FRANKFURT AM MAIN / BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ex-Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker warnt, dass Steuerhinterziehung über komplexe Finanzkonstrukte auch nach dem Cum-Ex-Höhepunkt weiterläuft. Sie kritisiert vor allem fehlende Ermittlerkapazitäten und das Fehlen einer zentralen Behörde für schwere Wirtschaftskriminalität. Damit steigt der Druck auf Politik und Justiz, Kompetenzen zu bündeln und verlässliche Kontrollmechanismen zu schaffen. Der Artikel ordnet ein, was sich technisch und organisatorisch ändern müsste – und welche Risiken daraus für Unternehmen entstehen.

Die Diskussion um Cum-Ex-Aktiendeals wirkt in Deutschland nach wie vor nicht abgearbeitet. Ex-Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker beschreibt im Gespräch mit Wirtschaftsjournalisten, dass kriminelle Finanzgeschäfte weiterhin realistisch seien – vor allem, weil sich staatliche Strukturen nicht in dem Tempo verändert hätten, das die Komplexität moderner Transaktionen erfordert. Ihr Kernpunkt: Das Entdeckungsrisiko sei aus Sicht der Strafverfolgung noch zu gering. Für viele Stakeholder ist das eine unkomfortable Botschaft, denn sie deutet weniger auf Einzelfälle als auf ein strukturelles Vollzugsproblem hin, das sich über Jahre fortschreiben kann.
Technisch betrachtet sind solche Sachverhalte weniger „Börsenhandel“ im klassischen Sinn als vielmehr ein Zusammenspiel aus Wertpapierabwicklung, Steuerlogik und schneller Marktmechanik. Cum-Ex nutzte den Dividendenstichtag als strategischen Drehpunkt: Aktien wurden rund um den Stichtag mit und ohne Ausschüttungsanspruch hin- und hergeschoben, sodass Finanzämter Steuern erstatteten, die wirtschaftlich gar nicht abgeführt worden waren. Entscheidend ist dabei die rechtliche Ausgestaltung von Ansprüchen, die in der Praxis über mehrere Parteien und Abwicklungsphasen laufen kann. Wenn Ermittlungen diese Ketten nicht systematisch entwirren, bleibt ein Teil des Risikos „unsichtbar“.
Brorhilker verknüpft die fehlende Kontrolle daher unmittelbar mit Kapazitätsfragen: Für komplexe Wirtschaftskriminalität gebe es zu wenige speziell ausgebildete Ermittler. Das ist für die Marktaufsicht insofern bedeutsam, als die Täter häufig dort ansetzen, wo Datenvolumen und Prozessgeschwindigkeit die Prüfung erschweren. Während sich Unternehmen längst auf Compliance-Programme, regelmäßige Kontrollen und Dokumentationspflichten stützen, bleibt die staatliche Gegenperspektive oft hinterher, wenn spezialisierte Rollen fehlen oder Verfahren zu dezentral laufen. In der Folge können Anzeichen zu spät erkannt werden – und selbst erfolgreiche Verurteilungen wirken dann wie punktuelle Korrekturen statt wie nachhaltige Abschreckung.
Im Marktvergleich zeigt sich, dass andere Länder die Lücke zwischen Strafverfolgung und Finanzkomplexität bewusst schließen wollen. Brorhilker fordert eine zentrale Behörde für schwere Wirtschaftskriminalität nach österreichischem Vorbild. Das Argument dahinter ist eine „Industrialisierung“ der Ermittlungsarbeit: zentrale Teams können Expertise bündeln, wiederkehrende Muster schneller identifizieren und Verfahren standardisieren, etwa durch gemeinsame Datenmodelle, einheitliche Prüfpfade und spezialisierte forensische Auswertung. Wie in anderen regulierten Bereichen ist das Ziel, aus Einzelwissen ein skalierbares Kompetenzsystem zu machen. Für Unternehmen würde das bedeuten: weniger Grauzonen, dafür höhere Erwartung an Transparenz und belastbare Nachweise.
Auch die zeitliche Dimension spielt eine Rolle. Brorhilker verweist auf einen öffentlich bekannten Cum-Ex-Fall aus dem Jahr 2016 – also lange nach der Gesetzesänderung 2012, die auf die illegalen Aktiengeschäfte reagierte. Genau diese Persistenz ist für die Governance relevant: Wenn Regeländerungen zwar den Rechtsrahmen verbessern, aber die Vollzugsfähigkeit nicht parallel steigt, können ähnliche Strukturen in modifizierter Form weiterlaufen. Dazu kommt, dass Gerichtsverfahren naturgemäß Zeit brauchen. Das erklärt jedoch nicht, warum eine Abschreckungswirkung ausbleiben kann, wenn Ermittlungsstrukturen dauerhaft unterdimensioniert sind. In der Wahrnehmung der Betroffenen entsteht so der Eindruck, dass „es sich lohnt“, weiter zu versuchen.
Konkrete Urteile unterstreichen dabei, dass die Materie nicht theoretisch ist. Im Cum-Ex-Komplex wird nach und nach verurteilt, darunter die zentrale Figur Hanno Berger, gegen den das Landgericht Bonn eine Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren verhängte. Solche Entscheidungen sind für das Vertrauen in den Rechtsstaat wichtig, aber sie sind auch ein Indikator: Die Aufklärung benötigt aufwendige Arbeit, und die Fälle müssen erst „durch das System“ hindurch. Brorhilkers Kritik zielt deshalb auf die Phase davor – die Detektion, die Priorisierung und die Fähigkeit, komplexe Steuer- und Transaktionslogiken bereits früh zu prüfen. Wenn diese Vorstufen nicht verbessert werden, bleibt der Strafnachvollzug zwar möglich, aber zu langsam.
Für den Finanz- und Unternehmensbereich ist die Konsequenz klar: Compliance darf nicht nur als internes Regelwerk gedacht werden, sondern als Fähigkeit, externe Ermittlungen zu unterstützen oder zumindest nicht unnötig zu behindern. Das betrifft insbesondere Datengranularität, Nachvollziehbarkeit von Transaktionsentscheidungen und konsistente Steuerinformationen über Geschäftsjahre hinweg. Moderne Plattformen und Integrationen können hier helfen, etwa indem sie Transaktionsereignisse in einem einheitlichen Datenmodell abbilden und Validierungen automatisieren. Der technische Hebel liegt weniger in „KI als Zauberwort“, sondern in der Kombination aus sauberen Datenpipelines, nachvollziehbaren Berechnungslogiken und auditorischer Transparenz. Gleichzeitig sollten Unternehmen darauf vorbereitet sein, dass eine zentralere Ermittlungsarchitektur auch strengere Informationsanforderungen nach sich ziehen kann.
Brorhilker betont außerdem, dass sich Beteiligte nicht auf Illusionen verlassen dürften, als wären komplexe Finanzkriminalitätsmodelle nach Gesetzesänderungen automatisch verschwunden. Ihre Einschätzung deutet auf eine Art „Wettbewerb“ zwischen Regulierungs- und Täterinnovation hin: Wo Prozesse und Zuständigkeiten träge sind, werden Schlupflöcher häufiger ausgenutzt. Experten ordnen solche Entwicklungen häufig als Wechselwirkung von Recht, Technik und Organisation ein – und weniger als reine Frage individueller Schuld. Eine zentrale Behörde könnte hier als organisatorischer „Taktgeber“ wirken: Sie würde Fachwissen konsolidieren, Spezialisierung sichern und damit die Zeit verkürzen, in der ähnliche Schemata unentdeckt bleiben.
Mit Blick auf die Zukunft ist vor allem entscheidend, wie die Politik die vorgeschlagenen Strukturen finanziert und welche Kompetenzen sie schafft. Eine zentrale Ermittlungsinstanz nach dem Vorbild anderer Länder könnte in der Praxis auch eng mit Finanz- und Datenexpertise verzahnt sein: etwa über einheitliche Zugriffsmöglichkeiten auf Abwicklungs- und Steuerdaten, klare Zuständigkeitsregeln und standardisierte Fallpriorisierung. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur steigende regulatorische Last, sondern auch die Chance auf stabilere Erwartungssicherheit, weil Prüfungen konsistenter werden. Kurzfristig dürfte die Debatte zunehmen: je höher der öffentliche Druck, desto wahrscheinlicher ist eine Reform der Vollzugsarchitektur, die dann auch die Wirksamkeit von Gesetzen real erhöht.
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