BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine DI Deutschland/IW-Umfrage zeigt: Mehr als die Hälfte der privaten Vermieter plant derzeit keine energetische Sanierung. Damit steigt der Druck auf Politik, Förderlogik und technische Umsetzbarkeit, denn der Gebäudesektor treibt einen großen Teil der CO2-Emissionen. Gleichzeitig wird das Heizungsgesetz reformiert und die Optionen für neue Gasheizungen werden mit Bedingungen bis 2029 erweitert. Welche Stellschrauben bei Heiztechnik, Dämmung und Fenstern jetzt tatsächlich zählen, entscheidet darüber, ob die Klimaziele bis 2045 erreichbar bleiben.

Viele private Vermieter in Deutschland agieren aktuell eher abwartend als investiv. Laut einer Umfrage der DI Deutschland.Immobilien AG und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) planen 59 Prozent derzeit keine Maßnahmen wie den Tausch der Heizung, zusätzliche Dämmung oder Erneuerungen an Fenstern. Das ist ein spürbarer Anstieg gegenüber dem Vorjahr, in dem noch 48 Prozent auf solche Schritte verzichteten. Fachlich bemerkenswert: Die Zurückhaltung wird nicht nur mit Kosten begründet, sondern vor allem mit fehlender Orientierung—also mit dem Gefühl, dass Anforderungen, Zeitpläne und Förderbedingungen zu unklar oder zu wenig praktikabel seien.
Technisch betrachtet geht es beim Gebäudebestand um ein Zusammenspiel mehrerer Hebel. Heizungstechnik, Wärmedämmung und Fenster beeinflussen sich gegenseitig über den Wärmebedarf, die Systemtemperaturen und die Gesamteffizienz. In der Praxis bedeutet das: Ein schlecht gedämmtes Haus zwingt häufig zu höheren Vorlauftemperaturen, was wiederum den wirtschaftlichen Betrieb bestimmter Wärmeerzeuger erschwert. Umgekehrt kann eine Kombination aus guter Hülle und geeigneter Regelung die Effizienz massiv erhöhen—und macht Sanierungsergebnisse vergleichbarer. Die Studie nennt als häufigste Investitionsfelder Heizungen (34 Prozent), Fenster (25 Prozent) und Dämmung (18 Prozent), was gut zu typischen Lebenszyklusentscheidungen im Bestand passt, aber noch nicht zwingend zu der energetischen Gesamtsanierung führt.
Marktseitig verstärkt die Unsicherheit den Investitionsstau. Viele Vermieter berichten, dass sie Sanierung bislang als weniger dringlich einstufen, während gleichzeitig politische und energetische Vorgaben zunehmen. Für den Heizungsmarkt bedeutet das: Hersteller und Fachbetriebe spüren zwar weiterhin Nachfrage nach einzelnen Komponenten, aber weniger nach ganzheitlichen Projekten. Als direkter Branchenvergleich zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Elektrifizierung über Wärmepumpen und dem Weiterbetrieb bzw. der Modernisierung mit Gas im Niedertreibhausgas-Design. Unternehmen wie Vaillant oder Bosch Thermotechnik werben entsprechend um Systemlösungen, während Umweltverbände und die Grünen davor warnen, dass flexiblere Gasoptionen die Transformation verlangsamen könnten—eine typische Debatte zwischen kurzfristiger Umsetzbarkeit und langfristiger CO2-Reduktion.
Historisch ist dieses Muster nicht neu. Bereits in den vergangenen Dekaden gab es wiederkehrende Sanierungsimpulse—etwa durch Energieeinsparverordnungen, Förderprogramme oder den Austausch einzelner Anlagenteile. Dennoch zeigte sich immer wieder, dass ein erheblicher Teil des Bestands nur dann schnell sinkt, wenn drei Faktoren zusammenkommen: planbare Anforderungen, verlässliche Finanzierung und technische Passung. Genau hier setzt die IW-Position an, dass ohne klare Orientierung, realistische Anforderungen und praktikable Förderstrukturen die Transformation des Gebäudebestands nicht gelingt. Die Studie weist zudem darauf hin, dass der überwiegende Teil des Bestands privater Vermieter aus Bauphasen stammt, in denen energetischer Sanierungsbedarf typischerweise besonders hoch ist—nämlich in weiten Teilen aus den Zeitfenstern 1949 bis 1978 sowie 1979 bis 1994.
Regulatorisch wird der Konflikt gerade neu austariert. Die frühere Ampel-Regierung wollte mit dem Heizungsgesetz mittelfristig die Abkehr von fossilen Brennstoffen durchsetzen, während die amtierende Bundesregierung das Gesetz reformiert hat: Die vormals vorgesehene Vorgabe, dass bei neuen Heizungen in der Regel mindestens 65 Prozent erneuerbare Energie eingesetzt werden müssen, wurde gestrichen. Gleichzeitig bleibt der politische Hebel erhalten, denn der Einbau neuer Gasheizungen soll weiter möglich sein—unter der Voraussetzung, dass ab 2029 ein zunehmender Anteil CO2-neutraler Brennstoffe genutzt wird. Das verschiebt die Planungslogik: Vermieter müssen stärker als zuvor die Verfügbarkeit zukünftiger Brennstoffe und deren Preis-/Verfügbarkeitsrisiken bewerten.
Für die Zukunft ist entscheidend, ob aus dieser Übergangslogik ein belastbarer Pfad wird. Ein Viertel bis ein Drittel der Befragten nannte als Beweggründe vor allem langfristige Energieeinsparungen (53 Prozent), bessere Mieterzufriedenheit (41 Prozent) und Wertsteigerung (38 Prozent), während ökologische Motive (31 Prozent) zwar vorhanden, aber seltener als alleinige Treiber genannt werden. Wer Sanierung dennoch aufschiebt, nennt häufig fehlende Dringlichkeit (64 Prozent) sowie mangelnde Nachfrage der Mieter und Kosten als Hemmnisse. Daraus folgt: Unternehmen und Handwerksbetriebe sollten Sanierungs-„Pakete“ so strukturieren, dass kurzfristige Wirtschaftlichkeit erkennbar wird und gleichzeitig regulatorische Pfade ab 2029 berücksichtigt werden—etwa durch präzisere Bedarfsanalysen, belastbare Szenarien für CO2-neutrale Brennstoffe und modulare Ausbaustufen. Wenn Politik und Förderung zudem die Umsetzbarkeit stärker operationalisieren, kann der Gebäudesektor wieder Tempo aufnehmen und näher an das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 heranrücken.
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