FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Pictet sieht Aktien angesichts robusten Gewinnwachstums weiter als attraktiv. Gleichzeitig mahnen die Vermögensverwalter, dass der KI-Investitionszyklus über Infrastrukturkosten den Inflationsdruck erhöhen könnte. Vor allem in den USA nehmen laut Branchenstimmen Forderungen nach Regulierung zu, während Anleger auch Privatsphäre-Risiken im Blick behalten. So rückt das Zusammenspiel aus Zinsen, Anleiherenditen und KI-Ausgaben erneut in den Fokus der Kapitalmärkte.

Pictet warnt: KI-Boom treibt Inflation – Aktien bleiben dennoch attraktiv
Pictet warnt: KI-Boom treibt Inflation – Aktien bleiben dennoch attraktiv (Foto: IT BOLTWISE)
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Angesichts einer weiterhin überraschend robusten Weltkonjunktur bleibt die grundsätzliche Haltung vieler Vermögensverwalter gegenüber Aktien positiv. Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet, betont in Frankfurt vor allem das Zusammenspiel aus Ertragsdynamik und Bewertung: Das starke Gewinnwachstum insbesondere US-amerikanischer Unternehmen habe den Bewertungsargumenten zuletzt Auftrieb gegeben. Dennoch schwingt eine zweite, weniger sichtbare Kraft mit, die an den Märkten künftig stärker durchschlagen könnte: Die weltweit hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz dürften nicht nur Produktivität fördern, sondern auch den Inflationsdruck verstärken. Genau diese Spannungsachse prägt das aktuelle Stimmungsbild.

Technisch betrachtet folgt der KI-Boom einem einfachen, aber kostenintensiven Pfad: Unternehmen skalieren Rechenzentren, beschaffen spezialisierte Hardware, erweitern Netzinfrastruktur und investieren in Software-Stacks für Training, Inferenz und Betriebsüberwachung. Diese Ausgaben wirken zunächst wie ein struktureller Nachfrageschub in der Realwirtschaft. Gleichzeitig entstehen Folgekosten, etwa für Energie, Kühlung, Netzwerkbandbreite und Wartung. Auch wenn KI-Anwendungen mittelfristig Effizienzgewinne ermöglichen, kann die kurzfristige Investitionsphase die Kostenbasis erhöhen und damit Preissteigerungsraten beeinflussen. In diesem Sinn argumentiert Pictet, dass die Größenordnung des KI-Kapitalstocks die Inflation stärker treiben könnte als bislang von vielen Marktteilnehmern eingepreist.

Damit verknüpft ist die makroökonomische Rückkopplung über die Zentralbanken. Frederik Ducrozet, Leiter makroökonomisches Research bei Pictet Wealth Management, sieht die Gefahr, dass die Geldpolitik nicht im gewünschten Tempo gelockert wird. Wenn der Inflationsdruck durch Infrastruktur- und Energieeffekte zunehmen sollte, könnten Notenbanken gezwungen sein, die Leitzinsen früher oder öfter anzuheben. Das hätte zwei unmittelbare Folgen: Erstens würde die konjunkturelle Dynamik gedämpft, zweitens veränderte sich das relative Attraktivitätsprofil von Aktien gegenüber festverzinslichen Anlagen. In einer Welt, in der Renditen stärker von realen Erwartungen abhängen, kippt Bewertungslogik schnell von Wachstumserzählungen hin zu Discounted-Cashflow-Mechanik.

Der Markt liefert dafür bereits Anhaltspunkte: Laut den Pictet-Experten entfaltet der hohe Ölpreis im Kontext politischer Risiken, etwa im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt, seine Wirkung weiter. Energiepreise wirken typischerweise über mehrere Kanäle, darunter Transport- und Produktionskosten, aber auch über indirekte Erwartungen an die künftige Preisentwicklung. Wenn sich dann zusätzlich ein KI-getriebener Investitionsschub mit infrastrukturellen Kosten überlagert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass geldpolitische Spielräume enger werden. In solchen Phasen suchen Anleger häufig nach Anlageklassen, die gegenüber Inflation besser gepuffert sind, etwa durch höhere nominale oder inflationsbereinigte Renditen. Das erklärt, warum Aktienrisiko zwar nicht verschwinden, aber zunehmend präziser bepreist wird.

Für den Anleihemarkt ergibt sich daraus eine klare Wettbewerbslogik. In Zeiten steigender Inflationsrisiken, so die Einschätzung, rücken Anleiheinvestoren besonders in den Fokus, wenn sie Renditen erzielen können, die die Preissteigerung tatsächlich übertreffen. Zudem dürften Anleger verstärkt dort Chancen finden, wo lokale Währungen eine größere Rolle spielen, insbesondere bei Anleihen in Lokalwährung aus Lateinamerika. Ergänzend gelten Unternehmensanleihen als interessant, weil viele Emittenten trotz der dynamischen Märkte weiterhin relativ solide Finanzierungsbedingungen vorweisen und häufig nur moderat verschuldet sind. Damit entsteht ein Portfolio-Mechanismus: Aktien bleiben für Wachstum und Beteiligungsaussichten relevant, Anleihen werden jedoch zur Inflations- und Zinsabsicherung wichtiger.

Auch auf der regulatorischen Ebene wächst der Druck. Pictet verweist darauf, dass in den USA Forderungen nach Regulierung lauter geworden seien, während sich zugleich die öffentliche Debatte über Privatsphäre zuspitze. Das ist nicht nur politischer Lärm, sondern kann sich konkret auf die Umsetzung von KI-Strategien auswirken: Datenschutzanforderungen beeinflussen Datenzugänge, Trainingsprozesse und Governance-Strukturen; Compliance-Kosten schlagen wiederum auf Budgets. Gleichzeitig erhöht Regulierung die Wahrscheinlichkeit, dass KI-Anbieter stärker in auditierbare Systeme, Dokumentation und Risikoabschätzung investieren müssen. In der Praxis bedeutet das für Unternehmen: KI-Entwicklung wird zu einem Teil von Betriebs- und Sicherheitsarchitekturen, nicht nur zu einer Produkt- oder Innovationsfrage.

Im Wettbewerbsumfeld beobachten Marktteilnehmer zudem, wie groß die Unterschiede in der KI-Execution zwischen den großen Akteuren sind. Während führende Investmentmanager wie BlackRock oder Vanguard zwar keine einheitliche „KI-These“ im öffentlichen Sinn vertreten, fließt KI-Infrastruktur häufig indirekt über die Kapitalallokation in ihre Portfolios ein: Semis, Cloud-Infrastruktur und bestimmte Industrien profitieren über Lieferketten- und Capex-Zyklen. Gleichzeitig können strengere regulatorische Rahmenbedingungen einzelne Geschäftsmodelle schneller umstellen als andere. Experten erwarten daher, dass sich die Gewinner nicht nur nach technologischer Leistungsfähigkeit, sondern auch nach Umsetzungsfähigkeit in regulierten Daten- und Sicherheitsumfeldern verteilen. Genau hier entsteht für Anleger eine neue Art von Selektion innerhalb der KI-nahem Industriebreite.

Für die nächsten Quartale ergibt sich daraus ein pragmatischer Ausblick: Der KI-Investitionszyklus bleibt wahrscheinlich bestehen, aber die Marktreaktion darauf wird sensibler. Sollte Inflation in Richtung zäher bleiben, könnten Kapitalströme sich kurzfristig stärker auf Rendite- und Absicherungsprofile verlagern, während Aktien Bewertungen stärker unter dem Einfluss der Zinskurve stehen. Gleichzeitig bleiben Paolinis Kernargumente zur Aktienattraktivität plausibel, solange das Ertragswachstum die höheren Kapitalkosten überkompensieren kann. Für Unternehmen folgt daraus ein zweigleisiger Auftrag: KI-Investitionen müssen schneller in produktive Wertschöpfung übersetzen und zugleich in Compliance-, Datenschutz- und Sicherheitsarchitekturen eingebettet werden. Wer beides schafft, dürfte vom KI-Boom profitieren, ohne dass der Inflations- und Zinsdruck das operative Momentum zu stark ausbremst.


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