BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – IBB Ventures will mit dem B#-Fonds die Pre-Seed-Lücke im Deeptech-Bereich schneller schließen und berichtet seit Start im Oktober 2025 über eine stark nachgefragte Pipeline. Im Interview ordnet Katrin Robeck den Berliner Deal-Markt ein und betont, dass der Standort eher gezielt nachschärfen als „aufpassen“ müsse. Gleichzeitig macht sie auf ein anhaltend strukturelles Problem aufmerksam: Die Finanzierungslücke für Gründerinnen bleibt laut EU-Blick auch Anfang 2026 massiv. Der Artikel verbindet damit Standortdynamik, Investment-Execution und konkrete Outreach-Ansätze für diversere Teams.

Berlin bleibt für viele Technologiegründer der sichtbarste Deal-Hub in Deutschland, gerade im Pre-Seed- und frühen Venture-Segment. Genau hier setzt IBB Ventures mit dem B#-Fonds an, der seit Oktober 2025 die Finanzierungslücke im Deeptech-Bereich pragmatisch überbrücken soll. Im Interview mit Katrin Robeck wird deutlich, warum Tempo im frühen Stadium so entscheidend ist: In hardware-, labornahen oder kapitalintensiven Innovationszyklen können Monate bis zur Zusage über Machbarkeit, Hiring und Proof-of-Concept-Planung entscheiden. Robeck ordnet den Berliner Markt dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Synergiearena ein, in der andere Städte mitziehen dürfen.
Technisch betrachtet geht es bei Deeptech-Fonds nicht nur um ein „Produktversprechen“, sondern um die Frage, wie belastbar die zugrunde liegende Technologie in kurzen Entscheidungsfenstern verifiziert wird. Der B#-Fonds adressiert diese Realität, indem er Pre-Seed-Teams einen schnelleren Zugang zu Wachstumskapital ermöglicht, insbesondere wenn Modelle zeitintensive Validierungs- und Skalierungsschritte erfordern. Das betrifft häufig KI-gestützte Forschung mit hohen Rechen- und Datensensitivitäten, Life-Science-Projekte mit regulatorischem Vorlauf oder Climatetech, bei dem Pilotanlagen und Messkampagnen Kapital binden. Im Kern steht damit eine Investment-Execution, die wissenschaftliche Arbeit und frühe Produktisierung zusammenbringt.
Aus Markt-Sicht liefert Robeck eine differenzierte Standortanalyse. Zwar berichten Marktteilnehmer regelmäßig, dass andere Metropolen wie München bei großen Ticketgrößen im Deeptech stärker auftreten, aber Berlin bleibt laut ihr dynamisch: Die Dichte an Talenten, die Kapitalverfügbarkeit und die internationale Sichtbarkeit schaffen einen wiederkehrenden Dealflow. Wichtig ist dabei die Logik des Ökosystems: Wenn mehrere Standorte parallel investieren, entstehen Synergieeffekte, statt dass sich Chancen schlicht gegenseitig wegnehmen. Als Vergleich lässt sich auch das Muster anderer europäischer Frühphasen-Akteure heranziehen, etwa Initiativen wie High-Tech Gründerfonds oder spezialisierte Seed-Programme, die ähnliche Lücken in der frühen Phase adressieren.
Besonders relevant ist das Thema Diversität, weil es sowohl die Qualität der Gründerteams als auch die Verteilung von Chancen beeinflusst. Robeck verweist auf eine gravierende strukturelle Schieflage: Frauen stellen rund 50% der Bevölkerung, doch Start-ups mit mindestens einer Frau im Gründerteam erhalten je nach Datenquelle nur etwa 7% der Venture-Capital-Finanzierungen. Als EU-Berichte Anfang 2026 erneut eine anhaltende Finanzierungslücke zeigen, wird klar, dass es sich nicht um einen kurzfristigen Marktzyklus handelt, sondern um ein Zusammenspiel aus Sichtbarkeit, Netzwerkzugang und Entscheidungsstrukturen. Robeck bringt die Lösung deshalb nicht nur auf die Investitionsseite, sondern beginnt „früh“ bei der Pipeline.
Operational setzt IBB Ventures nach Aussage der Managing Director vor allem auf Kooperationen mit Hochschulen, Startup-Inkubatoren und gezielte Outreach-Formate, um Gründerinnen und diverse Teams aus Berliner Universitäten systematischer in den Dealflow zu integrieren. Ein konkreter Engpass sei oft die Sichtbarkeit von Investorinnen und damit der „Pull-Effekt“ von Role Models, der das Risiko reduziert, sich selbst als Entrepreneurin überhaupt im Venture-Kontext zu positionieren. Intern achtet Robeck zudem auf gemischte Deal-Teams und Entscheidungsstrukturen, weil Bias nicht allein durch gute Absichten verschwindet, sondern durch Prozessdesign. Das ist auch eine Lernkurve aus früheren Diversitätsprogrammen in der Branche: Ohne messbare Pipeline-Mechanik bleibt der Effekt begrenzt.
Ein weiterer Wettbewerbsvorteil für den B#-Fonds liegt in der Entscheidungslogik. Robeck beschreibt eine hohe Qualität im Dealflow, insbesondere aus universitär getriebenen Ausgründungen in KI, Life Sciences und Climatetech. In der Praxis bedeutet das: Pre-Seed-Investments müssen sehr früh erkennen, ob Teams technologisch und organisatorisch in der Lage sind, innerhalb weniger Entwicklungsiterationen Erkenntnisse in Produkt- oder Marktvalidierung zu übersetzen. Der Anspruch, schnelle und pragmatische Entscheidungen zu treffen, werde laut vielen Gründern als „entscheidender Faktor“ wahrgenommen, weil er Klarheit schafft, statt nur Finanzierung zu liefern. Genau diese Kombination aus Tempo und Beurteilungstiefe wird oft mit anderen Seed-Akteuren verglichen, die zwar Kapital bereitstellen, aber längere interne Abstimmungszyklen haben.
Historisch lässt sich die Finanzierungslücke im Deeptech als wiederkehrendes Muster beschreiben: Technologie entsteht oft zuerst in Laboren, Universitäten oder Forschungsinstituten, während Venture-Modelle tendenziell mehrheitlich auf iterativ skalierende Softwaremuster ausgelegt sind. Hardware- und wissensintensive Vorhaben benötigen jedoch andere Bewertungsannahmen, längere Entwicklungsradien und höhere Anfangskosten. In den letzten Jahren entstanden deshalb zunehmend spezialisierte Fonds, die frühe Stage-Risiken abfedern und gleichzeitig die Brücke zur späteren Series-A-Logik bauen. Der B#-Fonds fügt sich in diese Entwicklung ein, aber mit einem klaren Fokus auf Pre-Seed-Speed und ein stärker prozessgetriebenes Verständnis von Diversität.
Für die zukünftige Entwicklung lohnt sich die Frage, wie sich diese Ansätze in eine breitere Plattform-Strategie übertragen lassen. Wenn Pre-Seed-Investments schneller werden und Gründerteams früh mehr Klarheit erhalten, entsteht ein messbarer Effekt auf Time-to-Experiment und Hiring-Entscheidungen. Gleichzeitig könnte die systematische Pipeline für Gründerinnen und diverse Teams dazu beitragen, die Venture-Landschaft in Deutschland nachhaltiger zu gestalten, weil sich Talente nicht nur nach Standort, sondern auch nach Sichtbarkeit verteilen. Für Entwickelnde und Startups bedeutet das konkret: Ein stärkerer Fokus auf Investment-Prozess und Matching-Mechaniken kann die Hürde senken, frühe Proofs seriös aufzusetzen und die Erwartungen an Daten, Infrastruktur und Sicherheitsanforderungen von Anfang an mitzudenken.
Auch regulatorische und sicherheitsbezogene Aspekte spielen in Deeptech zunehmend mit hinein, selbst im Pre-Seed-Kontext. Bei KI-gestützten Anwendungen etwa steigen Anforderungen an Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und den verantwortungsvollen Umgang mit Trainings- und Sensordaten. In Life Sciences sind Fragen der Dokumentation und Compliance häufig eng mit dem Zeitplan für Validierung und Zulassung verknüpft. Climatetech wiederum hängt oft an Messreihen und Methoden, die methodische Robustheit benötigen. Ein Fonds, der schnelle Entscheidungen trifft, muss diese Aspekte in schlanken Prüfschritten berücksichtigen, damit Tempo nicht zu Qualitätsverlust führt, sondern im Gegenteil das Risiko früh adressiert.
Am Ende skizziert Robeck eine Haltung, die für den Standort Berlin pragmatisch ist: Berlin muss nicht „aufpassen“, sondern kann gezielt nachschärfen und Synergien aktiv nutzen. Das heißt nicht, dass andere Städte vernachlässigt werden dürfen, sondern dass sich Investments besser koordinieren lassen, statt sich gegenseitig als Verlustmaschine zu sehen. Das B#-Programm liefert dafür einen prozessualen Hebel, während die Diversitätsagenda die Talentbasis langfristig verbreitern will. Wenn diese Dynamik gelingt, könnte sich der Wettbewerb zwischen Tech-Regionen in Deutschland weniger über Schlagzeilen und mehr über messbare Pipeline-Kennzahlen entscheiden.
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