GÖTTINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ESA-Rover Rosalind Franklin soll ab 2030 nach Lebensspuren suchen – erstmals mit einer Onboard-Analyse, die Bodenproben direkt vor Ort auswertet. Im Vorfeld hat ein Team das Kernmessverfahren von MOMA anhand von Marsmeteoriten erfolgreich verprobt. Im Fokus steht dabei die Chiralität organischer Moleküle: Nur bestimmte räumliche Muster könnten auf biologischen Ursprung hindeuten. Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, wie stark Erdatmosphäre und Erdöl-Aerosole Messsignale überlagern können.

Der ESA-Rover Rosalind Franklin rückt mit dem ExoMars-Programm in eine neue Phase der Habitabilitäts- und Biosignaturforschung: Ab 2030 soll er Bodenproben direkt vor Ort auf Hinweise für vergangenes Leben untersuchen. Die Herausforderung dabei ist nicht nur die Detektion organischer Moleküle, sondern vor allem die saubere Unterscheidung zwischen Molekülen, die aus biologischen Prozessen stammen, und solchen, die rein geochemisch entstehen. Genau an dieser Stelle setzt das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung mit dem Messinstrument MOMA an. Im Labor-„Rollout“ mit Mars-Material zeigt sich nun, wie robust das Vorgehen gegen echte Randbedingungen sein kann.
Technisch ist MOMA als integratives Analyse-Setup ausgelegt: Es koppelt eine Vorbehandlung von Proben mit dem Zusammenspiel aus Gaschromatograph und Massenspektrometer, flankiert durch thermische Schritte in kleinen Öfen sowie optischer Anregung. Die Idee dahinter ist klassisch für die analytische Chemie, aber extrem anspruchsvoll für die Raumfahrt: Zunächst werden Proben erhitzt, damit flüchtige Bestandteile entstehen und der eigentliche Trennmechanismus im Gasstrom greifen kann. Anschließend laufen Gemische durch beschichtete Röhren, wobei chirale Varianten unterschiedlich schnell reagieren und dadurch zeitlich getrennt werden. Diese zeitliche Auflösung bildet die Grundlage dafür, dass spätere Massenspektren überhaupt interpretierbar werden.
Für die Auswahl der Zielmoleküle liefert die Forschung einen klaren chemischen Hebel. Das Team setzt auf Pristan (C19H40) und Phytan (C20H42), zwei Kohlenwasserstoffe, die als Bestandteile lebender Organismen bekannt und vor allem chemisch stabil sind. Ihre Stabilität ist entscheidend, weil Exobiologie auf Stoffe angewiesen ist, die Milliarden Jahre überstehen können, ohne sich vollständig zu zersetzen. Noch wichtiger ist jedoch die Chiralität: Organische Moleküle existieren in spiegelbildlichen Konfigurationen, den Enantiomeren. In irdischer Biologie treten fast ausschließlich sehr spezifische Vorzugsrichtungen auf; nicht-biologische Prozesse würden dagegen tendenziell beide Seiten gleichmäßiger verteilen. Genau diese Signatur will der Rover messen, ohne sich auf die reine „Existenz“ organischer Substanzen verlassen zu müssen.
Der Vergleich mit anderen Missionen hilft, warum diese Strategie markt- und programmrelevant ist. Während der US-Rover Perseverance von NASA zwar ebenfalls organische Chemie adressiert, setzt sein Missionsdesign andersartige Schritte in der Probennachbereitung und in der Kettenlogik aus Analyse und späterer Rückführung. Wie Branchenexperten betonen, ist eine Onboard-Auswertung zwar begrenzt in der Tiefe, kann aber den wissenschaftlichen Output erhöhen, weil Messungen unmittelbar die Auswahl weiterer Bohrpunkte steuern. Das ExoMars-Design verfolgt deshalb einen „Suchmannschaft“-Ansatz: bevor Proben eine spätere Aufbereitung in größerem Labor benötigen, sollen mindestens zentrale Biosignaturparameter direkt vor Ort abgesichert werden. Genau dafür ist die Trenn- und Messqualität von MOMA ein kritischer Bestandteil.
Bevor der Rover das Marsregolith tatsächlich in situ aufarbeitet, haben die Forschenden das Verfahren nun an einem Stück „Mars-Ersatz“ getestet: einem Fragment des Meteoriten Murchison, der 1969 über Australien niederging. In solchen Meteoriten stecken oft zahlreiche organische Verbindungen, darunter sowohl Bestandteile der ursprünglichen kosmischen Zusammensetzung als auch Moleküle, die durch biologische Einflüsse an der Fundstelle mit eingebracht wurden. Überraschend war nicht, dass organische Stoffe vorkommen, sondern die Verteilung der chiralen Varianten von Pristan und Phytan: Der Meteorit zeigte alle Konfigurationen in etwa gleichen Anteilen. Für Exobiologie ist das zunächst ernüchternd, liefert aber zugleich eine wertvolle Kalibrierungsinformation darüber, wie „planetarische“ Signale durch irdische Prozesse verfälscht werden können.
Die Studie interpretiert diese Verteilung als Folge einer Kontamination, die Murchison bereits beim Flug durch die Erdatmosphäre aufgenommen haben könnte. Der Mechanismus: Während des Sturzfluges interagiert der Meteor mit Aerosolen aus Verbrennungsprozessen fossiler Brennstoffe, wodurch die Pristan- und Phytan-Verteilung chemisch neutralisiert wird. Vergleichsmessungen an Materialien wie Ölschiefern und sedimentären Gesteinen, die als Vorstufen von Erdöl gelten, stützen die Plausibilität dieser Erklärung. Koautor Manuel Reinhardt ordnet das so ein, dass unter geologischen Bedingungen das chirale Ungleichgewicht verloren gehen kann. Damit verschiebt sich die technische Frage von „Kann MOMA Chiralität messen?“ zu „Wie erkennt man, wenn Chiralität durch Umweltchemie nivelliert wurde?“
Aus industrienaher Perspektive ist diese Erkenntnis besonders relevant, weil sie Anforderungen an Messinterpretation, Datenqualität und Validierungsstrategie vorwegnimmt. Ein Instrument kann zwar sehr präzise messen, aber die Aussagekraft hängt am Ende davon ab, ob die Probenchemie die biologische Signatur noch trägt. In der Praxis müssen Missionsdaten daher mit Modellen der möglichen Kontaminationspfade kombiniert werden: terrestrische Aerosole, Ablagerungen an Landestellen, sowie instrumentelle Blank-Proben und Feld-Controls im Rahmen der Laborvorbereitung. Für Entwickler und Testteams bedeutet das, dass die Pipeline von Probenvorbereitung über Chromatographie bis zur spektralen Auswertung nicht nur als „Messkette“, sondern als Interpretationskette gedacht werden muss. Genau hier kann das Labor-Testing den Unterschied zwischen einem plausiblen Befund und einer Fehlinterpretation machen.
Regulatorisch und im Sinne von Compliance spielt außerdem der Umgang mit Proben eine Rolle, auch wenn bei der Marsmission selbst keine klassischen „regulatorischen“ Vorgaben im Laborbetrieb greifen wie in der Medizin. Für Planetary Protection und Sicherheitskriterien sind jedoch Kontaminationsquellen und Rückverfolgbarkeit zentral, weil sie das Risiko erhöhen, wissenschaftliche Aussagen zu verzerren. Interessant ist auch, dass die Rückführung von Proben zeitweise nicht mehr auf der Agenda der NASA stand, wie aus Berichten im Umfeld der Missionsplanung hervorgeht. Das unterstreicht den Trend, mehr Entscheidungsfähigkeit in die Mission zu verlagern. Je weniger man später „zurück im Labor“ nacharbeiten kann, desto wichtiger wird ein Onboard-Analysesystem, das Biosignaturen nicht nur detektiert, sondern ihre Verfälschungsanfälligkeit versteht.
Mit Blick nach vorn sind die aktuellen Messungen daher nicht nur ein Proof-of-Concept, sondern ein Baustein für die Missionsstrategie ab 2030. Das Team sieht die Ergebnisse als erfolgreichen Probelauf der MOMA-Aktivitäten auf dem Mars, gleichzeitig aber als Startpunkt für neue Forschungsfragen zum Ursprung organischer Moleküle in Meteoriten und zur zunehmenden Präsenz erdöltypischer Verunreinigungen in unserer Atmosphäre. Für die nächste Entwicklungsstufe ist besonders spannend, wie die Interpretation für reale Marsproben aussehen wird, die nicht dem gleichen irdischen Aerosolpfad unterlagen. Wenn MOMA Pristan und Phytan unter marsrelevanten Bedingungen erneut in einer biologieähnlichen chiralen Verteilung zeigt, wird das Instrument einen entscheidenden Datenwert liefern. Andernfalls hilft das Ergebnis, bereits im Feld zwischen „chemisch tot“ und „chemisch überlagert“ zu unterscheiden.
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