LONDON (IT BOLTWISE) – Diebstähle im deutschen Einzelhandel steigen 2025 auf 4,3 Milliarden Euro. Laut EHI ist vor allem organisierter und gewerbsmäßiger Diebstahl das zentrale Risiko, während auch „normaler“ Kundendiebstahl als besorgniserregend gilt. Unternehmen investieren zwar massiv in Technik, Schulungen und Detektive, doch Datenschutz und Verwertbarkeit von Beweismitteln bleiben zugleich der Engpass. Für 2026 erwartet Branchenkenner kein starkes weiteres Plus – wenn Prävention und Strafverfolgung nachziehen.

Die Zahlen wirken wie ein Warnsignal für den gesamten stationären Handel: Für 2025 beziffert das EHI den Wert entwendeter Waren auf mehr als 4,3 Milliarden Euro – ein Plus von 3,1 Prozent zum Vorjahr und bereits der vierte Anstieg in Folge. Besonders deutlich wird, dass der Verlust nicht nur aus „Gelegenheit“ entsteht, sondern strukturell getrieben ist: Ein EHI-Experte verweist auf den Kampf gegen organisierten und gewerbsmäßigen Diebstahl. Gleichzeitig nimmt er auch den sogenannten Kundendiebstahl ernster, weil Übergriffe auf Beschäftigte zunehmen. In einem Umfeld, in dem sich Margen durch Energie- und Personalkosten ohnehin verengen, wird Prävention schnell zum Kosten- und Qualitätsprojekt.
Technisch betrachtet ist Diebstahl im Laden ein Problem, das sich nur selten mit einer einzelnen Maßnahme lösen lässt. Das EHI ordnet die Schäden entlang der Verursachergruppen auf: rund 3,05 Milliarden Euro entfallen auf Kundendiebstahl, ein Drittel davon auf organisierte Tätergruppen; eigene Beschäftigte verursachen 910 Millionen Euro, Lieferanten- und Servicepersonal weitere 370 Millionen. Dieser Mix ist entscheidend, weil er unterschiedliche Kontrolllogiken erfordert. Videoüberwachung und Detektive liefern nur dann Wirkung, wenn sie in Prozesse eingebettet sind: Bestandskontrollen, Mustererkennung in Kameradaten, klare Eskalationswege und — besonders wichtig — rechtssichere Dokumentation. Der technologische Trend geht daher hin zu „Loss Prevention“-Stacks, in denen Überwachung, Inventurdifferenzen und Incident-Workflows zusammenlaufen.
Vergleicht man das mit internationalen Standards, wird die Richtung klar: Während einige Player auf streng überwachte, sensorbasierte Warenflüsse setzen (man denke an cashierless Konzepte wie sie etwa bei großen Plattformen im Kontext von „Amazon Go“ propagiert wurden), bleibt der deutsche Handel überwiegend klassisch — nur eben zunehmend datengetrieben. Selbstbedienungskassen werden zwar als Risiko diskutiert, sind laut EHI aber nicht der Haupttreiber; ein großer Teil der unbezahlt gebliebenen Artikel geht eher auf Bedienfehler zurück. Als Wettbewerbsdruck entsteht daraus zweierlei: Erstens müssen Systeme benutzungsfreundlicher werden, damit Fehlbedienungen sinken. Zweitens wächst die Notwendigkeit, Unregelmäßigkeiten schneller zu erkennen, bevor sie sich zu systematischen Mustern verdichten. Hier liefern KI-gestützte Auswertungen aus Kameradaten, aber auch Warenbewegungsanalysen in Shops neue Hebel — allerdings nur, wenn Datenschutzanforderungen sauber umgesetzt werden.
Der Markt- und Ursachenmix zeigt sich auch in der historischen Entwicklung. Zwischen 2020 und 2025 steigen die Schäden um knapp 29 Prozent, beim Kundendiebstahl sogar um gut 41 Prozent. Ein Teil der Verschlechterung wird auf Inflation und steigende Lebenshaltungskosten zurückgeführt: Verbraucherpreise legten in diesem Zeitraum um mehr als 20 Prozent zu, Lebensmittelpreise um etwa 35 Prozent. Parallel wirkt Personalmangel als Verstärker, weil weniger Personal die Sichtbarkeit und Reaktionsgeschwindigkeit reduziert. In Brancheninterviews wird zudem schwindender Respekt vor fremdem Eigentum sowie Defizite bei der Strafverfolgung genannt. Der Handelsverband Deutschland berichtet über Professionalisierung: „Hier werden regelrechte Bestelllisten von Auftraggebern aus der Unterwelt abgearbeitet“, so Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Das ist weniger ein „Shop-Problem“ als ein Sicherheits- und Justizthema.
Die Diskrepanz zwischen Anzeigezahlen und realem Geschehen erhöht den Handlungsdruck für Unternehmen zusätzlich. Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt zwar einen Rückgang der angezeigten Ladendiebstähle durch Kunden während der Geschäftszeit 2025 um 5,4 Prozent auf 383.096 Fälle, doch Experten bewerten die Aussagekraft als begrenzt. Laut EHI-Vertretern würden über 98 Prozent der Fälle nicht erkannt und nicht angezeigt; rechnerisch bleiben 2025 etwa 24,8 Millionen Ladendiebstähle im Wert von jeweils 123 Euro unentdeckt. Für viele Betriebe bedeutet das: Anzeigen kosten Zeit, liefern nicht immer verwertbare Ergebnisse und werden daher häufig fallen gelassen. Aus Tech-Sicht folgt daraus eine harte Anforderung an Präventionssysteme: Sie müssen Belege so erzeugen, dass sie für Ermittlungen taugen, ohne dabei die Privatsphäre von Mitarbeitenden und Kundinnen sowie Kunden unnötig zu verletzen.
Genau hier setzt der Ansatz vieler Händler an, zumindest laut den EHI-Zahlen: 2025 investierte die Branche 1,7 Milliarden Euro in Präventionsmaßnahmen wie Schulungen, Videoüberwachung und Ladendetektive. Weitere 1,6 Milliarden flossen in interne Aktivitäten, etwa das Auswerten von Kameramaterial und Bestandskontrollen. Insgesamt ergeben sich 3,3 Milliarden Euro Kosten, nach 2,6 Milliarden Euro vor fünf Jahren. Das Muster passt zu einer „Operating-Model“-Sicht: Technik allein spart keine Verluste, wenn sie nicht in Prozesse, KPI-Reporting und Trainings übersetzt wird. Ein Edeka-Unternehmer berichtet zudem, dass mehr Kameras und Sicherheitspersonal die Verluste in einem Markt um mehrere Zehntausend Euro pro Jahr senkten — die Maßnahmen kosteten mehr, wurden aber dennoch als richtig bewertet. Die Botschaft: In der Praxis entscheidet die Umsetzbarkeit vor Ort, nicht das Feature-Listing.
Für die Zukunft bleibt die Frage, wie sich diese Investitionen so skalieren lassen, dass sie wirksam und rechtskonform bleiben. Branchenvertreter fordern eine konsequentere und spürbare Strafverfolgung, weil viele Unternehmen tagtäglich das Vertrauen in Polizei und Justiz verlieren. Gleichzeitig muss die Mindeststrafe bei bandenmäßig organisiertem Diebstahl angehoben werden, um Abschreckung zu erhöhen. Auf der anderen Seite wird der Datenschutz zum Dauerthema: Video- und Detektionssysteme benötigen klare Zweckbindung, Zugriffskontrollen und sichere Aufbewahrungsfristen, sonst wird der technische Vorteil schnell zum Compliance-Risiko. Wenn Unternehmen künftig stärker auf KI-gestützte Auswertung setzen, wird die Qualität der Daten (Kameraabdeckung, Ereigniskennzeichnung, Auditierbarkeit) zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. 2026 erwartet ein EHI-Experte zwar kein erneutes starkes Wachstum, aber nur, wenn politische und gesellschaftliche Faktoren stabil bleiben und Präventionsmaßnahmen weiter dämpfen.
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