WARSCHAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft die Ovulationsphase mit höheren Originalitätswerten bei divergentem Denken. Statt stärkerer gefühlsmäßiger Erregung zeigen Labor-Sensoren vor allem mehr physische Aktivierungsspitzen. Entscheidend ist dabei: Eine gezielte Entspannungsintervention senkt die physiologische Aktivität und reduziert die Kreativitätsleistung wieder. Damit rückt ein proximer Mechanismus in den Fokus, der Kreativität über den Körper beeinflussen könnte.

Studie zu Kreativität in der Ovulation: Physiologische Aktivierung als Treiber
Studie zu Kreativität in der Ovulation: Physiologische Aktivierung als Treiber (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Menschen über Kreativität sprechen, landet die Debatte oft bei Persönlichkeit, Talent oder „Mindset“. Die neue Forschung zu Künstlicher Intelligenz… nein: zur menschlichen Kreativität legt stattdessen nahe, dass biologische Zustände kurzfristig messbare Effekte auf das Denken haben können. In der Studie, veröffentlicht in The Journal of Creative Behavior, zeigen Frauen in der ovulatorischen Phase höhere Originalitätswerte bei einer Aufgabe zum divergentem Denken. Spannend ist weniger, dass es „kreativitätsfördernde Tage“ gibt, sondern warum dieser Effekt auftritt: Messbar ist eine physiologische Aktivierung, nicht zwingend ein subjektives Erleben von mehr Erregung.

Technisch arbeitet die Untersuchung mit einem Ansatz, der sich klar von reinem Fragebogen-Design absetzt. Die Forscherinnen und Forscher messen die elektrodermale Aktivität über Sensoren an den Fingern der nicht-dominanten Hand. Diese Methode verfolgt Veränderungen der Hautleitfähigkeit, die mit der Aktivität des sympathischen Nervensystems zusammenhängen. Während der Versuchsteilnahme wurden die Frauen in mehreren Laborsitzungen entlang ihres individuellen Zyklus getestet, verifiziert über Tests zu luteinisierendem Hormon und Speichelanalysen. So konnten die Teams frühe Follikelphase, zwei ovulatorische Zeitpunkte sowie die späte Lutealphase gezielt abbilden.

Für die Kreativitätsmessung nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein klassisches Kreativitätsparadigma: In fünf Minuten sollten die Teilnehmenden für ein alltägliches Objekt möglichst viele ungewöhnliche Nutzungs- oder Verwendungsideen aufschreiben – zum Beispiel für einen Ziegel, ein Handtuch, einen Schuh oder eine Flasche. Anschließend bewerteten unabhängige Gutachterinnen und Gutachter die Antworten verblindet, also ohne Kenntnis der Zyklusphase. Drei Dimensionen standen im Zentrum: Fluency (Anzahl gültiger Ideen), Flexibility (Vielfalt der gedanklichen Kategorien) und Originality (Einzigartigkeit und Seltenheit der Ideen). Der wichtige Befund: Originalität steigt in der Ovulationsphase, während Fluency und Flexibility zyklusunabhängig bleiben.

Damit wird ein möglicher Markt- und Forschungswettbewerb innerhalb der Psychologie greifbar: Viele frühere Arbeiten diskutieren kreative Leistung eher über subjektive Zustände oder über evolutionäre Erklärungen. Ein alternativer „Erklärungsstrang“ setzt auf soziale Signale – also darauf, dass Kreativität als Partner- oder Attraktivitätsmerkmal funktionieren könnte. Die Studie bleibt jedoch bei proximer Mechanistik und testet die Idee, dass physiologische Erregung als Nebenprodukt den kreativen Zugang zu neuen Assoziationen erleichtern kann. Besonders interessant ist dabei der methodische Kontrast zu Ansätzen, die stärker auf Selbstbericht oder bildgebende Verfahren wie fMRT/EEG setzen; hier liefern elektrodermale Daten die Brücke zwischen Körperzustand und kognitiver Output-Qualität.

Der kausale Kniff kommt über eine Interventionsrunde in einer der beiden ovulatorischen Sitzungen. Bevor die Probandinnen mit dem Kreativitäts-Task starteten, verbrachten sie zehn Minuten in einem ruhigen Setting: Sie sollten sich auf einer Couch entspannen und dabei beruhigende Musik hören, gespielt auf sogenannten tibetischen Klangschalen. Diese Art von gezieltem Herunterregeln der körperlichen Aktivierung dient als Gegenbeweis gegen die Annahme, es handle sich ausschließlich um „gefühlsbasierte“ Veränderungen. Die Sensoren zeigten anschließend weniger physiologische Aktivierungsspitzen – und parallel sank die Originalität der generierten Ideen wieder in Richtung der Werte nicht-fertiler Phasen.

Aus Unternehmens- und Industrieperspektive ist das mehr als ein biologisch interessantes Detail: Es erinnert daran, wie stark kognitive Leistung in Echtzeit von Zustandsschwankungen abhängen kann. Für HR-Programme, Lernplattformen oder „Productivity“-Tools bedeutet das eine potenzielle Grenze vieler pauschaler Annahmen. Wenn Output-Qualität, selbst innerhalb weniger Minuten, mit körpernahen Aktivierungsmaßen gekoppelt ist, braucht Design in der Praxis mehr Kontext: adaptive Timings, fairere Messfenster und die Anerkennung, dass Leistung nicht über den gesamten Zyklus konstant ist. Zugleich zeigt die Studie eine regulatorisch relevante Seite: Körperdaten, auch wenn sie „nur“ elektrodermale Aktivität sind, gelten in der Umsetzung als besonders sensibel. Datenschutz und Einwilligungslogiken müssen bei jeder Digitalisierung solcher Messungen sehr streng ausfallen.

Historisch fügt sich das Ergebnis in eine länger laufende Debatte über state-dependent Creativity ein. Divergentes Denken gilt seit Jahrzehnten als Indikator für kreatives Potenzial, vor allem wegen der Fähigkeit, viele unterschiedliche Ansätze für offene Probleme zu produzieren. Gleichzeitig war die Frage immer offen, ob solche Schwankungen in erster Linie durch kognitive Strategien, emotionale Bewertungen oder eben körperliche Aktivierungszustände erklärt werden. Genau hier setzt die Arbeit an: In Selbstberichten fühlten sich die Teilnehmenden an fertilen Tagen nicht „energetischer“ oder „sexuell erregter“ als in anderen Phasen. Die physiologische Aktivierung war hingegen eindeutig messbar, was den Abstand zwischen bewusstem Erleben und tatsächlichem Körperzustand unterstreicht.

Für den Ausblick bleibt jedoch Vorsicht geboten. Die Autorinnen und Autoren selbst betonen Limitationen: Die Entspannungsintervention senkte zwar die Aktivierung, verbesserte jedoch zugleich die Stimmung insgesamt. Positive Stimmung kann kreatives Denken zusätzlich begünstigen und könnte die Effekte teilweise überlagert haben. Außerdem untersuchten die Teams nur einen Ausschnitt von Kreativität – divergentem Denken. Kreativität als Ganzes umfasst aber mehrere Domänen, etwa inkrementelle Ideenfindung, künstlerische Produktion oder Problemlösen unter realen Restriktionen. Weitere Studien werden sich deshalb damit beschäftigen müssen, wie sich die Befunde mit anderen Kreativitätsmaßen, anderen Populationen und insbesondere auch mit hormoneller Kontrazeption verhalten.

Ein praktisches „Next Step“ liegt auf der Hand: Wenn physiologische Aktivierung als proximer Mechanismus wirkt, kann die nächste Forschungsrunde die Bedingungen vergleichen, unter denen natürliche hormonelle Schwankungen reduziert oder eliminiert werden. Für Wissenschaft und angewandte Entwicklung heißt das auch: Kreativitätsassessments könnten künftig stärker über multimodale Zustandsmessungen interpretiert werden, statt nur Verhalten und Selbstauskunft zu betrachten. Insgesamt stärkt die Studie die Vorstellung, dass die Verbindung zwischen Körper und Kognition kurzfristig steuernd wirken kann – und dass Kreativität nicht nur eine mentale Eigenschaft, sondern zeitweise auch ein physiologischer Zustand ist.


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