BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mit Beginn der Drehsaison rücken Unternehmen und Produktionsleitungen gleich mehrere Arbeitsschutzpflichten gleichzeitig in den Fokus: Schulungen, jährliche Sicherheitsprüfungen nach DGUV V3 und eine lückenlose Arbeitszeiterfassung. Hinzu kommen praktische Anpassungen für Hitzeschutz und neue Gesundheitsrisiken durch die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke. Der politische Streit um höhere Höchstarbeitszeiten verschärft dabei die Planungssicherheit. Gleichzeitig zeigen technische Assistenzsysteme, wie sich Sicherheitsprozesse im Set künftig stärker automatisieren lassen.

Arbeitsschutz in der Drehsaison: Schulungen, DGUV V3 und Zeiterfassung unter Druck
Arbeitsschutz in der Drehsaison: Schulungen, DGUV V3 und Zeiterfassung unter Druck (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Drehsaison bringt für Produktionen einen besonderen Spagat mit sich: Arbeitsabläufe laufen oft unter Zeitdruck, Personal wechselt, und die Einsatzorte sind selten wie im Büro planbar. Genau deshalb treffen in dieser Phase mehrere Arbeitsschutz-Themen zeitgleich aufeinander. Arbeitgeber müssen nicht nur Unterweisungen nachweisen, sondern auch technische Mindestanforderungen erfüllen und gleichzeitig rechtlich belastbare Prozesse für Arbeitszeiten etablieren. Damit rückt Arbeitsschutz von einer reinen Compliance-Aufgabe in den Kern der operativen Steuerung, weil Fehler nicht nur Bußgelder auslösen, sondern auch Haftungsfragen bei Unfällen oder Verletzungen verschärfen können.

Im Mittelpunkt stehen zunächst Qualifizierung und Dokumentation. Arbeitssicherheitsschulungen werden zur Pflicht, und zwar nicht als generische Pflichtübung: Je nach Tätigkeitsbild gehören Inhalte wie elektrotechnische Grundlagen am Set, die richtige Verantwortungskette sowie die Konsequenzen bei Verstößen dazu. Für Produktionen, in denen unterschiedliche Gewerke parallel arbeiten, wird zudem die Rolle qualifizierter Sicherheitsbeauftragter betont, die die Einhaltung des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) im Alltag verankern. Die Unterweisungen dienen dabei als rechtssicherer Nachweis gegenüber Behörden und im Streitfall gegenüber Versicherern; entsprechend steigt der Bedarf an klaren, auditierbaren Nachweisen für jede Person und jede relevante Maßnahme.

Parallel dazu führt kaum ein Weg an technischen Prüfungen vorbei. Für elektrische Betriebsmittel gilt im Regelfall die nach DGUV V3 vorgeschriebene Sicherheitsprüfung, mindestens einmal jährlich. Gerade in der Filmproduktion, wo Technik häufig mobil aufgebaut und umgezogen wird, ist das Risiko für beschädigte Kabel, defekte Schutzleiter oder unsachgemäßen Umgang höher als im stationären Betrieb. Branchenexperten beziffern die Kosten typischerweise pro Gerät auf etwa 50 bis 200 Euro, wobei die Gesamtsumme stark vom Gerätepark abhängt. Die Verantwortung liegt klar beim Arbeitgeber: Wer Prüfintervalle nicht einhält oder Prüfnachweise lückenhaft dokumentiert, schafft eine angreifbare Haftungslage.

Während Schulung und Technik häufig als „klassische“ Arbeitsschutzfelder wahrgenommen werden, ist die Zeiterfassung inzwischen ein ebenso zentrales Risiko. Seit Mitte Juni wird verstärkt auf die Pflicht hingewiesen, Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit präzise zu dokumentieren. Grundlage ist unter anderem die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts, die auf eine systematische Zeiterfassung abzielt, um Schutzrechte praktisch durchsetzbar zu machen. Besonders relevant ist das für Branchen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten wie Produktionen mit Wochenend- und Abendarbeit. Für das Set bedeutet das: Abläufe müssen so gestaltet werden, dass die Erfassung nicht nur „am Ende“ nachgetragen wird, sondern während des Arbeitstages robust funktioniert.

Der Markt und die Politik verstärken derzeit die Aufmerksamkeit. In der Debatte um Arbeitszeitgrenzen wird unter anderem diskutiert, ob eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden statt der bisherigen Orientierung an Tageshöchstgrenzen gelten soll. Das Arbeitsministerium plane dabei laut Branchenberichten einen Gesetzentwurf in absehbarer Zeit, während Gewerkschaften vor einer Erosion von Schutzrechten warnen. Diese Diskussion hat unmittelbare Auswirkungen auf die Planbarkeit von Drehtakten, Genehmigungen und Budgets. Experten weisen darauf hin, dass höhere Flexibilität in der Praxis nur dann organisatorisch und rechtlich stabil bleibt, wenn Erfassung, Freigaben und Nachsteuerung sauber implementiert sind.

Ein weiterer Treiber kommt aus dem Klima- und Gesundheitsschutz. Für Mitte Juni werden örtlich deutlich erhöhte Temperaturen erwartet; in der Praxis geht es dann weniger um abstrakte „Hitzewarnungen“ als um konkrete Maßnahmen im Tagesgeschäft. Experten empfehlen, die Arbeitsorganisation früh am Tag zu verdichten, Lüftungsmöglichkeiten konsequent zu nutzen und ausreichend Getränke bereitzustellen. Auch die europäische Ebene diskutiert die Folgen der Klimakrise: In einem Bericht einer Expertenkommission wurde bereits die Forderung nach einer gesundheitlichen Notlage durch die WHO thematisiert, unter anderem mit Blick auf extreme Hitze und deren Beitrag zu Krankheitslasten. Für Produktionsleitungen bedeutet das: Hitzeschutzpläne müssen in Risikoanalysen und Schichtplanung einfließen und nicht erst als improvisierte Reaktion am Set erfolgen.

Hinzu kommt ein gesundheitliches Risiko, das bislang vielen in der Branche weniger präsent war: die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke in Europa. Behörden stufen das insbesondere bei Arbeiten im Freien relevant ein, weil Mücken über Krankheiten wie Dengue- oder Zika-Viren übertragen können. Für Sets entsteht damit ein zusätzlicher Pflichtenkreis, der Prävention stärker operationalisiert: geeignete Repellents, konsequente Schutzmaßnahmen und die Einbindung lokaler Empfehlungen in die Einsatzplanung. Der Effekt ist doppelt: Erstens sinkt das Risiko für Betroffene; zweitens reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass Dreharbeiten wegen Gesundheitsvorfällen kurzfristig gestoppt oder nachverhandelt werden müssen.

Technologische Vorsorge gewinnt in diesem Umfeld an Gewicht, weil Sicherheit nicht nur „dokumentiert“, sondern auch „erkennt“ werden kann. Auf der Straße werden bereits KI-basierte Kollisionswarnsysteme erprobt, bei denen Kameras und Vibrationen Arbeiter vor herannahenden Fahrzeugen warnen. Für Unternehmen ist das ein Hinweis darauf, wie sich Safety-Prozesse zukünftig in Richtung Assistenz- und Automationslogik verschieben: Statt nur Handlungsanweisungen zu geben, können Sensorik und Auswertung unmittelbare Reaktionszeiten verkürzen. Als Orientierung konkurrieren solche Ansätze in der Wahrnehmungs- und Sensoriklandschaft auch mit etablierten playern aus dem Umfeld autonomer Assistenzsysteme, etwa durch technologischen Wettbewerb bei Erkennungsqualität und Latenz.

Für die Unternehmenspraxis bleibt dennoch die rechtliche Absicherung mindestens genauso wichtig. Beim Thema Betriebsrenten etwa sichert der Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) im Insolvenzfall ab, was gerade für größere Produktionen mit komplexen Vergütungsmodellen relevant sein kann. Ebenso sollten Arbeitgeber steuerliche Risiken bei „Workation“ oder Geschäftsreisen im Ausland prüfen, denn unklare Statusfragen oder abweichende Regeln können zu unerwarteten Verpflichtungen führen. Fachleute raten, diese Themen früh in die Planung zu ziehen, weil Nachsteuerungen oft teuer und zeitkritisch werden. In Summe gilt: Drehsaison-Sicherheit ist ein System aus Ausbildung, Technik, Zeiterfassung, Prävention und Rechtsmanagement – und gerade in diesem Zusammenspiel entscheidet sich, wie gut Unternehmen Risiken wirklich steuern.


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