ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Die ETH Zürich stellt mit „Nutrion“ einen tragbaren Atemsensor vor, der den Acetongehalt in der Ausatemluft mit hoher Genauigkeit erfassen soll. Eine Validierungsstudie vergleicht den Sensor mit einem PTR-MS und kommt auf eine Korrelation von 0,995. Der Messbereich liegt bei 0,2 bis 43 ppm, gesteuert wird das Gerät über eine Smartphone-App per Bluetooth. Entscheidend bleibt aber der Weg zur klinischen Zulassung sowie die Frage, wie robust die Messung im Alltag außerhalb des Labors bleibt.

ETH-Sensor „Nutrion“: Aceton in Atemluft mit Laborpräzision messen
ETH-Sensor „Nutrion“: Aceton in Atemluft mit Laborpräzision messen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer den Stoffwechsel und insbesondere die Fettverbrennung beobachten will, stößt in der Praxis schnell an Grenzen: Laboranalysen sind aufwendig, invasive Ansätze sind nicht für den regelmäßigen Einsatz gedacht. Genau an dieser Stelle setzt „Nutrion“ an, ein tragbarer Atemsensor der ETH Zürich, der Aceton in der Ausatemluft als Proxy für Stoffwechselzustände in Echtzeit erfassen soll. Die zentrale Aussage der Ankündigung ist nicht nur, dass ein tragbares Gerät überhaupt Aceton messen kann, sondern dass die Messgenauigkeit nach Angaben aus der Validierung sehr nah an hochpräzisen Referenzmethoden liegt.

In der im Juli 2026 veröffentlichten Studie standen 312 Atemproben von zwölf Erwachsenen im Alter von 20 bis 37 Jahren im Mittelpunkt. Verglichen wurden die Messwerte des tragbaren Sensors mit denen eines hochpräzisen Massenspektrometers vom Typ PTR-MS. Die Ergebnisse zeigen eine Korrelation von 0,995, was in der Interpretation vor allem bedeutet: Der Sensor bildet Änderungen im Acetonmuster sehr konsistent gegenüber der Referenz ab. Der Messbereich wird dabei mit 0,2 bis 43 ppm angegeben. Interessant für die praktische Einordnung ist zudem die Fehlerstreuung: Bei 2 ppm lag die Abweichung bei 0,15 ppm, bei 10 ppm stieg sie auf etwa 0,42 ppm; das entspricht rund 4,2 Prozent. Damit wird der Anspruch gestützt, dass der Sensor nicht nur im oberen Messbereich funktioniert, sondern auch bei niedrigeren Konzentrationen, wie sie bei normaler Ernährung und Bewegung typischerweise vorkommen.

Technisch beruht der Sensor auf einem chemoresistiven Messprinzip. Als aktives Material kommen silizium-dotierte Wolframtrioxid-Nanopartikel zum Einsatz, die spezifisch auf Acetonmoleküle reagieren. Damit dieser Mechanismus in der Atemluft zuverlässig ausgelesen werden kann, adressiert das Gerät einen der Haupt-Störfaktoren: Feuchtigkeit. Über eine Tenax-TA-Sorptionssäule filtert und neutralisiert das System störenden Wasserdampf, bevor er die Messantwort verzerrt. Für den Nutzer erfolgt die Handhabung anschließend bewusst unkompliziert: Eine Smartphone-App steuert die Messung über Bluetooth und führt den Anwender durch eine 90-sekündige Aufnahme der endtidalen Atemprobe. Genau diese endtidale Phase ist relevant, weil sich dort das Atemgas näher an den Gasaustauschbedingungen zwischen Blut und Lunge annähert.

Einordnung bekommt das System auch durch die beschriebenen Muster nach Lebensstil-Triggern: Nach körperlichem Training oder einer fettreichen Mahlzeit sollen Acetonwerte um den Faktor 5 bis 10 ansteigen. Diese Verläufe werden als signifikant mit im Blut gemessenen Keton- und Glukosewerten in Beziehung gesetzt. Damit positioniert sich „Nutrion“ weniger als Diagnosegerät für eine einzelne Krankheit, sondern eher als Monitoring-Werkzeug, das Stoffwechseländerungen sichtbar macht. Gleichzeitig bleibt die Messung indirekt: Auch wenn der Sensor Stoffwechselverschiebungen präzise abbilden soll, lässt sich ein direkter Körperfettverlust allein aus einer Acetonmessung nicht unmittelbar beziffern. Für Unternehmen und Anwender bedeutet das: Der Sensor kann Entscheidungen im Rahmen eines Trackings stützen, ersetzt aber keine Ernährungs- oder Trainingsplanung auf Basis vollständiger Energiebilanzdaten.

Der Weg vom Labor-Setup zur Vermarktung ist laut Angaben ebenfalls schon weit gediehen. Hinter der Entwicklung steht eine über zehnjährige Forschungsarbeit, ein erster Prototyp wurde bereits 2017 fertiggestellt. Als unterstützende Rollen werden Innosuisse sowie die Vontobel- und die Accentus-Stiftung genannt. Die Kommerzialisierung läuft über die Alivion AG als Spin-off der ETH Zürich. Für den breiteren Markt ist allerdings ein weiterer Punkt entscheidend: Aktuell verfügt das Gerät noch nicht über eine klinische Zulassung. In den Studien wird zwar eine Langzeitstabilität über acht Monate beschrieben, zugleich zeigen sich aber individuelle Unterschiede im Stoffwechselprofil der Probanden. Genau diese Streuung ist im Alltag der eigentliche Prüfstein, weil Nutzer nicht nur einmal messen, sondern langfristig mit unterschiedlichen Tagesrhythmen, Schlafmustern und Trainingszuständen.

Für welche Use Cases bietet „Nutrion“ damit realistische Anknüpfungspunkte? Laut Planung sollen weitere Validierungsstudien mit größeren Teilnehmerkreisen folgen. Ein konkreter Schwerpunkt liegt dabei auf Untersuchungen am Universitäts-Kinderspital Zürich: Der Sensor soll bei Kindern mit Epilepsie getestet werden, die im Rahmen ihrer Behandlung spezielle Diäten einhalten müssen. Daneben werden medizinisch begleitete Diäten, ketogene Therapien sowie Anwendungen im Umfeld von GLP-1-Präparaten als Perspektive genannt. Auch im Sportbereich schwebt ein Monitoring-Gedanke: Die Technologie könnte dabei helfen, die Effektivität von Trainingseinheiten in Bezug auf den Fettstoffwechsel zeitnah zu prüfen. Für die Fitnessbranche wäre das ein Qualitätshebel, aber auch für Sicherheits- und Datenverantwortliche in Unternehmen: Je näher die Messung an Gesundheitsentscheidungen rückt, desto wichtiger wird die saubere Interpretation der Messwerte, etwa durch klare Messprotokolle und robustes Kalibriermanagement im Feld.

Unterm Strich zeigt „Nutrion“ eine typische Entwicklungslinie im Wearable-Bereich: Aus einer Laborfähigkeit wird eine mobile Messkette mit Sensor, Signalverarbeitung und Benutzerführung. Dass die Validierung die Abweichungen bei konkreten Konzentrationen beziffert und die Korrelation zur Massenspektrometrie sehr hoch ausfällt, macht den Ansatz technisch plausibel. Gleichzeitig bleibt die Markteinführung an zwei Bedingungen geknüpft: erstens an regulatorische Schritte wie die klinische Zulassung, zweitens an die Frage, wie gut der Sensor im realen Tagesbetrieb mit Variabilität durch Atemfluss, Hydration, Raumluftbedingungen und individuellen Stoffwechselunterschieden zurechtkommt. Wenn diese Hürden genommen werden, könnte Acetonmessung über Atem statt Laboranalyse für Monitoring-Zwecke deutlich zugänglicher werden – und damit sowohl Forschungs- als auch Sport- und Ernährungsanwendungen neue Messroutinen ermöglichen.


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