STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut EY ist die Zahl angekündigter Investitionsprojekte aus dem Ausland in Deutschland erneut gesunken: 2025 um 10% auf 548 Vorhaben. Das wäre der achte Rückgang in Folge und der niedrigste Stand seit 2009. Branchenexperten werten das als Warnsignal, weil vor allem Bürokratie, hohe Energiepreise und eine schwere Steuerlast Investitionen bremsen. Im europäischen Vergleich stechen Frankreich und Großbritannien zugleich als Wettbewerber hervor, die offenbar robuster planen.

Ausländische Investitionen sind für Deutschland mehr als nur ein makroökonomischer Indikator: Sie entscheiden mit darüber, welche Industrien neue Kapazitäten aufbauen, wie schnell Arbeitsplätze entstehen und wie zügig Wertschöpfungsketten modernisiert werden. Dass die Prüf- und Beratungsgesellschaft EY nun erneut weniger angekündigte Investitionsprojekte meldet, trifft den Standort in einem Moment, in dem andere europäische Länder ihre Attraktivität sichtbar ausspielen. In der Auswertung, die EY der Deutschen Presse-Agentur vorgelegt hat, sinkt die Zahl 2025 im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 548 Projekte. Damit setzt sich ein Trend fort, der inzwischen seit Jahren an Intensität gewinnt.
Die Kernaussage wirkt dabei doppelt: Nicht nur der aktuelle Rückgang fällt ins Gewicht, sondern die Serie. EY spricht von dem achten Rückgang in Folge und nennt als niedrigsten Stand seit 2009. Erfasst werden laut EY Investitionsprojekte, die neue Standorte schaffen und neue Arbeitsplätze ermöglichen sollen. Wichtig ist auch, was nicht enthalten ist: Angaben zum Investitionsvolumen liefert EY in dieser Erhebung nicht. Dadurch verschiebt sich der Fokus stärker auf die Planungsdynamik und weniger auf die kurzfristige Kapitalflut. Für die Interpretation heißt das: Unternehmen können die Signale nutzen, um eigene Make-or-Buy-Entscheidungen, Standortstrategien und Personalplanung frühzeitiger zu justieren.
Auf der methodischen Ebene betont EY, dass die Zahlen seit 2006 erhoben werden. Für Deutschland basieren die Daten unter anderem auf Informationen von German Trade and Invest sowie auf eigenen Recherchen; für andere Länder werden laut Sprecher ebenfalls eigene Recherchen sowie Angaben nationaler Wirtschaftsförderungsinstitutionen und Behörden genutzt. Solche Datensätze sind in der Praxis weniger „vollständig“ als ein offizielles Unternehmensregister, aber sie sind häufig entscheidend, um Trends im Vorfeld von Implementierungsphasen sichtbar zu machen. Der technische Hintergrund dahinter ist simpel: Investoren geben Ankündigungen häufig vor konkreten Bau- oder Betriebsschritten ab, wodurch die Statistik ein Frühindikator für strategische Verschiebungen wird. Im Wettbewerbsvergleich gewinnt diese Vorlaufwirkung zusätzliche Bedeutung.
Branchenexperten ordnen die Entwicklung als Standortfrage ein: EY-Chef Henrik Ahlers warnt laut Mitteilung vor einem „Alarmsignal“. Er stellt dem deutschen Rückgang eine deutlich bessere Entwicklung anderer europäischer Standorte gegenüber und kritisiert, dass in Deutschland zwar über Reformen gesprochen, aber nur begrenzt wirksam nachgelegt worden sei. Als Gründe nennt er neben der hohen Steuerbelastung vor allem hohe Arbeitskosten, teure Energie und eine „lähmende“ Bürokratie. Genau hier liegt die strategische Schnittstelle zwischen Politik und unternehmerischer Umsetzung: Wer Genehmigungen, Infrastrukturanschlüsse, Fachkräftegewinnung und administrative Prozesse nicht verlässlich beschleunigt, erzeugt für Investoren Unsicherheit über Zeitpläne und Gesamtkosten. Im Ergebnis können Projekte entweder verschoben oder in Länder verlagert werden, die schneller deliveren.
Auch der europäische Kontext stützt diese Lesart. EY zufolge wurden im vergangenen Jahr 5.026 Neuansiedlungs- und Erweiterungsprojekte ausländischer Investoren angekündigt, sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Innerhalb dieser Gesamtentwicklung zeigen sich jedoch klare regionale Unterschiede. Frankreich liegt wie schon zuvor mit 852 Projekten auf Platz eins, gefolgt von Großbritannien mit 730 Vorhaben. Beide Länder verzeichneten zwar prozentual stärkere Rückgänge als Deutschland auf Rang drei, dennoch bleibt ihre absolute Projektzahl deutlich höher. Das ist ein relevanter Marktindikator, denn Investoren betrachten nicht nur den Trend, sondern vor allem die Wahrscheinlichkeit, dass Ökosysteme aus Lieferanten, Genehmigungen und Arbeitsmarkt funktionieren.
Für die Marktlogik lohnt zudem der Blick auf Konkurrenzansätze anderer Beratungs- und Datenanbieter, die häufig mit ähnlichen Frühindikatoren arbeiten. In der Praxis konkurrieren Standorte nicht nur um einzelne Großinvestitionen, sondern auch um die Planungsbudgets, die in Industrieländern zunehmend über Lieferketten-Resilienz, Energieeffizienz und Digitalisierungsfähigkeit gesteuert werden. Französische oder britische Vorhaben werden dabei oft als „leichter anschlussfähig“ wahrgenommen, etwa weil öffentliche Verwaltung und Förderlogik digitaler funktionieren oder weil Steuer- und Investitionsanreize klarer kommuniziert sind. Genau diese Komponente nennt Ahlers explizit: andere Länder hätten ihre Hausaufgaben gemacht, darunter die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, eine Vereinfachung der Steuersysteme sowie eine attraktivere Ausgestaltung. Aus Unternehmenssicht ist das ein Vergleich zwischen „Projekt-Reibung“ statt nur „Steuersatz“.
Die Implikationen für Deutschland sind deshalb weniger abstrakt, als es in Schlagzeilen klingt. Unternehmen, die neue Werke, Forschungsstandorte oder Service-Center planen, müssen Genehmigungszeiten, Umbaukosten und Fachkräfteverfügbarkeit in Business Cases einpreisen. Hohe Energiepreise erhöhen die Betriebskosten, hohe Arbeitskosten wirken auf die Opex-Seite, und Bürokratie verlängert die Projektlaufzeit, was wiederum Kapitalbindung und Risikoaufschläge steigen lässt. Gleichzeitig wird Digitalisierung bei solchen Entscheidungen zu einem faktischen Standortfaktor: Wenn Anträge, Nachweise und Schnittstellen zwischen Behörden nicht nahtlos funktionieren, entsteht „digitale Reibung“ – auch wenn die eigentliche Technologie in den Fabriken bereits modern ist. Damit kippt das Thema von der Infrastruktur in die Prozess- und Datenqualität, die über KI-gestützte Planung, Automatisierung und Compliance-Workflows mitentschieden wird.
Für die nächsten Monate und Jahre deutet vieles auf eine verschärfte Wettbewerbssituation hin: Wenn die Projektankündigungen ausbleiben, wird sich die Belegungsdichte von Gewerbeflächen, die Auslastung von Zulieferern und die Dynamik beim Recruiting mittelfristig spürbar verlangsamen. Gleichzeitig erhöht ein Rückgang über mehrere Jahre den politischen Druck, Reformen nicht nur anzukündigen, sondern messbar zu machen. Ahlers spricht davon, dass das Image als Qualitätsstandort „leider“ an Substanz verloren habe und dringend gegengesteuert werden müsse. Unternehmen sollten daraus eine strategische Handlungsaufforderung ableiten: eigene Standortannahmen regelmäßig aktualisieren, Förderprogramme aktiv monitoren und beim Transfer von Prozessen in Richtung digitaler Verwaltung frühzeitig Pilotpfade identifizieren. Wenn sich hier Beschleunigung zeigt, kann die Lücke gegenüber Frankreich und Großbritannien schnell schmaler werden.
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