LONDON (IT BOLTWISE) – Die aktuellen Hinweise zu PhaaS-Kits zeigen, wie Angreifer selbst robuste MFA-Prozesse praktisch aushebeln können: Statt Passwörter zu stehlen, kapern sie Authentifizierungs-Token. Besonders kritisch ist das Muster, bei dem Nutzer einen Code auf einer vermeintlich echten Microsoft-Seite eingeben. Parallel dazu schließt Microsoft eine Copilot-Schwachstelle (SearchLeak, CVE-2026-42824), die potenziell sensible Daten über eine komplexe Angriffskette hätte zugänglich machen können.

Die Warnungen rund um Microsoft 365 wirken auf den ersten Blick wie ein bekanntes Muster aus dem Phishing-Ökosystem. Doch die Details verschieben die Risikowahrnehmung deutlich: Aktuell werden sogenannte Phishing-as-a-Service-Kits (PhaaS) beobachtet, die den Zwei-Faktor-Schutz nicht einfach „überlisten“, sondern ihn in der Logik der Authentifizierung umgehen können. Für Unternehmen und Behörden ist das deshalb besonders brisant, weil die Angriffe nicht auf einzelne, hochspezialisierte Täterteams beschränkt bleiben, sondern als modular buchbare Infrastruktur in Kampagnen einfließen. Damit steigt die Eintrittswahrscheinlichkeit selbst dort, wo Security-Teams bereits Standardmaßnahmen aktiv haben.
Im Zentrum stehen zwei Kits, die Ermittler und Security-Teams wiederholt in Kampagnenkontexten sehen: „Kali365“ und „EvilTokens“. Der Mechanismus ist dabei weniger die klassische Passwortausleitung als die Token-Kaperung. Sobald Angreifer einen Token-gestützten Authentifizierungszustand übernehmen, erhalten sie dauerhaften Zugriff auf zentrale Dienste wie Outlook, Teams und OneDrive. Dieses Vorgehen ist technisch anspruchsvoll, aber operationalisiert: Nutzer werden typischerweise in eine Interaktionskette geführt, die so gestaltet ist, dass Sicherheitskontrollen den Vorgang als „gültig“ einstufen. Genau das macht Tokendiebstahl im Vergleich zu reiner Credential-Entwendung zu einem härteren Problem.
Wie die Täter das ausnutzen, lässt sich anhand des beschriebenen Ablaufes nachvollziehen. Opfer erhalten eine Phishing-Mail, die häufig als Rechnung eines Lieferanten oder als geschäftliches Dokument getarnt ist. Der Weg führt dann über Anhang oder Link auf eine Landingpage, die optisch täuschend wirkt. Dort erscheint ein Verifizierungscode, gekoppelt an die Aufforderung, diesen Code auf einer offiziellen Microsoft-Geräte-Autorisierungsseite einzugeben. Entscheidend ist die Täuschungslogik: Der Nutzer vollzieht die Aktion auf einer Seite, die als legitim erscheint, wodurch gängige Filter und sogar Teile der MFA-Abfrage in der Praxis weniger wirksam werden.
Security-Analysten ergänzen diese Kette um zwei weitere Realitätsfaktoren. Erstens setzen die Landingpages zunehmend versteckte Unicode-Zeichen ein, um automatisierte Scanner und statische Erkennungsmechanismen auszutricksen. Das führt dazu, dass ein großer Teil der Angriffe im ersten Durchlauf durch Standardprotokolle nicht erkannt wird, bevor die Authentifizierungsschritte abgeschlossen sind. Zweitens zeigen die Beobachtungen, dass das Timing und das Nutzerverhalten entscheidend sind: Wer den Code nicht verlässlich nur für selbst angestoßene Authentifizierungen verwendet, macht den Umweg überhaupt erst möglich. Für Security-Teams wird damit die Prozess- und User-Awareness-Komponente wieder zum technischen Kontrollpunkt.
Neben diesen laufenden PhaaS-Kampagnen adressiert Microsoft außerdem eine zweite Dimension des Threat Models: die Schwachstelle in Microsoft 365 Copilot Enterprise. Die Meldung zu „SearchLeak“ (CVE-2026-42824) wird als von Varonis Threat Labs entdeckt beschrieben und Microsoft hat den Fehler inzwischen geschlossen. Die zentrale Aussage für Entscheider lautet: Selbst KI-Assistenten können im falschen Kontext zum Einfallstor werden, wenn sich Eingaben oder Ausgabepfade manipulieren lassen. Laut Beschreibung kombinierte die Angriffskette Parameter-zu-Prompt-Injection mit einer Race-Condition in der HTML-Darstellung sowie einem Server-Side-Request-Forgery-Angriff über Bing, sodass potenziell auch MFA-Codes in den Zugriffskreis hätten geraten können.
Für die Praxis ist die Kombination beider Themen—PhaaS-basiertes Token-Belasting und ein KI-gestützter Datenzugriffsfehler—ein deutliches Signal gegen isolierte Sicherheitszuständigkeiten. Während Tokendiebstahl vor allem Authentifizierungs- und Identity-Schutz verlangt, zeigt SearchLeak, dass Data-Governance und sichere Modell- bzw. Assistenz-Integrationen ebenso zählen. Experten werden in diesem Zusammenhang häufig betonen, dass „Layering“ nicht nur bedeutet, MFA einzuschalten, sondern auch Conditional Access so zu konfigurieren, dass problematische Auth-Workflows gar nicht erst genutzt werden können. Genau deshalb werden Empfehlungen wie das Blockieren des Device-Code-Flow ohne zwingenden Bedarf genannt: Wo der Angriffsweg nicht existiert, kann er auch nicht ausgenutzt werden.
Konkrete Schutzmaßnahmen lassen sich aus den Hinweisen ableiten. Zentral ist die Anpassung von Conditional-Access-Richtlinien, sodass der Device-Code-Flow für alle Nutzerrollen blockiert wird, die ihn nicht benötigen. Zusätzlich sollten Security-Teams Anmelde- und Geräte-Logs enger überwachen: Auffällig sind wiederkehrende „Beaconing“-Muster, die sich im kurzen Intervall manifestieren können, etwa im Vier-Sekunden-Takt. Parallel empfiehlt sich, MFA modern zu aktualisieren und – soweit möglich – auf phishing-resistente Verfahren umzustellen, weil sie die entscheidende Schwachstelle reduzieren: die erfolgreiche Autorisierung trotz manipulierter Nutzerinteraktion.
Der wichtigste pragmatische Satz betrifft jeden einzelnen Nutzer: Codes niemals eingeben, die man nicht selbst angefordert hat. Diese Regel wirkt trivial, adressiert aber exakt die Social-Engineering-Komponente der PhaaS-Kette. Für Organisationen kommt hinzu, Vorfälle konsequent zu melden, etwa über das IC3 des FBI, damit Indikatoren und Taktiken schneller in Schutzmaßnahmen zurückfließen. Blick nach vorn heißt: Die nächste Welle wird vermutlich stärker automatisiert und stärker multimodal sein—mit KI-Assistenz, die einerseits produktiv unterstützt, andererseits aber auch für Angreifer neue Angriffspunkte schafft. Wer Identity-, Logging- und Copilot-Härtung gemeinsam betrachtet, verschiebt die Wahrscheinlichkeit weiter in Richtung „schwer auszunützen“.
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