WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – VW-Chef Blume will noch bis zum Jahresende zentrale Beschlüsse für ein geplantes Sparpaket im Aufsichtsrat unter Dach und Fach bringen. Der Konzern meldete im zweiten Quartal einen Gewinnrückgang um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro und verfehlt damit die Erwartungen an die Ergebnisspur. Gleichzeitig wird das bisher anvisierte Umsatzplus auf Stabilität zurückgestuft. Im Kern stehen bis zu 50.000 potenzielle Stellenanpassungen und eine deutliche Produktions- sowie Modell-Reduktion, während Werksschließungen laut Blume nur die letzte Option bleiben.

VW steuert in eine Phase, in der die finanzielle Lage unmittelbar auf die Konzernarchitektur drückt. Nach dem neuerlichen Rückgang beim Quartalsgewinn verschiebt sich der Fokus vom Tagesgeschäft auf eine strukturelle Neuausrichtung. Blume, CEO des Volkswagen-Konzerns, spricht dabei von der größten Transformation der Konzerngeschichte und setzt als Taktgeber: Bis Ende des Jahres sollen im Aufsichtsrat große Teile der Entscheidungen für das geplante Sparpaket vorliegen. Das ist nicht nur ein politisches Timing-Ziel, sondern auch ein Signal an Betriebsrat, Gewerkschaft und den bedeutenden Anteilseigner Niedersachsen, dass das Thema inzwischen als unternehmensrelevant und nicht als Verhandlungsthema mit offenem Ausgang behandelt wird.
Die Zahlen, die Blume als Argumentationsbasis nutzt, sind konkret genug, um die Dringlichkeit zu belegen. Für April bis Juni ging das Konzernergebnis nach Steuern um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro zurück. Damit war es der zehnte Quartalsgewinn-Rückgang in Folge. Auch der Umsatz entkoppelt sich damit teilweise von der Ertragsdynamik: Zwar legte der Umsatz im zweiten Quartal um zwei Prozent auf 82,4 Milliarden Euro zu, nach den ersten sechs Monaten wirkt die Bilanz allerdings nur nahezu ausgeglichen. Das operative Ergebnis schrumpfte im Quartal um rund ein Zehntel auf 3,47 Milliarden Euro, während die Auslieferungen konzernweit um fast 9 Prozent auf 2,08 Millionen Fahrzeuge fielen.
Besonders schmerzhaft ist dabei der Hinweis auf die regionale Belastung: In China sanken die Auslieferungen um mehr als ein Drittel auf 424.300 Fahrzeuge. Genau diese Mischung aus schwächerer Absatzseite und wachsenden Unsicherheiten beschreibt Blume als Gegenwind, ohne dabei einzelne Ursachen zu isolieren. In seiner Argumentation fallen Zölle, Kriege und geopolitische Spannungen ebenso wie der verschärfte Wettbewerb. Daraus leitet er Sparmaßnahmen ab, die über klassische Kostensenkungen hinausgehen: Bis zu 50.000 Stellen weltweit und vier Werke in Deutschland stehen auf dem Prüfstand. Das soll zusätzlich zu bereits geplanten Abbauschritten wirken, denn bereits bis 2030 will VW konzernweit 50.000 Jobs abbauen.
In der Substanz zielt das Paket auf eine drastische Anpassung von Kapazitäten, Produktlinien und Komplexität. Der Konzern soll auf eine Produktion von 9 Millionen Fahrzeugen pro Jahr getrimmt werden, also rund eine Million weniger als derzeit und etwa drei Millionen weniger als noch vor der Corona-Pandemie. Allein in Europa sollen 500.000 Stück Kapazität wegfallen. Gleichzeitig will VW die Zahl der Modelle um die Hälfte reduzieren und die verwendeten Komponenten um drei Viertel. Diese Logik ist für Unternehmen häufig eine Art „Komplexitäts-Therapie“: Je weniger Varianten und Baukastenteile, desto einfacher lassen sich Einkaufspreise, Fertigungsplanung und Qualitätssicherung stabilisieren. Blume rahmt das als tiefgreifendes Transformationsprogramm, nicht als reines Sparpaket.
Der Konflikt um Umsetzung und soziale Folgen ist dabei bereits vorgezeichnet. Betriebsrat und Arbeitnehmervertretung reagieren schnell und kritisieren, dass eine Debatte über Standortschließungen und Personalabbau in historisch großen Dimensionen nicht das neue Geschäftsmodell für den Konzern sein könne. Auch Niedersachsen als Land mit 20 Prozent Beteiligung und zwei Sitzen im Aufsichtsrat wird in die Gleichung hineingezogen. Zwar hatten sich die Pläne zunächst im Aufsichtsrat nicht durchgesetzt, für September ist aber eine weitere Sitzung angekündigt; weitere Beratungen sollen folgen. Gerade weil VW auf Abstimmung mit dem Kontrollgremium angewiesen ist, wird aus dem Sparpaket zugleich ein Governance-Thema: Welche Kostenstruktur man anstrebt, hängt am Ende auch davon ab, wie schnell und wie weit sich die Parteien auf den Zielkorridor einigen.
Was den Blick auf die Werke betrifft, versucht Blume den Handlungsraum enger zu definieren. Mögliche Schließungen in Emden, Zwickau und Hannover sowie bei Audi in Neckarsulm bezeichnet er als letzte Option, die er vermeiden möchte. Als Begründung führt er an, dass es für diese vier Werke derzeit keine „wettbewerbsfähige Belegung“ für die 2030er-Jahre gebe. Gleichzeitig verweist er auf Alternativen wie Rüstung und den Bau chinesischer VW-Modelle für den hiesigen Markt, allerdings ausdrücklich nur für eigene Modelle, die der Konzern bisher nur in China anbietet, und ohne Öffnung der Fabriken für konkurrierende Hersteller wie BYD oder Geely. Das ist strategisch relevant: Es reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Werksschließungen sofort zum primären Hebel werden, macht aber zugleich sichtbar, dass VW seine Produktionsplanung stärker auf regionale Marktmischungen und Modell-Portfolios ausrichten will.
Auch bei der Zahl der Stellen bleibt Blume zunächst auf Distanz zu harten Zusagen. Die 50.000 potenziell wegfallenden Jobs nennt er eine bisher nur rechnerische Größe, die sich aus den angestrebten Kostensenkungen ableitet. Nun müsse detailliert ermittelt werden, welche Anpassungen über Marken, Gesellschaften und Regionen tatsächlich nötig und möglich seien. Der Stellenabbau soll zu den bereits für 2024 vereinbarten Einsparungen hinzukommen. Bis 2030 plant VW bereits den Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland: 35.000 bei der Kernmarke, der Rest bei Töchtern wie Audi und Porsche. Über 37.000 Beschäftigte sollen entsprechende Vereinbarungen unterschrieben haben; VW will den Abbau sozialverträglich gestalten, vor allem über Altersteilzeit und Abfindungen. Betriebsbedingte Kündigungen werden bis 2030 ausgeschlossen, wobei Blume offen lässt, ob die Jobgarantie erweitert werden kann – dafür müssten die Bedingungen stimmen, etwa bei Verwaltungs- und Arbeitskosten auf Marken-, Tochter- und Regionsebene.
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