HANNOVER / OSNABRÜCK / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als 60 Prozent der Menschen über 65 bewegen sich zu wenig: Genau dagegen bündeln neue Initiativen wissenschaftlich erprobte Trainingsbausteine, adressieren spezielle Berufsgruppen wie Musiker und treiben zugleich die Digitalisierung im Gesundheitswesen voran. Im Zentrum stehen Programme wie Otago und MAKS-Therapie sowie neue Mobilitätstrainings für Rollstuhl und Rollator. Parallel dazu fließen Ergebnisse aus Forschungsprojekten in praxisnahe Angebote – und auf politischer Ebene werden bürokratische Hürden abgebaut, während ein elektronischer Impfpass diskutiert wird.

Wenn sich in Deutschland der demografische Druck erhöht, wird Prävention von „nice to have“ zu einer operativen Notwendigkeit: Das Robert Koch-Institut beziffert, dass über 60 Prozent der über 65-Jährigen sich zu wenig bewegen. Damit wächst nicht nur das Risiko für Stürze und Mobilitätseinschränkungen, sondern auch die Belastung der Pflege und der ohnehin knappen Versorgungsstrukturen. Im Juni 2026 zeigen mehrere Initiativen, wie sich Prävention stärker auf Zielgruppen zuschneiden lässt – von der Langzeitpflege bis zu speziellen Belastungsprofilen in Berufen. Gleichzeitig rücken digitale Infrastrukturen in den Fokus, weil sie Trainings, Dokumentation und Nachverfolgung skalierbar machen können.
Ein besonders zielgerichteter Ansatz entsteht in der Forschung: Die Hochschule Osnabrück untersucht Muskel-Skelett-Erkrankungen bei professionellen Musikern. Gemeinsam mit dem Berufsverband UNISONO läuft das Projekt PA.H|LIFETIME.KI, das unter dem Begriff „Performing Arts Physiotherapy“ Physiotherapie-Methoden entwickeln will, die die besonderen biomechanischen Anforderungen des Instrumentenspiels berücksichtigen. Diese Logik ist für die Pflege übertragbar: Wer Interventionen an die realen Bewegungsmuster einer Population koppelt, verbessert typischerweise Wirksamkeit und Compliance. Technisch erinnert das an eine Art „Modell-Feintuning“ auf Daten aus einer spezifischen Belastungsdomäne – nur eben mit klinischen Endpunkten statt mit Benchmark-Datasets.
Während die Pflegepraxis in vielen Einrichtungen bisher häufig mit generischen Übungsprogrammen arbeitet, setzt das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) auf einen wissenschaftlich erprobten Baukasten. Veröffentlicht wurden kostenlose Arbeitsmaterialien mit 30 Interventionen für die Langzeitpflege. Zu den empfohlenen Bausteinen zählen das Otago-Übungsprogramm und die MAKS-Therapie, die darauf abzielen, Mobilität zu fördern und die Selbstständigkeit zu erhalten. Für Rollator- und Rollstuhlnutzer werden zudem spezifische Mobilitätstrainings betont. Im Vergleich zu stärker frei improvisierten Bewegungsangeboten liegt der Vorteil hier in der strukturierten Progression und der messbaren Zielorientierung – ein Ansatz, der in der Enterprise-Software-Welt dem „Policy-as-Code“-Denken ähnelt, nur mit pflegerischer Umsetzung.
Auch im Marktumfeld entsteht eine Art Wettbewerbsdynamik: Andere Gesundheitseinrichtungen und unabhängige Träger verfolgen ebenfalls Präventionspfade, etwa mit digitalen Hausübungsplänen oder telemedizinischer Begleitung. Das macht den ZQP-Baukasten besonders relevant, weil er als öffentlich zugängliche Grundlage die Einstiegshürde für Einrichtungen senken kann. Gleichzeitig lohnt der Blick nach international: Programme mit ähnlicher Zielrichtung finden sich in Leitlinien-Umfeldern vergleichbar zu Empfehlungen aus dem angloamerikanischen Raum. Wie Branchenexperten berichten, steigt der Druck auf Anbieter, Evidenz nicht nur zu behaupten, sondern in standardisierte Schulungs- und Dokumentationsprozesse zu übersetzen – und genau dort können solche Materialien als „Referenz-Implementierung“ wirken.
Politisch verknüpft sich Prävention derzeit eng mit Digitalisierung. In der 99. Gesundheitsministerkonferenz (GMK) in Hannover stand der Abbau bürokratischer Hürden im Gesundheitswesen im Vordergrund – inklusive der weiteren Digitalisierung. Diskutiert wurden die Entlastung von Arztpraxen, die Weiterentwicklung der Primärversorgung sowie die Einführung eines elektronischen Impfpasses. Genau diese Entscheidungen beeinflussen, wie Präventionsdaten und Impfstatus künftig verfügbar sein können, etwa für bessere Risikoabschätzung, zügigere Einordnung von Impfungen und möglicherweise auch für die gezielte Planung von Präventionskampagnen. Für Unternehmen und Träger wird das zu einer Art „Zeitfenster“, in dem Schnittstellen entstehen, die sich später nur mit Aufwand ändern lassen.
Technisch betrachtet wird dabei entscheidend, wie Gesundheitsdaten in der Praxis verarbeitet und abgesichert werden. Präventionsprogramme wie Otago/MAKS erzeugen zwar zunächst klinische bzw. pflegerische Aktivitäts- und Beobachtungsdaten, doch sobald Digitalisierung hinzukommt, können diese Informationen in Patientenakten, Schulungsprotokollen und Qualitätssicherungssystemen landen. Für IT-Verantwortliche bedeutet das: Rollen- und Rechtekonzepte müssen granular sein, Datensparsamkeit sollte „by design“ gelten und Übermittlungswege müssen kryptografisch geschützt werden. Ebenso wichtig ist Interoperabilität – also die Frage, wie Trainingsfortschritte und Ergebnisse zwischen Einrichtungen, Trägern und möglicherweise digitalen Impfpass-Services ausgetauscht werden können, ohne Medienbrüche.
Neben der Pflege stehen auch community-nahe Formate im Juni 2026: In Osnabrück findet ein „Ecstatic Dance“-Event statt, alkohol- und drogenfrei, mit Fokus auf bewusste Körperwahrnehmung und Bewegung. In Mannheim laufen Aktionstage unter dem Motto „UNTERstadt wird OBERfit“, die Module zu Bewegung, Ernährung und Achtsamkeit integrieren. Solche Angebote wirken vor allem dort, wo ältere Menschen niedrigschwellig Anschluss finden müssen. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht im Widerspruch zu Evidenzprogrammen stehen sollten: Experten weisen darauf hin, dass „freiere Formate“ durch strukturierte Anknüpfungspunkte ergänzt werden können, etwa mit sturzpräventiven Elementen, abgestuften Bewegungszielen und einer klaren Rückkopplung an pflegerische Beratung. Das erhöht die Anschlussfähigkeit zwischen Lebenswelt und Versorgung.
Der Ausblick hängt damit direkt an Umsetzung und Skalierung. Die DFG fördert die Initiative, Partner sind unter anderem die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH) und die University of Sydney; zudem soll auf der Ausstellung „MS Wissenschaft“ in Potsdam die körperliche Anforderung und Prävention in einem Exponat sichtbar werden. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass aus Forschung und praxiserprobten Materialien zunehmend „produktisierte“ Präventionspakete entstehen – inklusive Trainingslogik, Schulungskits und digitaler Dokumentationshilfen. Unternehmen in der Gesundheits-IT sollten darauf vorbereitet sein, solche Pakete in bestehende Systeme einzubinden: mit klaren Schnittstellen, auditierbaren Workflows und datenschutzkonformen Prozessen. So kann Prävention nicht nur punktuell, sondern dauerhaft in die Versorgungsketten integriert werden.
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