ROME / LONDON (IT BOLTWISE) – Hacker wollen bei Revolut über das italienische PEC-Mailsystem an vertrauliche Kundendaten gekommen sein. In ihren Angaben nennen sie rund 680 gezielt ausgewählte Konten („crypto whales“) und behaupten, sie hätten sich dabei als Strafverfolgungsbehörden ausgegeben. Revolut bestreitet einen Eindringversuch in eigene Systeme und verweist auf die missbräuchliche Nutzung eines offiziellen Kommunikationskanals. Unklar bleibt, ob weitere Organisationen oder Behörden-Mailboxen in ähnlicher Weise kompromittiert wurden.

Revolut-Vorwurf: Hacker sollen italienisches PEC-Mailsystem zur Datenerlangung missbraucht haben
Revolut-Vorwurf: Hacker sollen italienisches PEC-Mailsystem zur Datenerlangung missbraucht haben (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Streit um ein mutmaßliches Datenleck bei Revolut bekommt eine neue, technisch greifbare Dimension: Die Vorwürfe beziehen sich nicht nur auf angebliche Schwachstellen in Bank- oder Kundensystemen, sondern auf den Missbrauch eines offiziellen staatlich geregelten Kommunikationskanals. In den vorliegenden Angaben behaupten die Absender, sie hätten das italienische PEC-System (Posta Elettronica Certificata) kompromittiert und über Monate Nachrichten mit dem Online-Banking ausgetauscht. Dabei soll die Kommunikation so inszeniert worden sein, dass Revolut sie als Anfragen der Strafverfolgung akzeptierte und auf die gewünschten Kontodetails einging.

Im Kern geht es um die Frage, wie eine Bank im Tagesgeschäft mit als „amtlich“ wirkenden Informationsersuchen umgeht – und was passiert, wenn die Anfrageform zwar formal korrekt aussieht, der Inhalt jedoch durch eine Täuschung zustande kommt. Die Schilderung der Angreifer beschreibt eine Vorgehensweise, bei der sie über Telegram Kontakt aufnahmen, sich zunächst als italienische Strafverfolgungsbehörde ausgaben und dann wiederholt konkrete Informationen zu bestimmten Kundinnen und Kunden verlangten. Als Belege nennen sie auch Screenshots, darunter offenbar E-Mail-Austauschsequenzen, in denen Revolut demnach Kontodaten an eine Stelle des italienischen Innenministeriums über den PEC-Zugang übermittelt habe.

Die Dimension der offenbar angefragten Daten wird in den Angaben konkret: Die Angreifer wollen 680 Zielkonten ausgewählt haben, nicht zufällig. Als Auswahlmethode wird „Onchain“-Analyse genannt, also die Auswertung von Blockchain-Transaktionsdaten, um Revolut-Konten mit relevanten Kryptowährungsbeständen zu identifizieren. Außerdem machen die Schilderungen eine geografische Streuung plausibel: Die meisten betroffenen Personen sollen aus der Schweiz und Frankreich stammen, darüber hinaus nennt die Gruppe weitere vor allem europäische Länder. Dazu gehören auch das Vereinigte Königreich, Deutschland und Spanien; insgesamt ist von Daten zu Bewohnern in 31 weiteren Ländern die Rede.

Revolut positioniert sich in der Gegenrichtung und versucht, den Angriffsschwerpunkt klar zu begrenzen: Das Unternehmen erklärt, die eigenen Systeme und Datenbanken seien weiterhin „fully secure“ gewesen und es habe keinen direkten Systemeinbruch in die Bankumgebung gegeben. Stattdessen habe es sich demnach um den betrügerischen Missbrauch eines offiziell regulierten Rechtsschreib- bzw. Kommunikationskanals gehandelt, um sich als legitime Autoritätsanfragen auszugeben. Genau an dieser Stelle wird die operative Herausforderung für Unternehmen sichtbar: Selbst wenn kein Systemkompromiss stattfindet, kann ein Prozessbruch entstehen, wenn ein Unternehmen vertrauliche Auskünfte anhand von Kommunikationsartefakten herausgibt, die formal wie Behördenkontakte wirken.

Dass die Frage juristisch und technisch hochsensibel ist, spiegelt sich auch in der vorgesehenen Sicherheits- und Ermittlungsreaktion wider. Laut den Angaben soll das zuständige PEC-Umfeld zwar von einer staatlichen Stelle beaufsichtigt werden, jedoch zum konkreten Vorfall keine offizielle Stellungnahme vorliegen; gleichzeitig wird berichtet, dass Untersuchungen im Gange seien. Ein weiterer Punkt bleibt dabei offen: In den vorliegenden Schilderungen wird zwar das typische Muster von Ransomware-Abpressung erwähnt, zugleich heißt es jedoch, Revolut sei nach derzeitigem Stand weder direkt kontaktiert noch eine Lösegeldforderung erhalten worden. Damit wirkt das Ganze bislang wie ein Fall von Auskunfts- und Prozessmissbrauch, nicht wie eine klassisch monetarisierte Veröffentlichung gestohlener Daten.

Politisch und regulatorisch sorgt vor allem die angebliche Nutzung einer Behörden-PEC für Druck. Giulia Pastorella, eine Abgeordnete aus Italiens Oppositionspartei Azione, verlangt umgehende Aufklärung und kündigt an, das Thema im Parlament adressieren zu wollen. In ihren Worten geht es dabei um den möglichen „Spitzen-Eisberg“-Charakter: Wie viele weitere Nachrichten aus einer solchen Regierungs-PEC abgeschickt wurden und ob andere Firmen Opfer derselben Masche wurden, bleibt nach ihrer Einschätzung die entscheidende offene Frage. Für IT- und Informationssicherheitsverantwortliche ist dabei weniger die politische Bewertung als die technische Folgerung relevant: Wenn die Täuschung über einen hoch vertraulichen Kommunikationsstandard gelingt, müssen Verifikationsketten und Plausibilitätsprüfungen über reine Kanal-Authentizität hinausgehen.

Für die Branche ergibt sich daraus ein deutliches Lernsignal, besonders mit Blick auf KI-gestützte Automatisierung im Backoffice: Je stärker Unternehmen Anfragen automatisiert oder halbautomatisiert bearbeiten, desto wichtiger werden robuste „Out-of-Band“-Bestätigungen, etwa über zuvor verifizierte Kontaktwege, eindeutige Referenznummern oder zusätzliche Signatur- und Identitätsprüfungen, die nicht nur auf dem Absenderkanal beruhen. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie eng Compliance-Workflows, Incident-Response und Betrugsprävention zusammenlaufen: Ein Datentransfer kann ohne klassische Kompromittierung stattfinden, wenn Social-Engineering-Prozesse an die Stelle technischer Sicherheitsmaßnahmen treten. Die nächsten Ermittlungs- und Verifikationsschritte werden daher maßgeblich klären, welche Teile der Kommunikation tatsächlich aus dem PEC-Umfeld stammten und ob es zusätzliche Stellen gibt, die ähnlich getäuscht wurden.


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