BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das stillgelegte Berliner ICC soll nach Jahren der Debatte zu einem international einzigartigen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft entwickelt werden. Die Pläne werden am 24. Juni auf Basis eines abgeschlossenen Konzeptverfahrens vorgestellt. Im Raum steht eine Umsetzung im Zusammenspiel mehrerer Akteure, während gleichzeitig der erhebliche Sanierungsbedarf und das denkmalrechtliche Umfeld die Umsetzung prägen. Parallel zeigt der Vergleich mit dem Centre Pompidou, wie stark ein Standortwechsel Kultur-Ökosysteme und Besucherströme verändern kann.

ICC soll zum Kultur- und Kreativstandort werden: Betreiberentscheidung steht an
ICC soll zum Kultur- und Kreativstandort werden: Betreiberentscheidung steht an (Foto: IT BOLTWISE)
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Das ehemalige Internationale Congress Centrum (ICC) am Berliner Messegelände ist längst mehr als nur ein Gebäude: Es ist eine städtebauliche Gedächtnisfläche und zugleich ein wirtschaftlicher Prüfstein für die City West. Nach der Stilllegung 2014, als Schadstoffe entdeckt wurden, blieb der 313 Meter lange „Panzerkreuzer“ über Jahre ein Symbol für Stillstand. Nun verdichtet sich die Debatte zu einem konkreten Nutzungspfad: Am 24. Juni sollen die Ergebnisse eines abgeschlossenen Konzeptverfahrens vorgestellt werden, das bereits im November 2024 gestartet worden war. Die Zielrichtung ist klar formuliert: ein internationaler Anziehungspunkt für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft.

Technisch und organisatorisch ist das ICC jedoch kein typischer Umbau. Wer einen solchen Komplex reaktivieren will, muss mehrere Ebenen parallel denken: Brandschutz, Schadstoffsanierung, Gebäudetechnik, Energieeffizienz und eine Nutzungslogik, die mit der bestehenden Geometrie der Säle und Geschosse zusammenspielt. 1979 eröffnet, prägte das Haus Jahrzehnte lang den Berliner Messe- und Kongressstandort. Mit rund 213.021 Quadratmetern Bruttogeschossfläche und 80 Sälen bei zuletzt 14.500 Sitzplätzen ist die Dimension vergleichbar mit einem kleinen Stadtquartier. Genau deshalb gilt die Aufgabe als Beispiel dafür, wie Infrastrukturprojekte in Deutschland heute zu „klimaneutral nutzbaren Standorten“ umgeplant werden müssen.

Der Kontext ist nicht nur baulich, sondern auch marktwirtschaftlich. Berlin steht mit seinen Kulturflächen im Wettbewerb um Besucher, Talente und Fördermittel, während andere Zentren in Europa bereits bewiesen haben, wie sich Kongress- und Industrieflächen in Kulturstandorte transformieren lassen. In den politischen Debatten fällt dabei immer wieder der Verweis auf das Centre Pompidou in Paris, das seit den 1970er-Jahren als Magnet für Publikum und Kreativschaffende wirkt. Wirtschaftssenator Stephan Schwarz formulierte dazu 2022, dass das ICC ebenfalls „ein regelrechter Magnet werden kann“, auch wenn er gleichzeitig den langen Weg betonte. Diese Art der Standortlogik ist im Kern das Gleiche, was auch Unternehmen bei Repositionierungen beachten: Markenwirkung entsteht durch konsequente Programmierung, nicht durch die reine Verfügbarkeit von Flächen.

Gleichzeitig zeigt die Vergabe- und Beteiligungsstruktur, wie ernst der Senat die Umsetzungsfähigkeit nimmt. Die Wirtschaftsverwaltung kündigt an, das Konzeptverfahren mit einer ausgewählten Bieter-Gruppe fortzuführen; andere Bewerber hätten die Anforderungen im Teilnahmewettbewerb nicht ausreichend erfüllt. Das deutet auf eine Art Qualitäts- und Umsetzungsprüfung hin, wie sie im Enterprise-Umfeld bei komplexen Transformationsprogrammen üblich ist: Konzepte müssen nicht nur kreativ sein, sondern auch Betrieb, Finanzierung und Risikosteuerung plausibel darstellen. Hinzu kommt, dass das ICC dem Denkmalschutz untersteht, seitdem ein Schritt zurück in Richtung gesellschaftlicher Wertstabilität – und gleichzeitig eine zusätzliche Hürde für schnelle technische Änderungen.

Ein weiterer Markt-Faktor ist die Frage nach dem Betreiber und dem entstehenden Ökosystem. Berichten zufolge sollen künftig die Betreiber des Leipziger Kunst- und Kreativkomplexes Spinnerei das ICC betreiben, koordiniert über die MIB AG mit Sitz in Berlin und Leipzig. Solche Betreiberprofile sind in Deutschland besonders relevant, weil sie zwischen kulturellem Anspruch und betrieblicher Skalierung vermitteln müssen. Für die Planung heißt das: Wegeführung, Veranstaltungsplanung, Auslastungssteuerung, Sicherheitskonzept und Team-Organisation müssen so ausgelegt werden, dass der Betrieb auch bei wechselnden Programmen stabil bleibt. Gerade im Kulturbereich entscheidet die Fähigkeit, wiederkehrende Formate aufzubauen, über die langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit.

Historisch lässt sich zudem ein Muster erkennen, warum der Weg so zäh war. Bereits 2018 sprach der Berliner Senat davon, das ICC wiederzubeleben, doch nach der Stilllegung war zunächst unklar, welche Art Nutzung passen könnte. Ende 2018 wurden Einschränkungen formuliert, die bestimmte Nutzungen ausdrücklich ausschließen, wodurch der Spielraum für eine rein kommerzielle Umwidmung begrenzt wurde. Gleichzeitig verdeutlicht die Kostenlage die Skalierung des Sanierungsproblems: Eine Schätzung aus dem Jahr 2012 nannte 330 Millionen Euro. Wenn solche Budgets „überlebt“ wirken, liegt das nicht an fehlendem Interesse, sondern am Realitätscheck: Denkmalschutz und Schadstoffe machen aus einem Umbau eine mehrjährige, riskante Projektentwicklung mit sehr genauer Bau- und Behördensteuerung.

Regulatorisch und datenschutzbezogen zeigt das Projekt außerdem, wie sehr sich Kultur- und Betreibermodelle professionalisiert haben. In einem Haus dieser Größenordnung geht es heute nicht nur um Besucherströme, sondern auch um moderne Sicherheitsprozesse, Ticketing, Zutrittssteuerung und häufig um digitale Dienste für Veranstaltungen. Damit rücken Konzepte rund um Datensparsamkeit und Zugriffskontrolle in den Fokus, insbesondere wenn Ticketplattformen oder Partnerunternehmen Systeme anbinden. Auch der Umgang mit Bestandsdaten aus dem laufenden Betrieb, die Anforderungen an Informationssicherheit und die Nachweispflichten gegenüber Behörden müssen früh in die Architektur der Betriebsprozesse integriert werden. Genau diese „unsichtbare“ Ebene entscheidet in der Praxis, ob ein Standort digital und sicher betrieben werden kann.

Für die Zukunft hängt der Erfolg an mehreren, eng miteinander verknüpften Schritten. Erstens braucht es eine schlüssige Programmstrategie, die das ICC in eine kontinuierliche Kultur- und Kreativproduktion überführt, ähnlich wie das Centre Pompidou über Jahrzehnte hinweg ein wiederkehrendes Publikum aufgebaut hat. Zweitens muss der Betreiber die betriebliche Umsetzung liefern: von Bauphasen-Planung über Interimslösungen bis zum finalen Rollout. Drittens wird das Timing entscheidend, denn der Senat will die offizielle Vergabeempfehlung am Mittwoch vorstellen. Die bereits erfolgten Öffnungen für Kulturveranstaltungen und Aktionen wie beim „48 Stunden“-Format oder späteren Projekten zeigen, dass die Nachfrage existiert. Die eigentliche Entwicklung wird nun darin liegen, aus der Begeisterung ein belastbares Betriebskonzept zu machen, das Investitionen, Denkmalschutz und Sicherheitsanforderungen langfristig zusammenführt.


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