BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Bitkom-Studie legt offen, wie knapp es in deutschen Unternehmen bei einem vollständigen Internetausfall wird: Im Schnitt reichen nur 20 Stunden, bis der Betrieb nicht mehr handlungsfähig ist. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen mit NIS2 und den TISAX-Updates, während gerade Gesundheitswesen und Energieversorgung als besonders verwundbar gelten. Der Bericht zeigt, warum Incident-Response-Prozesse, Backup-Strategien und identitätsbasierte Sicherheitsarchitekturen nun stärker zusammen gedacht werden müssen.

Deutsche Unternehmen müssen sich beim Thema IT-Notfallplanung offenbar deutlich weniger auf „irgendwann wieder erreichbar“ verlassen, als es viele bislang tun. Laut einer Bitkom-Untersuchung, die zwischen November 2025 und Januar 2026 erhoben wurde (604 Unternehmen), können Betriebe bei einem vollständigen Internetausfall im Durchschnitt nur 20 Stunden lang geschäftskritische Abläufe aufrechterhalten. Besonders alarmierend: 21 Prozent erklären sich sofort handlungsunfähig, sobald die Verbindung abreißt. Im Gesundheitssektor, der in der Studie als besonders betroffen beschrieben wird, verschärft dieser Engpass die ohnehin hohen Anforderungen an Verfügbarkeit und Prozesssicherheit.
Der Hintergrund ist zweischichtig: Einerseits wächst die Zahl von Cyberangriffen, andererseits nimmt die Wahrscheinlichkeit hybrider Bedrohungen zu, die technische Störungen mit menschlichen und organisatorischen Schwachstellen verknüpfen. 74 Prozent der Unternehmen rechnen demnach mit einer erhöhten Gefahr durch Sabotage und hybride Angriffe. Gleichzeitig wird die staatliche Vorbereitung als unzureichend bewertet: 73 Prozent sehen Deutschland nicht gut genug für großflächige Störungen vorbereitet. Besonders kritisch erscheint die Energieversorgung, die 90 Prozent der Befragten als verwundbar einstufen. Diese Korrelation aus Zeitkritikalität und Bedrohungslage macht deutlich, dass Resilienz heute nicht mehr „Projekt“, sondern Betriebsfähigkeit ist.
Technisch lässt sich der Kern des Problems relativ klar beschreiben: Viele Organisationen verfügen zwar über einzelne Bausteine wie Backups oder Notfallkontakte, jedoch fehlen erprobte, integrierte Prozesse, die im Ernstfall innerhalb weniger Stunden den Betrieb zumindest in einem eingeschränkten, aber kontrollierten Modus weiterführen. Bei NIS2 und der nationalen Umsetzung über das BSI-Gesetz rückt genau dieses Zusammenspiel in den Fokus. Ein Sicherheitsvorfall gilt als erheblich, wenn er zu schweren Betriebsstörungen, finanziellen Verlusten ab 500.000 Euro oder Schäden für Dritte führt. In solchen Fällen muss die erste Meldung innerhalb von 24 Stunden über das Melde- und Informationsportal erfolgen—und damit wird Incident-Response zwangsläufig zu einem messbaren, technisch und organisatorisch belastbaren Workflow.
Auch in industriegeprägten Umgebungen wird der technische Rahmen enger: Die Automobilindustrie steht seit April 2024 mit dem verbindlichen VDA ISA 6.0 Prüfkatalog unter besonderem Prüf- und Umsetzungsdruck. Das zugehörige TISAX-Verfahren wächst berichten zufolge jährlich um rund 18 Prozent und kommt auf über 9.500 aktive Labels. Eine zentrale Neuerung ist das Label „Verfügbarkeit“ mit fünf zusätzlichen Controls für Incident-Management und Business Continuity. Zudem wurde die Norm ISA/IEC 62443-2-1 für OT integriert. Für Zulieferer ist die Zertifizierung damit oft nicht nur Compliance, sondern der Zugang zu Märkten—wobei sich die Kosten je nach Assessment-Level (AL2 vs. AL3) deutlich unterscheiden.
Marktseitig zeigt sich ein Muster, das Security-Teams seit Jahren beobachten: Bedrohungen zielen immer stärker auf Wiederherstellungspunkte, nicht nur auf den eigentlichen Zugriff. Ransomware-Akteure versuchen, die Wiederherstellung zu verhindern und damit den Druck bei Lösegeldforderungen zu erhöhen. Genau hier setzen Branchenansätze an, die „unsichtbare Daten“ in den Mittelpunkt stellen: logisch isolierte und verdeckte Backup-Mechanismen, die nicht in den gleichen Netzpfaden liegen, auf die Schadsoftware typischerweise schnell zugreift. Als Gegenentwurf zum klassischen Perimeterschutz rückt zudem identitätsbasierte Kommunikation in den Vordergrund. Eine Public Key Infrastructure (PKI) kann den Datenverkehr so steuern, dass jeder Zugriff kryptographisch nachgewiesen werden muss—für vernetzte Produktionsanlagen ein wichtiger Paradigmenwechsel, der die Angriffsfläche reduziert und die Verantwortlichkeiten klarer macht.
Ein wichtiger historischer Kontext: Notfall- und Business-Continuity-Planung wurde lange Zeit häufig als „Dokumentationsaufgabe“ verstanden. Erst mit der Verbreitung spezialisierter Incident-Response-Teams und standardisierter Frameworks wie NIST folgte eine stärkere Kopplung von Maßnahmen an messbare Reaktionszeiten, Protokollierungstiefe und Wiederanlauf-Szenarien. Der aktuelle Bitkom-Befund legt jedoch offen, dass diese Operationalisierung in vielen Unternehmen offenbar noch nicht bis auf die Ebene des Echtbetriebs durchdringt. Wie Sicherheitsberater in der Branche betonen, „scheitert Resilienz selten an der Theorie, sondern an der fehlenden Übung im Ernstfall“—und genau diese Lücke spiegelt sich in den 20 Stunden und in der hohen Sofort-Unfähigkeit vieler Firmen. Damit wird auch die Verteilung der Investitionen relevant: 61 Prozent verankern IT-Schutz auf Geschäftsführungsebene, fühlen sich aber offenbar nicht ausreichend vorbereitet.
Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen sollten Notfallplanung nicht länger als isoliertes IT-Thema behandeln, sondern als Teil ihrer Geschäftsarchitektur denken. Das umfasst die Auswahl der richtigen Metriken (z. B. maximale Ausfallzeiten je Prozess, definierte RTO/RPO-Zielwerte), die Ausgestaltung von Meldewegen sowie die Abstimmung mit Fachbereichen. Besonders bei wesentlichen Einrichtungen im Gesundheitswesen werden Incident-Response und Dokumentation nicht nur „best practice“, sondern faktisch Teil des regulativen Schutzauftrags. Gleichzeitig kann identitätsbasierte Sicherheit mit PKI helfen, Berechtigungen in der Krise kontrolliert zu halten, während Backups und Wiederanlaufwege gegen Manipulation abgesichert werden. Experten erwarten, dass Resilienz-Programme dadurch enger mit Sicherheits- und Compliance-Roadmaps gekoppelt werden.
Auch der Markt liefert zusätzliche Impulse: Weltweit steigen die Sicherheitsausgaben laut Branchenprognosen weiter; für 2025 wird ein Wachstum von 12,2 Prozent genannt, wobei Resilienz-Technologien überproportional profitieren sollen. Allerdings zeigt der Blick in Förderrealitäten, dass Geld allein nicht automatisch Defizite ausgleicht: Im Gesundheitswesen reichen Mittel aus dem Krankenhauszukunftsgesetz nach Branchenberichten häufig nicht aus, um strukturelle Schwächen in Betriebskonzepten und IT-Sicherheitsfähigkeiten nachhaltig zu beheben. Parallel dehnt sich Weiterbildung aus, etwa über mehrtägige Trainings zu BCM und IT-Notfallplanung, in denen Risikoidentifikation, Aufbau von Notfallorganisationen und Wiederanlaufübungen praktisch geübt werden. So entsteht ein Skills-Fundament, das für die 24-Stunden-Meldepflicht und für wiederholbare Übungen entscheidend ist.
In den kommenden Monaten wird der entscheidende Prüfstein sein, ob geplante Investitionen tatsächlich in Betriebsfähigkeit münden. Für 2026 ist zudem die stärkere Nutzung KI-gestützter Methoden zu erwarten: Workshops zu KI-basierter Schwachstellenanalyse und Bedrohungserkennung können Teams dabei unterstützen, schneller Prioritäten zu setzen und Angriffsmuster früher zu erkennen. Für Web- und App-Teams wird parallel die sichere Entwicklung weiterhin Thema bleiben, etwa über strukturierte Ansätze für typische Schwachstellenklassen. Politisch flankiert der Bund die Lage mit einem Zehn-Milliarden-Programm für Zivilschutz und moderne Warnsysteme; gleichzeitig gibt es lokalen Widerstand gegen Umsetzung und Aufwand. Fazit: IT-Notfallplanung wird zur Überlebensfrage, und NIS2 sowie aktualisierte TISAX-Standards wirken als Katalysator—aber der Hebel liegt am Ende in getesteten Abläufen, isolierten Wiederherstellungswegen und klaren Verantwortlichkeiten.
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