TEL AVIV / LONDON (IT BOLTWISE) – NewCore, ein israelisch geprägtes Startup, meldet nach Abschluss der Entwicklungsphase eine Gesamtfinanzierung von 66 Millionen US-Dollar. Die Plattform soll Identitäten nicht nur für Menschen, sondern auch für autonome KI-Agenten in Unternehmensumgebungen absichern. Damit adressiert das Unternehmen ein wachsendes Risiko: Agenten greifen häufig auf Mitarbeiterzugänge oder unüberwachte Schlüssel zu. Technisch setzt NewCore auf eine Secure-Split-Key-Architektur sowie VisualMFA, um Session-, Token- und Replay-Angriffe zu reduzieren.

Autonome KI-Agenten werden in Unternehmen zunehmend zu „virtuellen Mitarbeitern“, die Aufgaben anstoßen, Systeme bedienen und dabei mit echten Berechtigungen arbeiten. Genau an dieser Nahtstelle entsteht ein Sicherheitsproblem: Wenn Agenten auf persönliche Benutzerzugänge zugreifen oder unüberwachte statische Schlüssel nutzen, wird aus einem Produktivitätsgewinn schnell ein Haftungs- und Angriffsrisiko. Das israelische Startup NewCore positioniert sich deshalb im Schnittfeld von Identity & Access Management (IAM) und KI-Sicherheit und meldet nach Ende der Entwicklungsphase eine Gesamtfinanzierung von 66 Millionen US-Dollar. Zu den Investoren zählen u. a. Cyberstarts, Index Ventures und Evolution Equity Partners.
Für den Markt ist die Kombination aus „Agenten“ und „Identitäten“ besonders relevant, weil klassische IAM-Modelle historisch für Menschen und klassische Service-Accounts optimiert wurden. NewCore zielt dagegen auf eine integrierte Plattform, die Identitäten fortlaufend in Unternehmensnetzwerken erfasst und verwaltet – inklusive der Aufdeckung verwaister Zugangsdaten und nicht regulierter Agenteninstanzen. Damit rückt die Governance von KI-Workloads in den Vordergrund: Welche Agenten existieren wirklich, welche Tokens sind im Umlauf, und lassen sich ihre Zugriffsgrenzen nachweisen? In der Praxis entscheidet das über Auditierbarkeit, Incident Response und die Wirksamkeit von Least-Privilege-Strategien.
Technisch beschreibt NewCore eine Secure-Split-Key-Architektur, die zentrale Schwachstellen in etablierten Authentifizierungsinfrastrukturen wie SAML und OIDC reduzieren soll. Der Ansatz ist dabei weniger „noch ein Produkt für Token“ als vielmehr eine strukturelle Umverteilung des Schlüsselrisikos: Wenn kein einzelner Schlüssel als zentraler Angriffspunkt dient, sinkt die Tragweite einzelner Kompromittierungen. Davon verspricht das Unternehmen Schutz gegen typische Angriffsmuster wie Adversary-in-the-Middle bei Sitzungsdiebstahl, Golden-SAML-Ausnutzung sowie Token-Replay-Verfahren. Für Unternehmen bedeutet das: Sicherheitsprüfungen und Monitoring können sich stärker auf überprüfbare, verteilte Vertrauensanker stützen statt auf „Single Point of Failure“ im Authentifizierungsfluss.
Ergänzend integriert NewCore ein visuelles Verfahren namens VisualMFA, das hardwaregebundene Sicherheitskomponenten wie das Trusted Platform Module (TPM) nutzt. Die praktische Idee dahinter: Authentifizierung soll sich gegen Manipulationen absichern lassen, indem bestimmte Kryptoprozesse an vertrauenswürdige Hardware-Elemente gekoppelt werden. Interessant ist auch die Migrationslogik: Laut NewCore soll der Wechsel bestehender Verzeichnisse und Richtlinien in die neue Infrastruktur automatisiert innerhalb weniger Stunden möglich sein – ohne Betriebsunterbrechung. Genau diese „Time-to-Value“ wird für Enterprise-Käufe oft zum KPI, weil Sicherheitsprojekte sonst an Rollout-Risiken, Komplexität und Abhängigkeiten in der Legacy-Umgebung scheitern.
Im Wettbewerbsumfeld wird deutlich, warum dieses Timing strategisch ist. Einerseits zeigen Anbieter wie Microsoft mit Entra ID oder Okta, wie stark IAM-Bausteine standardisiert sind; andererseits werden genau diese Standards bei Missbrauch (Replay, Session-Hijacking, fehlerhafte Claims) zum Hebel. NewCore greift hier nicht nur „Best Practices“ auf, sondern versucht, die Architektur so zu verändern, dass gängige Angriffslinien weniger wirksam bleiben. Als direkter historischer Vergleich ist relevant, dass Gründungsdetails aus dem Umfeld von Dome9 bekannt sind, das zuvor von Check Point übernommen wurde. Diese Entwicklung zeigt: Cloud- und Identitätsschutz ist seit Jahren ein Feld harter Konsolidierung – neue Player müssen daher entweder schneller integrieren oder neue Sicherheitsannahmen liefern.
Auch die Investitionssignale passen zu einem breiteren Markttrend: Laut Branchenberichten gewinnt KI-Sicherheit an Priorität, weil Agenten die Angriffsfläche vergrößern und die Komplexität von Berechtigungen erhöhen. Die Beteiligung eines bekannten Security-Players aus dem Investment-Umfeld (u. a. Wiz-Geschäftsführung Assaf Rappaport) unterstreicht, dass Identity nicht mehr isoliert betrachtet wird, sondern als Sicherheitskontrollpunkt im gesamten Cyber-Programm. In einem kürzlich zitierten Statement betont Mitbegründer und Geschäftsführer Zohar Alon sinngemäß, dass Identität zwar kaputt sei, aber zur Kontrollebene moderner Unternehmen geworden ist: NewCore wolle Risikokategorien eliminieren, mit denen Branche und Kunden „zu lange“ leben müssten – und zwar über Menschen, Maschinen und Agenten hinweg.
Für die Regulierung und den Datenschutz wird das Thema noch konkreter, sobald Agenten mit personenbezogenen Daten, Kundendaten oder Metadaten arbeiten. IAM-Lösungen müssen in der Praxis helfen, Zugriffsrechte nachzuweisen, Rollen konsistent zu verwalten und Aufbewahrungs- sowie Protokollierungsanforderungen einzuhalten. Wenn Agenten als eigenständige Identitäten behandelt werden, steigt zwar der Nutzen für Governance, gleichzeitig wächst aber die Notwendigkeit, Datenflüsse nachvollziehbar zu machen: Welche Logs werden erzeugt, wie werden Daten minimiert, und wie wird verhindert, dass ein kompromittierter Token „seitlich“ in andere Systeme wandert? Neue Architekturentscheidungen wie Secure Split Keys und verteilte Vertrauensanker können hier helfen, aber sie müssen mit klaren Auditier- und Datenschutzmechanismen einhergehen.
Mit Blick auf die nächsten Schritte deutet NewCore bereits an, wie sich der Einsatz in der Praxis ausweiten könnte: Die Integration von gängigen Programmier- und KI-Assistenten wie Claude Code, Codex und Cursor in ein Identitätsmodell zielt darauf, Agenten als „First-Class-Subjekte“ in IAM sichtbar zu machen. Das ist für Entwickler besonders relevant, weil es die Brücke zwischen Tooling (IDE-/Coding-Assistants), Ausführung (Agenten-Workflows) und Security Controls (MFA, Policies, Token-Handling) schließt. Wenn dieser Ansatz skaliert, könnten Unternehmen künftig KI-Deployments stärker wie reguläre Anwendungen behandeln: mit Lifecycle-Management, kontinuierlichen Sicherheitsprüfungen und klaren Grenzen, bevor ein Agent überhaupt produktiv läuft. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil wird dann weniger die reine Erkennung sein, sondern die nachweisbare Widerstandsfähigkeit gegen realistische Angriffswege.
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