FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Kommunen in Deutschland wollen 2026 spürbar mehr in ihre Infrastruktur investieren: Laut KfW-Kommunalpanel sind rund 50 Milliarden Euro für Sachinvestitionen geplant. Gleichzeitig steigt der wahrgenommene Investitionsrückstand auf einen neuen Rekordwert von 231,2 Milliarden Euro. Besonders Schulgebäude, Straßen sowie Brand- und Katastrophenschutz stehen im Fokus, während Unterhaltsdefizite zunehmend sichtbar werden. Die Studie macht zudem deutlich, dass Genehmigungs-, Vergabe- und Personalknappheit die Umsetzung bremsen.

Die kommunale Investitionsagenda in Deutschland gewinnt zwar rechnerisch an Fahrt, die Realisierung bleibt jedoch im Stau. Wie das KfW-Kommunalpanel berichtet, erwarten die Städte und Gemeinden für 2026 Investitionen in ihre Infrastruktur von rund 50 Milliarden Euro – das entspricht einem Plus von 14,8 Prozent gegenüber dem Planwert des Vorjahres. Inhaltlich kristallisieren sich Schulen als größter Posten heraus, gefolgt von Straßen und Verkehrsinfrastruktur sowie dem Brand- und Katastrophenschutz. Für die kommunale Praxis ist die Botschaft damit zweigeteilt: Es gibt mehr Budgetabsicht, aber die Lücke zwischen Plan und Umsetzung ist historisch betrachtet hartnäckig.
Technisch betrachtet betrifft dieser Investitionsschub vor allem „Asset-Ersatz und -Erweiterung“ im Bestand, also Maßnahmen an Gebäuden, Verkehrswegen und Sicherheitsinfrastruktur, die über Jahrzehnte wirken müssen. Aus Sicht der Bau- und Betreiberlandschaft bedeutet das: Kommunen müssen nicht nur Projekte genehmigen und ausschreiben, sondern auch Kapazitäten für Bauüberwachung, Sicherheitskonzepte und nachhaltige Sanierungsfahrpläne bereitstellen. Das Panel verweist explizit auf nicht-finanzielle Investitionshindernisse wie aufwendige Genehmigungs- und Vergabeverfahren, umfangreiche baurechtliche Anforderungen sowie Personalmangel in den Bauverwaltungen. Diese Kombination führt dazu, dass Vorhaben verzögert werden oder in Extremfällen ganz aus dem Zeitplan rutschen.
Markt- und Umsetzungsrelevanz zeigt sich zudem daran, wie stark der wahrgenommene Investitionsrückstand inzwischen gewachsen ist: Er liegt laut Panel bei 231,2 Milliarden Euro, 15,5 Milliarden Euro oder 7,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2018 summiert sich der nominale Rückstand um 67 Prozent, real wächst er um sieben Prozent. Besonders auffällig bleibt der Rückstand in der Schulinfrastruktur mit 68,9 Milliarden Euro sowie bei den Straßen mit 53,7 Milliarden Euro, wobei dort zuletzt nur geringe Zuwächse sichtbar waren. Anders verhält es sich bei Sportstätten, Katastrophenschutz und Verwaltungsgebäuden, wo deutliche Zuwächse gemeldet werden – ein Signal dafür, dass der Modernisierungsdruck innerhalb des kommunalen Portfolios weiter wandert.
Entscheidend für den Status quo ist die Frage, wie Kommunen den laufenden Unterhalt ihrer Infrastruktur sichern können. Besorgniserregend ist, dass ein relevanter Anteil der Kommunen angibt, den Unterhalt nicht oder nur in geringem Umfang gewährleisten zu können; im Straßen- und Verkehrsbereich betrifft das 30 Prozent der Kommunen. Praktisch führt das zu schleichenden Qualitätsverlusten, etwa durch nicht beseitigte Schlaglöcher oder Aufwölbungen, die wiederum die Folgekosten erhöhen und die Lebensdauer von Bauwerken verkürzen. Besonders in Ostdeutschland berichten 47 Prozent von ähnlichen Unterhaltsproblemen. In der Fachdebatte wird diese Dynamik regelmäßig mit steigenden Energie-, Bau- und Logistikkosten sowie mit Engpässen bei Planern und Bauämtern verknüpft; auch Einschätzungen des Ifo-Instituts zu infrastrukturellen Kapazitäten und Investitionshemmnissen deuten in diese Richtung.
Ein weiterer Teil des Panels zeigt, wie stark kommunale Investitionen in Beteiligungsstrukturen eingebettet sind. Rund zwei Drittel der Kommunen berichten über Beteiligungen in der Wasser- oder Energieversorgung; etwas mehr als die Hälfte betrifft den Wohnsektor, zudem gibt es Anteile bei Sport- und Bäderbetrieben, beim ÖPNV sowie bei Abfallbetrieben. Die Tragfähigkeit dieser öffentlichen Unternehmen unterscheidet sich deutlich: 97 Prozent der Energieunternehmen tragen sich selbst, bei den Wasserversorgern führen 27 Prozent noch Geld an die Kommune ab, während bei Kulturbeteiligungen Verluste häufig ausgeglichen werden müssen. Für die Verwaltungspraxis heißt das: Investitionsentscheidungen hängen nicht nur am kommunalen Haushalt, sondern ebenso an Liquiditäts- und Gewinn-/Verlustströmen in kommunal kontrollierten Gesellschaften.
Für die Zukunft deutet das Panel auf eine Fortsetzung des Drucks hin, gleichzeitig aber auf mögliche Stabilisierung durch Reformen. Aktuell gehen rund 23 Prozent der Kommunen davon aus, dass der wahrgenommene Investitionsrückstand künftig geringer wird; 42 Prozent rechnen mit einem weiteren Aufwuchs, 36 Prozent erwarten keine Veränderung. Die KfW ordnet das in ein klares Bild ein: „Die kommunale Finanzlage hat sich weiter spürbar verschlechtert, die Stimmung in den Kämmerien ist gedrückt“, sagte Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW. Zwar könne ein Sondervermögen stabilisieren, aber „es wird aber nicht ausreichen, um die Haushaltslage wieder zu drehen“. Als Ansatz nennt er strukturelle Reformen und eine Anpassung der Verteilung der Steuereinnahmen zwischen Bund, Ländern und Kommunen. In der Konsequenz entsteht für Unternehmen und Entwickler eine klare Arbeits- und Technologieagenda: Kommunen werden verstärkt Lösungen brauchen, die Genehmigungs- und Vergabeprozesse beschleunigen, Baukapazitäten besser planen und Datenqualität über den gesamten Lebenszyklus von Infrastruktur sichern – etwa durch KI-gestützte Projektsteuerung, bessere Ausschreibungsdatenmodelle und Sicherheits- sowie Compliance-Workflows, die Datenschutz und Dokumentationspflichten von Beginn an mitdenken.
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