OBERKOCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Hensoldt treibt mit Twinvis ein passives Radarsystem voran, das ohne eigene Impulse auskommt und stattdessen Rundfunk- und Fernsehsignale als „Beleuchtung“ nutzt. Betreiber erhalten damit eine zusätzliche Sensorlage für den unteren Luftraum – besonders dort, wo klassische Radare bei kleinen Drohnen an Grenzen stoßen. Das containerbasierte Konzept soll sich zudem in temporären Sicherheits-Setups schnell verlegen lassen. Damit rückt eine mehrschichtige Strategie aus Detektion und Datenfusion stärker in den Fokus der Luftsicherheitsbranche.

Der zunehmende Druck auf den zivilen Luftraum kommt nicht nur aus dem klassischen Flugverkehr, sondern vor allem aus der Realität dichter Urbanität: Drohnen, kleine Fluggeräte und temporär stark frequentierte Zonen verändern die Anforderungen an Erkennungssysteme. In diesem Umfeld stellt Hensoldt mit Twinvis eine Lösung in den Mittelpunkt, die das Prinzip der Luftraumüberwachung neu ausrichtet. Statt eigene Radarimpulse zu senden, nutzt das System vorhandene Funksignale als Beleuchtungsquelle. Das kann die Sensorik „leiser“ machen, die Betriebslogik vereinfachen und zugleich eine zusätzliche Ebene im Sicherheits-Stack liefern, wenn es auf eine lückenlose Abdeckung ankommt.
Technisch basiert Twinvis auf passivem Radar: Der entscheidende Unterschied zu aktiven Primärradaren liegt darin, dass keine eigenen Hochfrequenz-Impulse in die Umgebung ausgesendet werden. Das System erfasst statt dessen Reflexionen von Flugobjekten, die durch terrestrische Sender wie DVB-T- oder UKW-Signale „beleuchtet“ werden. Für die Positionierung und Bewegungsabschätzung wird diese Rückstreuung zeitlich und signaltechnisch ausgewertet; daraus entstehen Schätzungen zu Standort und Flugvektor. Für Betreiber ergibt sich daraus nicht nur ein potenzieller Vorteil bei der elektromagnetischen Sichtbarkeit, sondern auch eine pragmatische Kante bei regulatorischen Fragestellungen rund um Sendefrequenzen und Hochleistungsbetrieb.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Integration in reale Einsatzszenarien. Hensoldt positioniert Twinvis als mobiles, containerbasiertes System, das sich mit vergleichsweise geringem Aufwand verlegen lässt. Genau das adressiert eine typische Lücke zwischen permanenter Infrastruktur und kurzfristigen Sicherheitsanforderungen: Bei Großveranstaltungen, Bauphasen oder temporär erhöhtem Schutzbedarf müssen Erfassungszonen rasch entstehen, ohne komplette Radararchitekturen neu aufzusetzen. In der Praxis kann die Vernetzung mehrerer Sensorköpfe die Abdeckung vergrößern und die Ortungsgenauigkeit verbessern. Dabei spielt die Dichte geeigneter zivil genutzter Sendernetze eine zentrale Rolle, weil sie das Signalangebot für die Auswertung bestimmt.
Für Sicherheitsbehörden und Flughafenbetreiber ist jedoch nicht nur die Verfolgung klassischer Luftfahrzeuge relevant. Die wachsende Bedrohungslage durch kleine Drohnen stellt passive Systeme vor spezifische Herausforderungen, etwa durch geringe Radarreflexionen und niedrige Flughöhen. Genau hier soll Twinvis als Ergänzung wirksam werden: Passive Sensorik kann in Mehrschicht-Architekturen Vorteile liefern, wenn andere Detektionspfade an Empfindlichkeits- oder Sichtbarkeitsgrenzen geraten. Branchenexperten beschreiben passives Radar deshalb häufig als „Sensor für die Nebenlage“, der nicht alles ersetzen will, aber die Wahrscheinlichkeit früher Erkennung erhöht. In Deutschland lassen sich solche Ansätze zudem in bestehende Konzepte einbetten, die auf Fusion verschiedener Datenquellen setzen.
Der Markt für Drohnen- und Luftraumschutz ist inzwischen stark durch Wettbewerb und Parallelinitiativen geprägt. Neben etablierten Anbietern für aktive Radar- und elektrooptische Detektion investieren Unternehmen wie Thales und Leonardo seit Jahren in Systeme, die Detektion, Tracking und Abwehrkaskaden enger koppeln. Gleichzeitig entstehen Alternativen im passiven Spektrum- und Multisensor-Umfeld, weil Betreiber nicht nur einzelne Sensoren, sondern integrierte Betriebsmodelle kaufen. Aus Wettbewerbssicht ist Twinvis daher weniger ein „Standalone-Produkt“, sondern ein Baustein, der sich in bestehende Command-and-Control-Umgebungen einhängt. Für Hensoldt bedeutet das vor allem: Technologische Breite im Sensorik-Portfolio sichtbar zu machen, ohne sich auf einen einzigen Umsatzhebel festzulegen.
Auch die zeitliche Einordnung der Markteinführung ist relevant. Berichten zufolge wird Twinvis seit 2018 schrittweise in Projekten adressiert, mit Details, die stark projektabhängig sind. Damit folgt Hensoldt einem Muster, das in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie üblich ist: Validierung über Pilot- und Feldprojekte, anschließend Skalierung über Standardisierung von Schnittstellen und Betriebsprozessen. Für Stakeholder in Behörden und bei Betreibern zählen dabei vor allem Nachweise zur Systemleistung unter realen Funkumgebungen sowie zur Verlässlichkeit im Dauerbetrieb. In Kapitalmarktbegriffen übersetzt sich das typischerweise in projektbasierte Umsätze statt frei ausweisbarer Endkundenpreise – eine Logik, die zwar weniger planbar wirkt, aber langfristig Lernkurven und Reifegrad fördert.
Blickt man nach vorn, dürfte die strategische Bedeutung passiver Radaransätze vor allem in der Kombination liegen: Sensoren, die unterschiedliche Stärken haben, werden so orchestriert, dass frühe Erkennung, robustes Tracking und priorisierte Maßnahmen im Gesamtsystem funktionieren. In einem Umfeld, in dem Funk- und Sensordaten zunehmend automatisiert korreliert werden, kann Twinvis als „Signalquelle“ in Datenfusionsketten dienen. Historisch zeigt sich zudem, dass passive Radarkonzepte immer wieder aufgegriffen wurden, weil sie eine Alternative zu frequenz- und sendebasierten Anforderungen bieten. Moderne Verarbeitung – insbesondere leistungsfähigere Signalverarbeitung und adaptivere Kalibrierlogiken – senkt dabei Hürden, die frühere Generationen stärker belasteten.
Für die nächsten Entwicklungsstufen sind daher vor allem drei Felder entscheidend: erstens die Qualität der Ortungsdaten über verschiedene Regionen hinweg, in denen Sendequellen, Abschattung und Reflexionsbedingungen variieren; zweitens die Skalierung bei Mehrsensorbetrieb, inklusive Synchronisation, Datenqualität und Betriebsautomatisierung; drittens die Einbindung in regulatorisch und operativ saubere Sicherheitsprozesse. Wenn Budgets für Luftraum- und Drohnensicherheit weiter wachsen, eröffnet das Entwicklern und Systemintegratoren neue Chancen, passive Sensorik mit etablierten Plattformen wie bestehenden Tracking- und Lagebildsystemen zu verknüpfen. Langfristig ist zu erwarten, dass Betreiber die „unsichtbare“ Sensorlage nicht als Ersatz, sondern als ergänzende Schicht betrachten, um den zivilen Luftraum belastbarer und früher auswertbar zu machen.
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