WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher melden eine neue Welle gezielter Cyberangriffe gegen Industrie- und Bauunternehmen. Im Zentrum stehen Phishing-Kampagnen, die zunehmend KI-gestützte Infrastruktur missbrauchen und damit in großem Maßstab Identitäten übernehmen. Betroffene sollten vor allem Kontozugriffe absichern, phishing-resistente Multi-Faktor-Authentifizierung einführen und verdächtige Aktivitäten im Microsoft-Ökosystem eng protokollieren. Parallel zeigt sich, dass Erpressung und Datenleaks weiterhin als Druckmittel gegen kritische Lieferketten wirken.

Die Schlagzeile klingt nach „klassischem“ Cyberkriminalitätsmuster, doch die Details deuten auf einen Qualitätssprung hin: Angreifer richten sich nicht mehr nur auf einzelne Rechner, sondern auf die Identitäten, mit denen Industrieprozesse gesteuert und Zahlungen ausgelöst werden. Laut Berichten entstehen dabei Schäden in Milliardenhöhe, weil der Angriff aus vielen tausend gefälschten Einstiegswegen besteht und sich über Länder hinweg verteilt. Besonders kritisch ist, dass die Bau- und Industriebranche nicht nur als Ziel für Betriebsinformationen dient, sondern auch als Einstiegspunkt für die Manipulation von Zahlungsflüssen und Zugriffsrechten in zentralen Systemen.
In Österreich trifft seit Juni 2025 eine Phishing-Kampagne Bauunternehmen, die den Namen eines großen Baukonzerns nutzen, um gefälschte Ausschreibungen „seriös“ wirken zu lassen. Sobald Mitarbeitende auf die Inhalte reagieren, wird häufig der nächste Schritt eingeleitet: Der Abgriff von Microsoft-365-Zugangsdaten. Für Unternehmen ist das deshalb so riskant, weil Microsoft 365 in vielen Organisationen die Schaltzentrale für Dokumente, Identitäten und Freigabeprozesse ist. Angreifer kombinieren dabei Social Engineering mit technischen Umwegen, sodass die eigentliche Kompromittierung häufig erst bemerkt wird, wenn bereits Organisationsdaten Abfluss finden.
Technisch setzt die neue Angriffslogik auf Identitätsdiebstahl statt auf reine Schadsoftware-Infektionen. Zwei beschriebene Kampagnen nutzen „Adversary-in-the-Middle“-Phishing (AiTM), das am Kern der Wirksamkeit von Passwörtern und auch Teilen von MFA angreift: Die Angreifer platzieren sich zwischen den Authentifizierungsschritten und übernehmen signierte Sitzungen oder Konten, ohne dass das Endgerät im klassischen Sinne „infiziert“ sein muss. Ergänzend wird berichtet, dass über Schnittstellen wie Microsoft Graph interne Organisationsdaten ausgelesen werden können, um Rechte und Workflows gezielt auszunutzen – etwa, um Gehaltszahlungen umzuleiten.
Marktseitig zeigt sich zudem, dass KI nicht nur als Verteidigungsversprechen, sondern als Beschleuniger für Betrugsökonomien funktioniert. In einem bekannten zivilrechtlichen Verfahren wurde der Vorwurf erhoben, dass ein in China verortetes Kriminellennetzwerk eine KI-Plattform für eine groß angelegte Phishing-Kampagne missbraucht haben soll. Der angebliche Schaden beläuft sich dabei auf etwa 1,9 Milliarden Euro über 95 Länder hinweg, unter anderem durch Tausende gefälschter Websites, Millionen verdächtiger URLs und phasenweise massenhafte Spam-Aussendungen. Dass dabei sogar Interaktionen mit Android-Nutzern zu Beschwerden führten, unterstreicht: Der Zugriff auf Mobilität ist inzwischen Teil der Angriffsfläche.
Für die Abwehr rücken deshalb Maßnahmen in den Vordergrund, die nicht nur „Inhalte“ blocken, sondern Identitäten und Kommunikationspfade härten. Sicherheitsexperten empfehlen in Berichten unter anderem DNS-Whitelist-Ansätze, um den Kontakt zu nicht autorisierten Domains frühzeitig zu unterbrechen, bevor Nutzende einen Klick ausführen oder Anmeldedaten preisgeben. Gleichzeitig gewinnt phishing-resistente MFA an Bedeutung, weil sie den Schwachpunkt traditioneller MFA-Setups reduziert, die über Umleitungsszenarien wie AiTM aushebelt werden können. Ebenso wichtig ist eine lückenlose Aktivitätsprotokollierung rund um Microsoft-Graph-Zugriffe, damit ungewöhnliche Abfragen, API-Nutzung und Rechteänderungen zeitnah auffallen.
Auch Wettbewerbs- und Ökosystem-Blickwinkel erklären, warum das Thema gerade so dynamisch ist. Große Plattformanbieter wie Google treiben einerseits Gegenmaßnahmen voran, andererseits liefern Ermittlungsbehörden und Telekommunikationspartner bei der Zerschlagung von Infrastrukturen häufig den entscheidenden Hebel. In den genannten Fällen werden Kooperationen mit Institutionen wie dem FBI und Netzbetreibern beschrieben, was zeigt: Selbst bei hochentwickelter KI-gestützter Kampagnenplanung entscheiden oft operative Fakten über Domain-Übernahmen, Infrastrukturabschaltung und Forensik. Für Unternehmen heißt das, dass ein reines „Tooling“ nicht reicht, sondern auch externe Informationskanäle, Meldewege und ein abgestimmtes Incident-Response-Vorgehen nötig sind.
Ein besonders heikler Aspekt ist die Missbrauchskette über Tokens und Session-Zugriffe. Berichte warnen vor einer Plattform, die OAuth-Tokens stiehlt und damit Mehrfaktor-Authentifizierung umgehen kann, sobald ein Angreifer Zugriff auf gültige Token-Assets erhält. Damit verschiebt sich die Verteidigung: Nicht nur Anmeldeversuche zählen, sondern auch Token-Lebensdauer, Token-Berechtigungen und verdächtige Nutzungszeitpunkte. Gerade in der Industrie, wo Rollen wie HR- und Payroll-Teams hochgradig privilegiert sind, kann ein kurzer Token-Abgriff bereits ausreichen, um in nachgelagerten Systemen Schaden anzurichten. Entscheidend ist daher, privilegierte Konten besonders restriktiv zu behandeln und Zugriffe strikt zu überwachen.
Für die Zukunft deutet alles darauf hin, dass sich Angriffe weiter von „Geräte-Schäden“ zu „Identitäts- und Prozessschäden“ entwickeln. Unternehmen sollten ihre Sicherheitsarchitektur entlang der gesamten Wirkungskette prüfen: von der E-Mail-Einstiegsfläche über Authentifizierung und API-Zugriffe bis hin zu Zahlungs- und Freigabeprozessen. Ergänzend spielen Datenschutz und Compliance eine praktische Rolle, weil bei erfolgreichem Zugriff personenbezogene Daten und unternehmensinterne Betriebsinformationen betroffen sein können; eine belastbare Protokollierung hilft daher nicht nur der technischen Detektion, sondern auch der späteren rechtssicheren Aufarbeitung. Wer jetzt auf phishing-resistente Absicherungen, DNS-Strategien, Graph-Visibility und schnelle Reaktionsroutinen setzt, reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass KI-gestütztes Phishing kurzfristig in Ransomware- oder Leak-Druck umschlägt.
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