LONDON (IT BOLTWISE) – Jeremy Grantham, bekannt für frühe Warnungen vor Dotcom- und Immobilienkrisen, hält Bitcoin für ein „nutzloses, spekulatives“ Konstrukt. Er kritisiert vor allem das Proof-of-Work-Prinzip als „Proof of unnecessary work“ ohne gesellschaftlichen Nutzen. Zusätzlich argumentiert er, Bitcoin liefere keinen Ertrag, stütze keinen stabilen Wert und tauge im Alltag nicht als Zahlungsmittel. Während der Markt rund um 60.500 US-Dollar schwankt, zeigen ETF-Daten zuletzt abfließende Gelder und damit abnehmende institutionelle Nachfrage.

Jeremy Grantham mischt sich erneut in die Debatte um Bitcoin ein – und zwar mit einer Wortwahl, die in Investmentkreisen selten „deskriptiv“ bleibt. Der GMO-Mitgründer, der bereits vor dem Platzen der Dotcom-Blase und vor dem Einbruch im US-Immobilienmarkt warnte, bezeichnete Bitcoin als „nutzloses, spekulatives Mechanismus“-Modell. Seine Kernaussagen zielen dabei weniger auf kurzfristige Kursbewegungen als auf die grundlegende Funktionsfähigkeit: Bitcoin zahle keinen Zins, halte keinen stabilen Wert und scheitere als Währung im täglichen Leben. Damit stellt er die drei klassischen Rollen von Geld infrage – Ertragsquelle, Wertaufbewahrung und Tauschmittel.
Technisch setzt Grantham besonders bei der Proof-of-Work-Architektur von Bitcoin an. Proof of Work (PoW) zwingt Miner, rechnerische Arbeit zu leisten, um Transaktionen in Blöcke zu packen und die Konsenssicherheit zu etablieren. Das erzeugt Energieaufwand, argumentiert Grantham, der volkswirtschaftlich keinen direkten Nutzen stifte. Historisch ist PoW als Antwort auf das „Byzantine Generals“-Problem entstanden, also darauf, dass verteilte Systeme trotz manipulierbarer Teilnehmer zuverlässig zu einem gemeinsamen Zustand kommen müssen. Kritiker sehen darin jedoch primär Verschwendung, weil die Rechenarbeit keinen Konsum- oder Produktionswert schafft.
Für die zweite Angriffslinie verweist Grantham auf den fehlenden „Transaction Layer“ für den Alltag: Auch wenn Bitcoin technisch transferierbar ist, akzeptieren ihn im Handel nur wenige Akteure als Zahlungsmittel. Für ihn ist entscheidend, dass ein Asset ohne breite, zuverlässige Akzeptanz nicht die soziale Funktion von Geld erfüllt. Das ist zugleich eine Markteinordnung: Liquidität und Settlement-Umfang entstehen nicht automatisch aus der Existenz eines Netzwerks, sondern aus Zahlungsgewohnheiten, Integrationen bei Händlern sowie aus regulatorisch und steuerlich klaren Abwicklungswegen. In diesem Punkt vergleichen Anleger gern Bitcoin mit etablierten Zahlungssystemen – und Genau hier fällt Bitcoin in Granshams Erzählung wiederholt durch.
Als dritte Säule greift er die Store-of-Value-These an. Anders als eine Aktie zahlt Bitcoin keine Dividenden, und anders als Anleihen generiert es keinen laufenden Cashflow. Für Grantham bleibt dadurch ein zentrales Preisanker-Problem: Wenn kein fundamentaler Anspruch auf Ausschüttungen existiert, spekulieren Marktteilnehmer über Erwartungen statt über Erträge. In der Praxis versuchen Investoren zwar, Bitcoin über Angebotsdynamik, Knappheit und Makro-Parameter zu bewerten – etwa über das begrenzte Emissionsregime und das Halving. Doch Granthams Grundidee bleibt: Ohne wirtschaftliche Rückkopplung fehlt ein natürlicher Bewertungsanker.
Seine Skepsis bekommt zusätzlich Gewicht durch seine historische Trefferquote – zumindest in der Erzählung. Er hatte den Dotcom-Übertreibungen vor dem Jahr 2000 eine Grenze gesetzt und soll laut der Meldung auch den Immobiliencrash vor 2008 frühzeitig adressiert haben. Gleichzeitig zeigt sein Track Record aber auch, dass Timing selbst bei plausiblen Thesen schwierig bleibt: In einer späteren Warnung zu US-Aktien kam er laut Bericht „zu früh“, weil Märkte zuvor weiter stiegen, bevor es zur Korrektur kam. Diese Ungenauigkeit ist für Krypto-Anleger zentral, denn ein „fundamentaler Gegenwind“ kann sich über Jahre in Seitwärts- oder Aufwärtsphasen überdecken.
Am Markt bleibt der Druck spürbar, obwohl die Frage offen ist, ob der Abwärtstrend bereits abgeschlossen ist. In dem beschriebenen Umfeld notiert Bitcoin um 60.500 US-Dollar, deutlich unter dem späten 2025er Hoch über 126.000 US-Dollar. Dazu kommen Zahlen zu US-Spot-Bitcoin-ETFs: Berichten zufolge gab es über 30 Tage bis Mitte Juni Abflüsse in Höhe von 6,35 Milliarden US-Dollar. Das spricht eher für abkühlende institutionelle Nachfrage als für eine sofortige Trendwende nach oben. Aus Expertensicht ist das außerdem ein Signal dafür, dass „Narrative“ in der Anlagewelt stärker mit Kapitalflüssen gekoppelt sind als mit reinen Technologieargumenten – ein Aspekt, den Grantham in seiner Fundamentalkritik implizit untergräbt.
Auch andere Skeptiker argumentieren ähnlich, was die Debatte nicht nur zu einer persönlichen Meinung macht. Peter Schiff wird in der Meldung als Vergleich genannt; er teilt die Linie, dass Bitcoin keinen intrinsischen Wert habe. Technisch und volkswirtschaftlich ist das zwar keine Messgröße in einem einzigen Modell, aber es folgt einer Bewertungslogik: Ohne Ertragsversprechen, Produktion oder Vertragsansprüche existiert für einen Teil der Investoren kein „verständlicher“ Werttreiber. Gleichzeitig nennen Befürworter – oft mit Blick auf das Lightning Network, die Tokenisierung von Zahlungsflüssen oder künftige institutionelle Adoption – technische und marktstrukturelle Mechanismen, die eine Nutzung als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel wahrscheinlicher machen sollen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Brücke zu Künstlicher Intelligenz und Infrastrukturkosten. Laut der Meldung hat der CEO von Coinbase in seinen Aussagen darauf verwiesen, dass KI-Infrastrukturkosten einen variablen Faktor für Krypto-Kapitalflüsse darstellen. Das ist im Kern eine Wettbewerbsfrage um Budget und Energie: Rechenzentren und GPUs konkurrieren mit Mining um Strom, Kapitalkosten und Engineering-Fokus. Historisch sehen wir bei neuen Tech-Wellen oft ähnliche Verlagerungen, etwa als Cloud-Migration anfänglich CapEx dominierte und später stärker in Opex überging. Für Bitcoin bedeutet das: Selbst wenn PoW weiterhin das Konsensmodell bleibt, entscheidet der Markt zunehmend, welche Kostentreiber gerade „investierbarer“ sind.
Aus Regulierungsperspektive ist die laufende ETF-Entwicklung ein weiterer Prüfstein. Spot-ETFs machen Bitcoin für bestimmte Anlegergruppen zugänglicher, aber sie unterliegen als Finanzprodukte strengen Auflagen, etwa zu Verwahrung, Reporting und Risikokontrollen. Das beeinflusst die Marktdynamik spürbar, weil Emission und Rücknahme unmittelbar mit Nachfrage und Liquiditätsmanagement gekoppelt sind. Zudem rücken Umwelt- und Energiethemen stärker in den Fokus öffentlicher und politischer Debatten, nicht zuletzt wegen der PoW-Energiefrage, die Grantham in den Vordergrund stellt. Für Unternehmen und IT-Leiter bedeutet das: Wer Krypto-Assets integriert, braucht nicht nur Wallet- und Custody-Konzepte, sondern auch Compliance- und Audit-Fähigkeit entlang der gesamten Daten- und Abwicklungsstrecke.
Wie geht es weiter? Granthams Erwartung ist laut Bericht kein „Kurs-Crash über Nacht“, sondern ein allmählicher Rückgang über Jahre bis Jahrzehnte. Das ist für beide Lager strategisch relevant: Skeptiker erhalten eine Zeithorizont-These, während Befürworter auf weiterhin robuste Adoption und mögliche Strukturänderungen setzen. Die Frage, ob ein Schlüsselunterstützungsniveau im dritten Quartal 2026 hält, wird damit zu einem Benchmark für kurzfristige Marktpsychologie – Granthams Langfristargumente testen hingegen eher die Annahmen hinter Bewertungslogiken und Nutzungsbereitschaft. Für Entwickler und Enterprise-Anwender heißt das: Wer heute mit Blockchain- oder Krypto-Funktionen arbeitet, sollte Szenarien absichern, insbesondere bei Custody, Settlement, Preisvolatilität und regulatorischen Anforderungen, statt sich auf „ein einziges Narrativ“ zu verlassen.
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