signal ist nicht nur anfällig für Störungen, sondern in sicherheitskritischen Nutzungsszenarien auch gezielt manipulierbar. Genau deshalb setzen immer mehr Hersteller auf Redundanzkonzepte aus dem Umfeld von Inertial Navigation und Sensorfusion. Qooda aus München greift dieses Problem strategisch an und verspricht GNSS-unabhängige Navigation, die unter realen Bedingungen funktioniert. Das Startup argumentiert dabei weniger über eine neue „Supertechnologie“, sondern über eine belastbare Systemarchitektur, die Ausfälle nicht lediglich überbrückt, sondern zuverlässig kompensiert.
Im Kern entwickelt Qooda Navigationslösungen, die ohne den Rückgriff auf klassische GNSS-Signale auskommen sollen. Laut dem Geschäftsführer Björn Pötter entstehen die Anforderungen aus wiederkehrenden Störereignissen: In der zivilen Luftfahrt werden demnach täglich tausende Störungen registriert, die die Verlässlichkeit von Satelliten-Navigation nachhaltig beeinflussen. Qooda kombiniert dafür quantenbasierte Sensorik mit intelligenter Software-Integration. Ergänzend spielt das sogenannte Mapping eine zentrale Rolle: Hochpräzise Magnetfeldkarten dienen als Anker, um die Position auch dann zu rekonstruieren, wenn Zeit- und Standortdaten aus dem GNSS-Kanal wegfallen. Damit verschiebt sich der Fokus von „Signalempfang“ auf „robuste Zustandsschätzung“.
Technisch ist das Konzept als hybride Navigationskette zu verstehen: Quantensensoren liefern Messinformationen, die anschließend über eine Systemintegration in eine stabile Positionierungslogik überführt werden. In der beschriebenen Umsetzung nutzt Qooda die Quantum-MagANav-Technologie und koppelt sie an Magnetfeldkarten. Das ist im Vergleich zu reinen GNSS-Workflows ein anderer Qualitätshebel: Während Satellitensysteme vor allem von der Verfügbarkeit und Integrität der Funkübertragung abhängen, zielt Qooda auf eine skalierbare Alternative, die weniger vom „Funkfenster“ abhängt. Für Unternehmen ist das vor allem dann interessant, wenn Standorte oder Betriebsprofile häufig wechseln und eine ausschließlich cloudbasierte Kompensation keine Option ist.
Historisch sind GNSS-Alternativen kein Neuland. In der Industrie wurden bereits früher Ansätze verfolgt, die auf Inertial Measurement Units (IMUs), Kilometerzählung (Odometry) oder der Kombination mehrerer Sensoren basieren. Auch Chip-Scale Atomic Clocks oder Verfahren zur Abschätzung von Drift und Kalibrierfehlern gehören zu den Werkzeugen, die in sicherheitsrelevanten Umgebungen diskutiert werden. Der Knackpunkt war jedoch häufig die Trennung zwischen Laborpräzision und Feldrobustheit: Entweder fehlte die geforderte Genauigkeit über Zeit, oder die Gesamtkosten sowie der Integrationsaufwand verhinderten eine breite Skalierung. Qoodas Ansatz wirkt daher wie der Versuch, Quantensensorik früh mit einem produktionsnahen Systemdesign zusammenzuführen, statt auf spätere „Integration by chance“ zu setzen.
Im Markt steht Qooda mit einer typischen Herausforderung der Kategorie „Navigation ohne GNSS“: Es existieren etablierte Anbieter und Komponentenlieferanten, die auf klassische Redundanz setzen. Große Player wie Honeywell oder spezialisierte Systemhäuser adressieren Ausfallsicherheit vor allem über Inertialsensoren und Sensorfusion; auf der Vermessungsseite arbeiten Anbieter wie Hexagon an Präzisionslösungen, die jedoch meist nicht die gleiche „GNSS-freie“ Zielsetzung verfolgen. Qoodas Differenzierung liegt damit weniger in der Idee, mehrere Quellen zu kombinieren, sondern in der Verschränkung mit magnetfeldbasiertem Mapping und quantengetriebener Sensorik. Branchenexperten betonen in diesem Kontext laut Analysegesprächen: „Der entscheidende Wettbewerbsvorteil entsteht, wenn Genauigkeit, Integrationsaufwand und Betriebskosten als zusammenhängendes System gelöst werden.“
Für die Markteinbettung spielt außerdem der Timing-Faktor eine Rolle. Qooda ist seit September 2025 Teil des ESA BIC und bindet damit früh Förder- und Innovationspfade in Europa ein. Das ist nicht nur ein Gütesiegel, sondern auch ein praktischer Beschleuniger, weil Tests, Prototyping und Partnerzugänge so strukturierter ablaufen. Parallel baut das Team seine Kundenpipeline über Pilotkunden auf, während es gleichzeitig Gespräche mit Venture-Capital-Investoren führt. Gerade in dieser Phase zeigt sich, wie ernst „wirtschaftlich skalierbar“ gemeint ist: Fundraising entscheidet oft darüber, ob Sensorbeschaffung, Kalibrierprozesse und Software-Updates so professionalisiert werden, dass Deployments nicht bei Einzelprojekten stehen bleiben.
Für Unternehmen, die in sicherheitskritischen Feldern investieren, ist die Frage weniger „Kann die Technologie funktionieren?“, sondern „Wie gut lässt sie sich absichern?“. Dabei rücken regulatorische und organisatorische Aspekte in den Vordergrund: In Luft- und Raumfahrt sowie bei kritischer Infrastruktur sind Anforderungen an Verfügbarkeit, Integrität und Nachvollziehbarkeit hoch. In Europa kommt zusätzlich der Rahmen zur Resilienz und Informationssicherheit hinzu, etwa über Vorgaben wie NIS2 und branchenspezifische Sicherheitsanforderungen. Auf der technischen Ebene bedeutet das: Manipulationsszenarien müssen im Testplan abgebildet werden, und es braucht nachvollziehbare Validierung der Fehlerbudgets. Qooda adressiert das indirekt durch die Betonung von GNSS als Single Point of Failure – und damit durch die Notwendigkeit, mehrere Fehlerdomänen systematisch zu beherrschen.
In die nächsten Jahre blickend, plant Qooda in einem Jahr erste operative Einsätze bei Pilotkunden und will sich in fünf Jahren als Anbieter für GNSS-unabhängige Navigation in Europa etablieren. Entscheidend wird dabei die Fähigkeit sein, die Sensorik über spezialisierte Partner zu beziehen, ohne die technische Kontrolle zu verlieren: Laut Team entwickelt Qooda Systemarchitektur, Software und Integration intern, während die zugrunde liegende Sensorik über Partner kommt. Genau diese Trennung kann funktionieren, wenn Schnittstellen, Kalibrier- und Qualitätssicherung sowie die Lifecycle-Strategie sauber definiert sind. Die zukünftige Entwicklung dürfte darauf hinauslaufen, dass magnetfeldbasierte Karten und quantenbasierte Messungen als wiederverwendbare Bausteine in standardisierte Deployment-Pipelines münden – und damit für Entwickler und Systemintegratoren planbarer werden.
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