WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – ORF 2035 rückt aus Sicht von Reinhard Möseneder die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den Mittelpunkt: Nicht Reichweite allein, sondern ob sich junge Menschen im ORF wiederfinden. Im Fokus stehen dabei ein stärkerer Auftritt dort, wo junge Zielgruppen leben und kommunizieren, sowie ORF ON als digitale Heimat statt nur als Mediathek. Gleichzeitig fordert Möseneder eine neue Dialogkultur und die Einbindung junger Menschen in die Entwicklung von Formaten, digitalen Angeboten und Zukunftsthemen. Der Beitrag ordnet die Strategie technisch, marktseitig und in Bezug auf gesellschaftliche sowie datenschutzrelevante Rahmenbedingungen ein.

ORF 2035: Möseneder setzt auf ORF ON als digitale Heimat und Dialog mit jungen Zielgruppen
ORF 2035: Möseneder setzt auf ORF ON als digitale Heimat und Dialog mit jungen Zielgruppen (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Zeichen der ORF-„Zukunftsinitiative“ ORF 2035 verschiebt Reinhard Möseneder die Debatte spürbar: Entscheidend sei nicht, wie viele junge Menschen der ORF heute erreicht, sondern ob sie sich im ORF künftig wiederfinden. Diese Perspektive wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Zielgruppenfrage, berührt aber in Wahrheit eine Grundsatzentscheidung zur Rolle öffentlich-rechtlicher Medien im Plattformzeitalter. Denn junge Nutzerinnen und Nutzer vergleichen Inhalte inzwischen nicht mehr primär mit anderen Sendern, sondern mit globalen Ökosystemen, die Empfehlungen, Community-Mechaniken und personalisierte Zugänge nahtlos verbinden.

Der Medienkonsum hat sich dabei über mehrere technische Schichten hinweg verändert. Streaming-Dienste und Social-Media-Plattformen liefern nicht nur On-Demand-Content, sondern steuern Aufmerksamkeit über Algorithmen, Kontextsignale und Nutzerinteraktion. Dazu kommt Künstliche Intelligenz als Enabler, etwa für Ranking, automatische Untertitel, Zusammenfassungen oder Content-Moderation. Wer unter diesen Bedingungen ein lineares Programm lediglich „digital abbildet“, trifft häufig zu spät auf die Erwartungshaltung der Zielgruppe. Möseneder argumentiert deshalb, der ORF solle globale Plattformen nicht kopieren, sondern eine eigene Funktion ausbauen: Vertrauen, Orientierung, Qualität und eine klare österreichische Relevanz.

Technisch konkret wird das Versprechen am wichtigsten Punkt der Initiative festgemacht: ORF ON soll laut Möseneder „viel mehr als eine Mediathek“ werden und zur digitalen Heimat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks avancieren. Eine digitale Heimat bedeutet dabei, dass sich Nutzung nicht nur auf Abruf beschränkt, sondern durch wiederkehrende Routinen und nutzergetriebene Interaktion stabilisiert wird. In der Praxis heißt das, dass Metadaten, Personalisierung mit Transparenz, zielgruppenspezifische Einstiegsstrecken und ein belastbarer Informationskontext zusammenwirken müssen. Der Vergleich zu anderen Anbietern liegt nahe: Während globale Plattformen häufig maximale Verweildauer optimieren, muss ein öffentlich-rechtliches System gerade die Leitplanken für Nachvollziehbarkeit und redaktionelle Verantwortung technisch erkennbar machen.

Marktseitig ist die Stoßrichtung plausibel, aber sie verlangt Durchhaltevermögen. Internationale Plattformen wie Netflix, YouTube oder TikTok sind keine „Kanal-Zwillinge“, sondern kombinieren Distribution, Interaktion und Ökosystemlogik in einem Modell. Experten in der Medien- und Digitalbranche weisen deshalb regelmäßig darauf hin, dass öffentlich-rechtliche Akteure besonders dann Erfolg haben, wenn sie stärker über Werteversprechen und redaktionelle Qualität differenzieren, statt Funktionsparität anzustreben. In diesem Sinne ist Möseneders Satz, man werde TikTok nicht „durch TikTok“ schlagen, als strategisches Signal zu lesen: Der ORF müsse sich auf eigene Stärken konzentrieren und gleichzeitig die Nutzerwege so gestalten, dass junge Zielgruppen dort abgeholt werden, wo sie tatsächlich kommunizieren und organisieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die von Möseneder eingeforderte Kultur des Dialogs. Junge Generationen wollen seiner Argumentation nach nicht nur konsumieren, sondern mitreden, mitgestalten und gehört werden. Aus technischer Sicht lässt sich das auf eine Frage nach Plattform-Design herunterbrechen: Wie werden Beiträge eingeholt, wie werden Rückmeldeschleifen transparent gemacht, und wie verhindert man, dass Dialog nur als „Feedback-Formular“ statt als echte Mitgestaltung wirkt? Denkbar sind Jugendbeiräte, Community-Plattformen oder Innovationsforen, aber entscheidend ist, dass die Beteiligungsmechanismen rechtlich und organisatorisch abgesichert sind. Gerade bei algorithmisch unterstützten Umgebungen braucht es robuste Governance, etwa für Moderation, Umgang mit Hate Speech, Schutz Minderjähriger und klare Zuständigkeiten.

Historisch betrachtet hatte der öffentliche Rundfunk in Europa oft eine zweistufige Entwicklung: Zunächst ging es um die Digitalisierung des Ausspielwegs, später um Web-Portale und Mediatheken, und erst jetzt rückt die Plattformlogik selbst stärker in den Mittelpunkt. Dabei sind frühere Versuche, junge Zielgruppen „mit Social-Content“ zu gewinnen, häufig an einem Dilemma gescheitert: Entweder wurden Formate zu stark auf Geschwindigkeit und Skalierung getrimmt, oder die Interaktivität blieb oberflächlich. Möseneders Ansatz versucht, diese Lücke zu adressieren, indem er Beteiligung und gesellschaftliche Zukunftsthemen als strukturelles Element definiert. Er nennt dafür Themenfelder wie Bildung, Wohnen, Arbeitswelt, Digitalisierung, Gesundheit, Sport, Unternehmertum, Innovation sowie Zukunftschancen, die nicht nur konsumiert, sondern diskutiert werden sollen.

Für Unternehmen, Startups und Entwicklerinnen kann die Initiative zudem konkrete Impulse setzen. Wenn ORF ON zur digitalen Heimat werden soll, steigen der Bedarf und die Erwartungen an Schnittstellen, Integrationsfähigkeit und messbare Produktqualität: von skalierbarer Video- und Audio-Infrastruktur über zuverlässige App- und Web-Entwicklung bis hin zu sicheren Redaktions-Workflows. Gerade im Enterprise-Umfeld ist das relevant, weil Plattformen meist nicht „allein“ entstehen, sondern in komplexe Sicherheits- und Betriebsmodelle eingebettet werden müssen. Sicherheits- und Datenschutzaspekte spielen dabei eine zentrale Rolle: Nutzerprofile, Empfehlungslogik und Interaktionsdaten erfordern nachvollziehbare Zweckbindung, Zugriffskontrollen und eine saubere Datenminimierung. Für die technische Umsetzung bedeutet das, dass Governance nicht nur ein juristisches Add-on ist, sondern im Architekturdesign verankert wird.

Der Ausblick setzt schließlich auf eine messbare Leitidee: Ein 20-Jähriger interessiere sich 2035 dann für den ORF, wenn der ORF sich heute für ihn oder sie interessiert. Diese Formulierung ist mehr als Rhetorik, weil sie die Erfolgsmessung verschiebt. Reichweitenmetriken allein werden dafür nicht ausreichen, wenn Dialogqualität, Mitgestaltungsmöglichkeiten und wahrgenommene Relevanz der Themen nicht zuverlässig erfasst werden. In einem nächsten Schritt dürfte die Strategie an konkreten Produktentscheidungen überprüfbar werden: Wie werden Beteiligungsformate in den Entwicklungsprozess eingebunden, wie bleibt die redaktionelle Linie erkennbar, und wie transparent gestaltet man den Einsatz von KI in Produktion, Moderation oder Personalisierung? Für die Zukunft ist davon auszugehen, dass der ORF dann besonders profitieren kann, wenn er digitale Innovation mit klaren, überprüfbaren Qualitäts- und Sicherheitsstandards koppelt und junge Menschen nicht als „Zielgruppe“, sondern als Mitgestalter begreift.


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