DUISBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – In NRW häufen sich Eilanträge an Sozialgerichten: Die Zahl ist von 9.500 im Jahr 2024 auf 10.800 im Jahr 2025 gestiegen. Branchenbeobachter sehen darin auch eine Folge verstärkter KI-Nutzung durch Rechtsuchende, die sich bei Formulierungen und Anträgen an Empfehlungen sprachbasierter Modelle orientieren. Gerichtspräsidenten sprechen zugleich von einem Engpass bei anwaltlicher Hilfe, der den Zugang zusätzlich erschwert. Das Ergebnis ist ein Dilemma: Künstliche Intelligenz kann den Einstieg ins Recht erleichtern, erhöht aber bei falscher Anwendung den Bearbeitungsaufwand für alle Beteiligten.

Wer in existenziellen Notlagen schnell Hilfe braucht, landet oft im Eilverfahren. Genau dort zeigt sich in Nordrhein-Westfalen derzeit ein spürbarer Druck auf die Justiz: Wie aus den Zahlen und Stellungnahmen hervorgeht, befassten sich die Gerichte im Jahr 2024 mit 9.500 Eingängen, 2025 waren es bereits 10.800. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den Eilanträgen, deren Anzahl innerhalb eines Jahres beinahe verdreifacht sein soll. In Medienanfragen wird die Ursache weniger in plötzlicher Gesetzesänderung als vielmehr im Zusammenspiel aus Rechtszugang, Fachkräftemangel und KI-gestützter Antragserstellung verortet.
Technisch betrachtet geht es bei vielen dieser Fälle nicht um eine „automatisierte Entscheidung“ der KI, sondern um Vorarbeit am Antrag. Sprachmodelle wie ChatGPT, Gemini oder vergleichbare Assistenten werden genutzt, um Texte zu strukturieren, Sachverhalte zu formulieren oder Begründungen zu verdichten. Das kann helfen, weil Menschen ohne juristisches Vokabular sonst schwer herausarbeiten, welche Tatsachen das Gericht überhaupt prüfen soll. Das Problem entsteht dort, wo KI Empfehlungen so ausgibt, als wären sie immer verfahrensrelevant. Gerade im Eilverfahren gelten jedoch enge Voraussetzungen; wenn sie in der KI-Argumentation verwässert werden, entstehen häufig Nachfragen, Umstellungen oder zusätzliche Prüfungsschritte.
Ein Gerichtspräsident aus dem Ruhrgebiet beschreibt den Engpass deshalb gleich doppelt. Andreas Ostheimer, Präsident des Duisburger Sozialgerichts, nennt einen Fachanwaltsmangel: Für viele Betroffene sei anwaltliche Unterstützung schwer erreichbar, und viele könnten sie finanziell nicht dauerhaft leisten. Gleichzeitig ergänzt er, dass KI den Zugang zum Recht erleichtern könne. Diese Koexistenz zweier Effekte ist für die Praxis entscheidend: Ohne KI würden Anträge eher gar nicht oder deutlich unvollständiger eingehen. Mit KI steigen die Erfolgs-Chancen für den Erstentwurf, aber wenn Rechtsuchende zu stark auf KI-„Leitplanken“ vertrauen, treffen formale und inhaltliche Anforderungen des Eilverfahrens häufiger nicht den Kern. Der Aufwand verschiebt sich damit von „Antrag stellen“ zu „Antrag korrekt einordnen“.
Dass es sich nicht nur um eine Einzelsituation handelt, zeigt der Blick auf weitere Standorte in NRW. In Dortmund wird berichtet, es sei zu beobachten, dass sich Antragsteller offenbar vielfach nach Empfehlungen sogenannter Künstlicher Intelligenz richten. Der Dortmunder Präsident, Bernd Gregarek, betont dabei einen juristischen Dreh- und Angelpunkt: Die KI berücksichtige nicht, dass Eilverfahren gesetzlich für außergewöhnliche prozessuale Situationen konzipiert wurden und nur unter engen Voraussetzungen Erfolg haben können. Übersetzt in die technische Sprache bedeutet das: Ein Modell optimiert oft auf „plausibel klingende“ Texte, nicht auf rechtliche Konzeptionen und Prüfmaßstäbe. Das Resultat sind Verfahren, in denen das Gericht stärker nachsteuern muss, bevor es überhaupt sachlich entscheiden kann.
Auch am Landessozialgericht in Essen wird ein Anstieg genannt: Die Eingänge sollen um mehr als sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein. Für ganz NRW, also an allen acht Sozialgerichten, wird ein Wachstum von beinahe 13 Prozent beschrieben. Auffällig ist die Argumentationsrichtung im Jahresbericht: Die vermehrte Nutzung von KI bei Rechtsuchenden wird als Treiber vermutet. In der Praxis liegt hier ein Vergleich nahe zu anderen „Legal-Tech“-Wellen, etwa als digitale Mandantenportale und Formularassistenten früherer Generationen aufkamen. Damals wie heute war der Engpass oft identisch: Software kann Textarbeit beschleunigen, aber sie ersetzt keine juristische Einordnung. Entscheidend ist, wie stark der Prozess nach der Eingabestufe automatisiert oder zumindest assistiert wird.
Für Verwaltungs- und Arbeitsgerichte wird dem WDR auf Anfrage ebenfalls eine ähnliche Entwicklung geschildert. Damit rückt eine übergreifende Marktfrage in den Fokus: Sprachmodelle werden im Alltag immer günstiger zugänglich und lassen sich ohne tiefere IT-Kompetenz einsetzen. Diese Demokratisierung trifft jedoch auf stark spezialisierte Verfahren. Ein Vergleich zu Microsoft Copilot, spezialisierten Kanzlei-Tools oder textbasierten Workflow-Assistants zeigt: Je breiter der Einsatz, desto wahrscheinlicher ist die „Fehlanwendung“ in fachlich engen Kontexten. Aus Expertensicht verschiebt sich dadurch das Risikoprofil—nicht, weil KI zwingend schlechtere Ergebnisse liefert, sondern weil sie in standardisierten Eingaben stärker „optimiert“ als in der rechtlichen Bewertung. Unternehmen und Behörden müssen diesen Effekt als Betriebs- und Prozessfaktor mitdenken.
Regulatorisch und datenschutztechnisch entsteht zusätzlich eine weitere Ebene. Selbst wenn KI-gestützte Formulierungen „nur“ Entwürfe erzeugen, können Betroffene personenbezogene Informationen verarbeiten oder in Tool-Eingaben aufnehmen. Für Gerichte bedeutet das indirekt: Es wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Unterlagen mit KI-Hilfen entstanden sind und daher inhaltliche oder formale Inkonsistenzen aufweisen. Für Rechtsuchende ist gleichzeitig relevant, wie Anbieter von KI-Modellen mit Daten umgehen—insbesondere wenn Eingaben an externe Dienste übermittelt werden. In Deutschland greifen hier neben allgemeinen Datenschutzanforderungen auch Prinzipien zur Transparenz und Zweckbindung. Gerichte wiederum müssen sicherstellen, dass Verfahrensfairness nicht durch technische Produktionswege beeinträchtigt wird.
Blick nach vorn: Die beschriebenen Trends deuten darauf hin, dass Künstliche Intelligenz den Zugang zum Recht weiter verändert, aber die organisatorische Last der Justiz kurzfristig eher steigen könnte. Für die Zukunft sind deshalb zwei Entwicklungen plausibel. Erstens dürften Gerichte stärker definieren, welche Informationen in Eilanträgen zwingend erforderlich sind und wie die Begründung strukturiert sein muss—um den Anteil nachgelagerter Korrekturen zu senken. Zweitens werden Anbieter und Beratungsstellen KI-Workflows zunehmend rechtlich „einhegen“, etwa durch Vorlagen, Prüfregeln und Hinweise zu den engen Voraussetzungen. Für Entwickler in der Praxis heißt das: KI-Entwicklung muss nicht nur Textqualität optimieren, sondern auch fachliche Validierung und Sicherheitsleitplanken integrieren.
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