LONDON (IT BOLTWISE) – Viele SOC-Teams investieren inzwischen massiv in Künstliche Intelligenz, doch die Ergebnisse bleiben häufig hinter den Erwartungen zurück. Laut SOC-CMM 2026 berichten nur rund 10% der befragten SOCs von „excellent value“ – trotz stark steigender Adoption von LLMs, KI-Copilots und Agenten. Der Beitrag erklärt, weshalb die erste Welle vor allem pro Werkzeug beschleunigt, während der nächste Schritt über den gesamten SOC-Lifecycle eine verbindende „Agentic Fabric“ schaffen muss. Für CISOs geht es damit weniger um mehr KI-Features, sondern um Architektur, Datenkontext und nachvollziehbare Governance.

Nur 10% der SOC-Teams bekommen Top-Wert aus KI: Warum die zweite Welle Architektur braucht
Nur 10% der SOC-Teams bekommen Top-Wert aus KI: Warum die zweite Welle Architektur braucht (Foto: IT BOLTWISE)
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Für Security Operations Centers (SOCs) wird KI zunehmend zu einer Budget-Realität statt zu einer Marketing-Vision. Der Grund ist einfach: Die Kategorie ist von „interessant“ zu „notwendig“ gekippt, und Milliarden fließen in AI-gestützte SOC-Plattformen, agentische Workflows und KI-Copilots, die sich in nahezu jede Ebene des Security-Stacks einbetten lassen. Gleichzeitig entsteht jedoch eine messbare Lücke zwischen Einsatz und Nutzen. Wie die SOC-CMM 2026 Maturity Report Daten zeigen, berichten SOCs trotz rekordhoher Adoptionsraten überdurchschnittlich oft nur begrenzten oder gar keinen Wert aus dem KI-Einsatz. Das ist ein Signal, das vor allem Architektur-Entscheidungen adressiert.

Die Studie, die auf Umfragedaten von rund 200 SOCs basiert, verdichtet drei Befunde im KI-Kapitel. Erstens wächst die Nutzung breit: Off-the-shelf Large Language Models legen laut Bericht um 55% Jahr für Jahr zu, KI-Copilots sogar um 145% und KI-Agents um 118%. Auch modellbasierte Ansätze wie supervised machine learning steigen deutlich. Zweitens zeigt sich ein dominantes Muster: Viele Teams folgen dem sogenannten „taker model“, also dem Einsatz fertiger KI innerhalb der bestehenden Tools und Workflows ohne tiefere Anpassungen. Etwa 65% ordnen sich hier ein; dieser große Block meldet zugleich die geringste Nutzenbewertung. Drittens steigen genau die zwei Herausforderungen, die mit dem „AI-Maturity Gap“ zusammenhängen: fehlende Best Practices und die wachsende Komplexität beim Erreichen höherer Reifegrade.

Diese Zahlen erklären, warum die erste Welle häufig unterperformt. In der Praxis wurden KI-Funktionen als Add-ons an einzelne Produkte „angeschraubt“: SIEMs erhielten KI-Triage, EDRs bekamen KI-gestützte Untersuchungen, SOAR-Plattformen generierten Playbooks, und Ticketing-Tools lieferten Zusammenfassungen. Das funktioniert lokal – aber es löst kein systemisches Problem. Wenn ein Triage-Agent im SIEM nicht weiß, welche Entscheidung ein Detection Engineer im Wochenverlauf getroffen oder welche Alerts stummgeschaltet wurden, entsteht ein Paralleluniversum. Analysten arbeiten dann nicht mit „einer“ KI, sondern mit mehreren, die jeweils einen Ausschnitt beschleunigen, jedoch die Übergaben zwischen den Stufen nicht verbessern.

Technisch lässt sich das als fehlende „Kontextkopplung“ zwischen Domänen beschreiben. SOC-Zeit und SOC-Wert entstehen besonders dort, wo Wissen weitergegeben wird: vom Threat-Intel-Zyklus in die Detektionsentwicklung, von der Untersuchung zurück in die nächste Detektion und von der Remediation in künftige Automationen. Der Bericht verdeutlicht außerdem, dass genau diese Bereiche im Reifegrad-Assessment schwächer ausfallen: Während die Technologie-Dimension im Schnitt bei 2,7 von 5 Punkten liegt, schneiden Prozess und People jeweils bei etwa 2,3 ab. Wichtig ist die Konsequenz: Mehr Tools – selbst mehr KI – verschiebt die Bilanz oft nicht zugunsten von „Value“, weil jedes zusätzliche Modul neue Übergaben und Bedienoberflächen schaffen kann.

Die spannendste Differenz liegt bei den rund 10% der SOCs, die „excellent value“ berichten. Diese Teams nutzen offenbar nicht einfach nur andere Einzelprodukte, sondern verändern die Architektur des Betriebs. Erstens setzen sie KI über den gesamten SOC-Lifecycle hinweg ein: Threat Intelligence, Threat Hunting, Detection Engineering, Investigation und Remediation werden zu einem zusammenhängenden Ablaufmodell. Geschlossene Untersuchungen kalibrieren dabei die nächste Detektion, Hunt-Ergebnisse aktualisieren den Intel-Zyklus, und Remediation-Aktionen fließen in das Feedback für nachfolgende Agenten ein. Zweitens „wissen“ die Systeme mehr über die Umgebung: Statt generischer Antworten liefern sie verfahrensnahe Resultate, weil sie dynamischen institutionellen Kontext erfassen und persistieren – etwa welche Assets wirklich relevant sind, wie ein SOC eskaliert und welche Entscheidungen historisch funktionierten. Drittens nennen die Daten Governance als zentralen Engpass: Agentische Systeme brauchen nachvollziehbare Entscheidungs- und Evidenzketten, und Autonomie muss in kontrollierten Stufen wachsen.

Damit wird die eigentliche „Architekturfrage“ greifbar: Viele Enterprise-Setups betreiben KI als punktuelle Logik in einer fragmentierten Toollandschaft. Wenn Detection Engineering in einem anderen Werkzeug lebt als Investigation, bleibt das Hand-off-Problem bestehen – die KI beschleunigt nur den jeweiligen Ausschnitt. Gelingt es nicht, Hypothesenprüfung und Telemetrie über denselben Datenraum hinweg zu vereinheitlichen, bleibt der zweite Teil des Wertversprechens aus: weniger Fehlalarme, bessere Entscheidungsqualität und schnelleres Lernen über Zeit. Und selbst wenn Remediation in einem SOAR läuft, das nicht die Ergebnisse der Investigation „mitnimmt“, führt Automatisierung irgendwann gegen veralteten Kontext. Die „zweite Welle“ bedeutet daher nicht: „mehr KI pro Stufe“, sondern: „KI über Stufen hinweg“.

Was sollte diese zweite Welle konkret liefern? Zielbild ist eine agentische Fabric, die wie eine verbindende Schicht funktioniert: Sie sitzt auf dem bereits vorhandenen SIEM-, EDR-, Identity-, Cloud-, Ticketing- und Threat-Intel-Stack und ersetzt diesen nicht zwangsläufig, sondern verbindet die Daten- und Kontextflüsse. So wird aus mehreren isolierten KI-Funktionen ein Betriebssystem für den Lifecycle. Praktisch verspricht diese Architektur schärfere und schneller abgeschlossene Untersuchungen, besser getunte Detektionen statt stummgeschalteter oder noisy Alerts, kontinuierlich statt episodisch laufende Threat Hunts und Remediation innerhalb definierter Guardrails mit auditierbaren Entscheidungs- und Begründungsketten. Für Enterprise-Teams ist das auch ein Security-Thema: Sobald KI Handlungen ausführt, muss sie kontrolliert, begründbar und im Zweifel rückverfolgbar sein.

Der Zeitdruck kommt von der Angreiferseite. Wie Branchenberichten zufolge bereits im Umfeld der ersten bestätigten KI-gestützten Zero-Day-Erkenntnisse diskutiert wird, entwickeln Gegner Schwachstellen schneller und zielgerichteter als viele SOC-Teams ihre Detektionszyklen anpassen können. Parallel warnen Sicherheitsverantwortliche in öffentlichen Stellungnahmen, dass der wirtschaftliche Druck die Versuchung erhöht, Security mit beschleunigten Feature-Release-Zyklen zu „kaufen“, statt mit sicheren, nachprüfbaren Mechanismen. In diesem Spannungsfeld werden die SOCs, die noch in der ersten-Welle-Logik stecken, häufiger erklären müssen, „was am Morgen danach passiert ist“. Teams mit verknüpfter, governance-fähiger agentischer Architektur können dagegen eher erkennen, wann eine Attacke in den entscheidenden Schleifen „anläuft“ – und nicht nur reagieren, wenn die Kette bereits gerissen ist.

Ein Beispiel für die konkrete Ausrichtung ist Conifers, das im Mai 2026 ein End-to-End agentisches SOC auf seiner CognitiveSOC-Plattform angekündigt hat. Die Argumentation folgt dem Lifecycle-Prinzip: Threat Intelligence, Threat Hunting, Detection Engineering, Investigation und Remediation sollen kontextbasiert ineinandergreifen und auf institutionellem Wissen des Kunden aufsetzen. Zentral ist dabei die Governance: Jede Agentenaktion erhält eine Begründungskette sowie einen Evidenzpfad, während der Kunde Umfang und Autorität schrittweise definiert. Damit verschiebt sich die Rolle der Analysten von „human-in-the-loop“ hin zu „human-on-the-loop“ – also zu Aufsicht, nicht zu Mikromanagement. Für die nächste Benchmark-Generation könnte genau diese Kombination aus Kontextkopplung und nachvollziehbarer Autonomie den Unterschied zwischen „etwas Wert“ und „exzellentem Wert“ machen.


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