BREMEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Towergy bringt seinen Klimaturm als kompaktes Großwärmepumpensystem auf die Bremer Überseeinsel in den Betrieb. Die Anlage soll bis zu 400 Neubau- oder 200 Bestandswohnungen mit erneuerbarer Wärme und Kälte versorgen und setzt dabei auf eine vertikale Bauform. Entscheidend für Kommunen und Quartiersbetreiber ist die geringe Geräuschentwicklung: In zehn Metern Entfernung soll selbst die stärkste Variante unter 35 dB(A) bleiben. Zusätzlich verspricht Towergy eine selbstlernende Steuerung, die Wetterprognosen sowie Börsenstrompreise in einen optimierten 72-Stunden-Fahrplan übersetzt.

In verdichteten Quartieren wird die Energiewende oft an zwei Engpässen ausgebremst: auf der einen Seite fehlender Platz für großflächige Technikzentralen, auf der anderen Seite die Akzeptanz von Nachbarschaften, wenn neue Anlagen dauerhaft hörbar werden. Genau dort setzt Towergy mit seinem Klimaturm an, der am 30. Juni auf der Bremer Überseeinsel startet. Das Konzept richtet sich nicht nur an Neubaugebiete, sondern ausdrücklich auch an Bestandsstrukturen, für die der Wärmeanschluss und die Sanierungsfähigkeit eine besonders kritische Rolle spielen. Damit will der Hersteller einen praktikablen Pfad liefern, der Wärme- und Kälteversorgung in einer einzigen, modularen Einheit zusammenführt.
Technisch handelt es sich um eine Luft-Wasser-Großwärmepumpe mit vierseitiger Luftansaugung und einer Abluftführung über die Turmspitze. Auffällig ist die integrierte Mechanik im Turm: Ventilatoren mit Schalldämpfern sollen die Geräuschemissionen signifikant reduzieren, sodass der Klimaturm im Alltag weniger zur Belastung wird. Für den direkten Betrieb ist die notwendige Elektrotechnik sowie die Pumpeninstallation für den Anschluss an vorhandene Wärmenetze bereits integriert. Towergy positioniert die Lösung als anschlussfertig in vier Ausführungen mit einer thermischen Leistung von 0,3 bis 1,5 Megawatt. Durch ein vorgefertigtes Modulsystem soll sich die Montage in wenigen Wochen realisieren lassen.
Auch die Dimensionierung adressiert das Platzproblem typischer Quartiere. Die Höhe variiert je nach Ausführung zwischen 11 und 14 Metern, während die Grundfläche von 3,8 mal 3,8 Metern bis 5,6 mal 5,6 Metern reicht. Damit lässt sich das System eher in vorhandene Gewerbe- und Erschließungsflächen integrieren als in klassische, weitläufige Wärmeparks. Die Fassade ist zudem flexibel gestaltbar, etwa farbig, begrünt oder verspiegelt, und kann sogar als Werbefläche genutzt werden. Für kommunale Betreiber, die Quartiersentwicklung mit Mobilität verknüpfen möchten, ist außerdem eine optionale Wallbox-Anbindung vorgesehen: Zwei Wallboxen können unten am Turm montiert werden und versorgen anschließend zwei Parkplätze mit Ladestrom.
In der Marktlogik ist das Timing besonders relevant, weil Kommunen und Wohnungswirtschaft aktuell zwischen unterschiedlichen Energiepfaden abwägen. In vielen Städten dominieren weiterhin zentralere Wärmelösungen oder Wärmepumpenverbünde mit größeren Anlagenflächen; etablierten Herstellern wie Viessmann oder Bosch Thermotechnik kommt dabei oft eine Rolle in Bezug auf Komponenten, während lokale Integratoren die Systemintegration leisten. Der Klimaturm versucht, diese Lücke zu schließen, indem er ein vertikales, dicht bebaubares System liefert, das schalltechnisch und logistisch auf den Betrieb in Wohnnähe ausgelegt ist. Towergy betont, dass die Kombination aus integrierten Schalldämpfern und massiven Turmwänden sogar nächtlichen Betrieb in reinen Wohngebieten ermöglicht, womit ein häufiges Gegenargument gegen Luftwärmepumpen in Quartieren adressiert wird.
Die Steuerung zielt wiederum auf Kosten- und Stabilitätsfragen, die in der Praxis häufig stärker wirken als theoretische Effizienzwerte. Towergy nutzt dafür eine inhouse entwickelte, selbstlernende Regelung, die Wetterprognosen, Börsenstrompreise sowie den prognostizierten Wärme- und Kältebedarf im Quartier einbezieht. Entscheidend ist der Zeithorizont: Für die kommenden 72 Stunden wird ein Betriebsfahrplan optimiert, sodass die Wärmepumpe bevorzugt dann läuft, wenn der Strommix aus regenerativen Quellen besonders günstig ausfällt und die Strompreise niedriger sind. Aus Unternehmenssicht ist das ein Ansatz, der die Volatilität von Strommärkten in planbare Betriebsszenarien überführt. Gleichzeitig knüpft das Konzept an die politische Debatte um das Heizungsgesetz an, die laut Branchenstimmen lange daran hing, technische Machbarkeit und Bezahlbarkeit in dicht besiedelten Lagen zusammenhängend zu erklären.
Ein wichtiger Punkt für Kommunen ist dabei auch die Frage, wie der Betrieb regulatorisch und datenschutztechnisch abgesichert werden kann. Die hier genutzte Logik stützt sich zwar auf öffentliche Wetter- und Energiepreisprognosen, die tatsächliche Auslegung der Anlage verlangt jedoch typischerweise eine belastbare Datenbasis zu Gebäudeeigenschaften, Netzparametern und Lastprofilen. Für Betreiber bedeutet das: Schnittstellen zu bestehenden Energiemanagement-Systemen müssen sauber integriert werden, und die Steuerungsdaten sollten so behandelt werden, dass keine unnötigen personenbezogenen Informationen entstehen. Auf Systemebene ist zudem die IT-Sicherheit relevant, weil die Optimierung in Echt- oder Nahechtzeit stattfindet und Manipulationsrisiken im Betrieb vermieden werden müssen.
Mit Blick auf die nächsten Schritte bleibt die Serienproduktion der entscheidende Maßstab dafür, ob das Konzept skaliert. Towergy plant, zum Jahresende in einer firmeneigenen Halle in Bremerhaven mit der Serienproduktion zu starten. In Bremen wird parallel der Klimacampus Bremen sowie angrenzende Künstlerateliers mit Wärme versorgt, wodurch der Nutzen im direkten Umfeld sichtbar wird. Für Entwickler und Systemintegratoren könnte das mehrere Chancen eröffnen: So entstehen neue Projektmodelle für modulare Quartierswärme, bei denen Montagezeiten und Schalldaten bereits in die Ausschreibung einfließen. Gleichzeitig dürfte der Wettbewerbsdruck steigen, da andere Anbieter ähnliche Kriterien wie Schallschutz, modulare Bauformen und strommarktnahe Betriebsführung in ihre Angebote aufnehmen müssen.
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