TEL AVIV-JAFFA / LONDON (IT BOLTWISE) – Paz Biniamini, Astrophysiker an der Open University of Israel, erhält den Blavatnik Award für Young Scientists. In Interviews betont er eine „Zen-like“-Perspektive auf die Weite des Kosmos – und ordnet zugleich ein, wie akademische Boykotte die internationale Zusammenarbeit beeinflussen. Seine Forschung zu extremen Umgebungen, in denen Teilchen nahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, verbindet theoretische Modelle mit Beobachtungsdaten. Für die Wissenschaftspolitik wirkt das wie ein Weckruf: Austausch bleibt die Basis belastbarer Ergebnisse.

Blavatnik-Award für Astrophysiker Paz Biniamini: Zen-Blick auf Extremereignisse
Blavatnik-Award für Astrophysiker Paz Biniamini: Zen-Blick auf Extremereignisse (Foto: IT BOLTWISE)
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Der israelische Astrophysiker Paz Biniamini steht sinnbildlich für zwei widersprüchliche Spannungsfelder zugleich: die Faszination des Kosmos und die Reibung politisch aufgeladener Wissenschaftsbeziehungen. Am Institut Open University of Israel (ARCO) erhielt er als 41-Jähriger den Blavatnik Award for Young Scientists, dotiert mit 100.000 US-Dollar, als erste Person in der 52-jährigen Geschichte der Hochschule. Die Auszeichnung geht auf seine Arbeiten zu den energiereichsten Ereignissen im Universum zurück – darunter Fast Radio Bursts, Gamma-Ray-Bursts und hochmagnetisierte Neutronensterne. Damit rückt auch in der Öffentlichkeit stärker ins Zentrum, wie stark Israel in der Hochenergie-Astrophysik aufgestellt ist.

Technisch betrachtet geht es bei Biniaminis Ansatz weniger um „Labor-Experimente“ im klassischen Sinn, sondern um das Auslesen natürlicher Hochenergie-Setups. Extremumgebungen können Teilchen auf Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen; magnetische Felder erreichen dabei Größenordnungen, die auf der Erde unvorstellbar wären. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Modellbildung und Beobachtung: Theoretische Hypothesen müssen so formuliert werden, dass sie die messbaren Signaturen erklären – und genau diese Rückkopplung beschreibt Biniamini als eine Art „Hin- und Her“ bei der Lösung eines Rätsels. Historisch war der praktische Zugang zu Messdaten oft ein limitierender Faktor, doch die Datenbeschaffung ist inzwischen breiter geworden.

Diese Entwicklung zeigt sich auch in der Institutionsperspektive der Open University. Die Hochschule wurde 1974 gegründet und verfolgt eine Politik offener Zulassung, um Chancengleichheit zu stärken und sozioökonomische Disparitäten zu verringern. Für Biniamini ist die Forschungseinbettung daran zentral: ARCO, ein astrophysikalisches Forschungszentrum, sowie ein neu gestarteter Masterstudiengang in Astrophysik schaffen eine Struktur, die internationale Postdocs aus unterschiedlichen Ländern physisch vor Ort integriert. Anders als bei rein virtuellen Projekten kann das die Reibungsverluste in der Zusammenarbeit senken – etwa bei der Abstimmung von Datenpipelines, der Plausibilisierung von Modellannahmen und der schnellen Iteration von Hypothesen auf Basis neu eingehender Beobachtungen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie robust internationale Spitzenforschung unter den Bedingungen akademischer Boykotte bleibt, die nach der Eskalation im Gaza-Krieg 2023 in Teilen der Welt an Zugkraft gewonnen haben. Biniamini beschreibt, dass sich der Boykott zwar in vielen Disziplinen bemerkbar mache, die Situation in der Astrophysik aber weniger drastisch sei. Er verweist auf weitreichende Kollaborationen und internationale Kontakte, die selbst in Phasen des Krieges bestehen. Gleichzeitig berichtet er von einzelnen politischen Rückzügen bei Konferenzen – ein Beispiel ist ein akzeptierter Beitrag, der später aus politischer Haltung zurückgezogen wurde. Für die Wissenschaft bedeutet das: Nicht das „System“ kollabiert, aber die Planungssicherheit und die soziale Koordination internationaler Netzwerke werden fragiler.

Einordnung durch den Wettbewerb der Institutionen zeigt, dass Israel keineswegs im luftleeren Raum forscht. Neben Biniamini wurden in diesem Jahr weitere Blavatnik-Preisträger aus dem Land genannt: Sergey N. Semenov vom Weizmann Institute of Science und Uri Ben-David von der Tel Aviv University (Fakultät für Life Sciences). Diese Nennungen sind zwar keine direkte Peer-Competition in der Astrophysik, markieren aber, wie breit Israel wissenschaftliche Exzellenz diversifiziert und wie stark die Förder- und Bewertungslogik internationaler Stiftungen wirkt. Gleichzeitig liefert die Astrophysik eigene „Verteilungsmechanismen“: hochenergetische Spezialisierungen, starke Theorie-Communities und der Zugriff auf Datenquellen, ohne zwingend physisch jedes Messgerät selbst zu bedienen.

Zur technischen Tiefe gehört außerdem, dass Biniamini konkrete extreme Ereignisse beschreibt, die sich in Sekunden abspielen, während „klassische“ astronomische Zeitskalen häufig Millionen Jahre umfassen. Gamma-Ray-Bursts gehören zu den leuchtkräftigsten Erscheinungen im Universum: Bei der Freisetzung entsteht in sehr kurzer Zeit Energie in Größenordnungen, die in der Modellwelt mit dem gesamten Output der Sonne vergleichbar gemacht werden. Auch Fast Radio Bursts liefern kurze, prägnante Signale, die selten genug sind, um echte Detektivarbeit zu erfordern, aber häufig genug, um statistische Muster zu testen. Biniaminis Kernfragen zielen damit auf die astrophysikalischen Bedingungen und Mechanismen: Welche stellaren Vorläufer lösen diese Explosionen aus, wie wird Energie in Strahlung umgewandelt und welche Signaturen erlauben Rückschlüsse auf das innere Geschehen?

Inmitten dieser mess- und modellgetriebenen Logik setzt Biniamini bewusst auf eine philosophische Perspektive. Auf die Frage, wie ihm das Studium des Universums „über das Fach hinaus“ verändert habe, spricht er von einer Art therapeutischer Weitsicht: Der Kosmos sei in Relation zur menschlichen Lebenswelt ein winziger Ausschnitt, und gerade diese Skalierung liefere eine Perspektive auf die eigenen, als turbulent erlebten Zeiten. Seine Beschreibung als „Zen-like“-Gedanke ist dabei nicht bloß rhetorisch, sondern wirkt wie ein mentaler Schutzmechanismus gegen die Daueranspannung, die Forschung unter Unsicherheit auslöst. Zugleich ist es ein Signal für Wissenschaftskommunikation: Selbst extrem datenlastige Felder profitieren von Narrativen, die Belastung adressieren, ohne die Faktenbasis zu verwässern.

Für die Zukunft zeichnet sich ab, dass Wissenschaftsinstitutionen parallel an drei Fronten arbeiten müssen: an der technischen Leistungsfähigkeit, an der internationalen Koordination und an der Governance der Zusammenarbeit. Technisch sprechen solche Projekte stark auf zuverlässige Datenpipelines, Reproduzierbarkeit und klare Rollen in der Modellvalidierung an – Faktoren, die sich in der Praxis wie „Sicherheitsprinzipien“ in der Arbeitsweise auswirken, auch wenn sie nicht als klassische IT-Security vermarktet werden. Politisch wiederum wird die Frage wichtiger, wie kollaborationsfähige Standards (gemeinsame Methoden, offene Schnittstellen, dokumentierte Workflows) helfen, Kommunikationsabbrüche zu puffern. Datenschutzrechtlich tangiert internationale Forschung besonders den Umgang mit personenbezogenen Daten, Reise- und Kontaktinformationen in Projektadministration sowie ggf. mit Forschungsanträgen und Förderanbahnung.

Dass Bildungs- und Nachwuchsthemen dabei nicht „nachgelagert“ sind, macht Biniamini am Ende besonders deutlich: Studierende hätten bei einem Event in Jerusalem so kluge Fragen gestellt, dass er sogar das Mittagessen kaum habe einplanen können. Diese Jugendrelevanz ist ein organisatorischer Hebel gegen langfristige Ausdünnung: Wer früh in Methodik, kritisches Denken und kollaborative Standards eingebunden wird, kann auch in unsicheren geopolitischen Phasen besser rollenbasierte Kooperationen aufrechterhalten. Für die Branche bedeutet das: Institute wie die Open University können mit ARCO-Strukturen nicht nur Forschungsergebnisse liefern, sondern auch stabile Karrierepfade. Wenn die internationale Wissenschaft weiter grenzüberschreitend bleiben soll, müssen sich Netzwerkpflege, technische Exzellenz und robuste institutionelle Prozesse gleichermaßen entwickeln.


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