HESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berufsgenossenschaft BG ETEM setzt ab Januar 2027 eine neue Systematik für Gefahrtarife um und ermöglicht im dritten Mitgliedsjahr Beitragsnachlässe von 18 Prozent. Gleichzeitig rückt die Cybersicherheit noch stärker in den Fokus: Seit Januar ist sie als Pflichtteil in der Gefährdungsbeurteilung verankert. Parallel zeigen Gerichtsurteile und Baustellenunfälle, wie eng rechtssichere Sicherheitskonzepte mit konkreten Betriebszusammenhängen verknüpft sind. Für Unternehmen bedeutet das: GBU-Prozesse für Büro, Baustelle und IT müssen zusammenwachsen.

Die Entscheidung zur Beitragssystematik bei der Berufsgenossenschaft BG ETEM ist für viele Unternehmen mehr als nur Buchhaltung: Ab dem 1. Januar 2027 gilt ein neuer Gefahrtarif, der die Beitragsberechnung bis Ende 2032 strukturiert. Für die Praxis wichtig ist der konkrete Effekt auf die Kostenlogik: Elektrische Installationen werden in die Gefahrklasse 9,07 eingeordnet, Fotografie in Klasse 3,40. Unternehmen können außerdem ab dem dritten Mitgliedsjahr einen Beitragsnachlass von 18 Prozent erhalten. Wer bisher nur nach historischen Lasten geplant hat, muss damit neu kalkulieren und die eigenen Tätigkeiten sauber in die Gefahrenlogik übersetzen.
Damit die Kalkulation mit der Realität übereinstimmt, wächst der Druck auf die Gefährdungsbeurteilung (GBU) deutlich. Ein Urteil des Hessischen Landessozialgerichts knüpft die Anerkennung eines Unfalls an präzise Kriterien: Der Arbeitsort müsse vertraglich als Betrieb gelten, und der Weg müsse in einem unmittelbaren betrieblichen Zusammenhang stehen. Im zugrunde liegenden Fall war eine Frau in ihrer Mittagspause auf dem Weg zu einem Imbiss gestürzt und hatte sich den Oberarm gebrochen. Für Arbeitgeber bedeutet das: GBU-Prozesse, die Homeoffice bisher hauptsächlich als Schreibtisch-Ergonomie behandelt haben, müssen um betriebsbezogene Annahmen ergänzt werden.
Dass Sicherheitskonzepte nicht nur Theorie sind, zeigen die parallelen Meldungen aus der Betriebspraxis. In Raubling in Oberbayern rutschte eine rund 600 Kilogramm schwere Stahltreppe auf einer Baustelle auf zwei Arbeiter zu, die 34 und 38 Jahre alt waren; beide erlitten schwere Verletzungen und wurden per Rettungshubschrauber in Kliniken gebracht. Die Unfallursache ist noch unklar. Solche Ereignisse wirken wie ein Brennglas: Sie machen sichtbar, wie stark technische und organisatorische Schutzmaßnahmen voneinander abhängen. Besonders relevant sind klare Zuständigkeiten, belastbare Prüfprozesse und eine Dokumentation, die im Audit wirklich nachvollziehbar ist.
Auch regulatorisch steigt der Druck auf Betriebssicherheit, nicht nur im Arbeits- und Unfallschutz. In Griechenland läuft am 30. Juni die Frist für die Registrierung von Aufzügen ab. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 5.000 Euro sowie die Versiegelung der Anlagen. Solche Vorgaben verschieben die Risikokosten aus der reinen Instandhaltung in den Bereich Compliance und Betriebsfähigkeit. Für Unternehmen heißt das: Wartung, Nachweise und Meldepflichten müssen enger mit dem Risikomanagement verzahnt werden. Wer dafür zu lange auf „läuft schon“ setzt, verliert Zeit in der Beweisführung – und damit in der Kosten- und Haftungsdebatte.
Der vielleicht wichtigste Digital-Schritt kommt aus dem Arbeits- und Sicherheitssystem selbst: Die IT-Sicherheit wird zum Pflichtteil der Gefährdungsbeurteilung. Seit Januar gilt hierfür die aktualisierte TRBS 1115 Teil 1. Im Hintergrund steht eine einfache Betriebslogik: Wenn IT-Systeme Produktionsabläufe, Zutrittswege, Kommunikationskanäle oder Serviceprozesse absichern, dann müssen sie genauso abgesichert werden wie Maschinen. Branchenangaben zufolge meldet das BSI täglich rund 119 neue Software-Schwachstellen. Der Bitkom beziffert den Gesamtschaden durch Cyberangriffe auf etwa 289,2 Milliarden Euro. Der Markt erwartet deshalb nicht „mehr Awareness“, sondern nachprüfbare Sicherheitsmaßnahmen.
Interessant ist der Vergleich zur klassischen Präventionslandschaft: Neben der BG ETEM adressiert auch die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) konkrete Unterstützungsangebote. Am 1. Juli startet in Saarbrücken ein kostenfreies Grundlagenseminar für Unternehmer mit bis zu 50 Mitarbeitenden; im Mittelpunkt stehen betriebliche Prävention und die Umsetzungspraxis. Ergänzend stand im Berliner Kontext am 23. Juni das 11. Präventionsforum im Zeichen der psychischen Gesundheit: Psychische Erkrankungen waren 2024 die dritthäufigste Ursache für Fehlzeiten. Experten berichten, dass sich Unternehmen hier häufig verzetteln, wenn sie die GBU als isoliertes Dokument behandeln – statt als lebenden Regelkreis für Organisation, Technik und Verhalten.
Für die nächsten Quartale ergibt sich damit ein klares Muster: GBU-Prozesse müssen „end-to-end“ gedacht werden. Technisch bedeutet das, dass Gefährdungsfaktoren aus unterschiedlichen Sphären zusammengeführt werden – von betriebsbezogenen Wegen über Baustellen-Organisation bis hin zu IT-Risiken und Schwachstellenmanagement. Marktseitig verstärkt die Gefahrtarif-Neuordnung ab 2027 den Anreiz, Tätigkeiten und Einstufungen sauber zu dokumentieren, während das Compliance-Fenster bei TRBS 1115 die Sicherheitsarbeit messbar macht. Unternehmen sollten jetzt ihre Dokumentationsmodelle überarbeiten: Wo entstehen Medienbrüche zwischen Arbeitsschutz, Betreiberpflichten und Cybersecurity? Und wie lässt sich die Wirksamkeit der Maßnahmen so belegen, dass sie bei Kontrollen standhält?
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